Sanft in der Hand

Literaturbetrieb Wie rettet man die kriselnde Lesekultur? Fragen wir doch ein paar Büchermacher mit Ideen
Sanft in der Hand

Illustration: Susann Massute für der Freitag; Fotos: Hulton Archive/Getty Images

Neun Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung für das Verlegen zweier Bücher – weil sie, so sagte es der Richter, „eine politische Agitation mit aktueller Zielsetzung“ enthalten. Gleich nach Drucklegung waren die insgesamt 77.000 Exemplare beschlagnahmt worden, weshalb der Verleger von „politischer Zensur“ sprach. Was klingt wie Schikanen aus einem Schurkenstaat, hat sich so in der Bundesrepublik Deutschland zugetragen. Als Helmut Schmidt im Jahr 1974 das Amt des Bundeskanzlers von seinem SPD-Genossen Willy Brandt übernehmen durfte, grassierte im Land eine beispiellose Hysterie um die Rote Armee Fraktion (RAF).

Klaus Wagenbach hatte es wenige Jahre zuvor gewagt, die RAF-Programmschrift Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa in seinem seit 1964 bestehenden Verlag zu veröffentlichen. Daneben rief ein weitaus putziger aufgemachter Titel aus dem Programm damals zuerst die Springer-Presse und dann die Behörden auf den Plan: Roter Kalender 1972 für Lehrlinge und Schüler. Der RAF-Text, zu diesem Urteil gelangte das Westberliner Landgericht, plädiere für die Gründung einer „kriminellen Vereinigung“. Im Kalender wiederum findet sich unter der Überschrift „Was man alles machen kann“ die Empfehlung „Veränderung von Kriegerdenkmälern“, was die Justiz als „Aufruf zur Sachbeschädigung“ wertete.

Schon direkt nach der Beschlagnahmung im Jahr 1971 lud das ZDF den Verleger in die Sendung Aspekte ein, in der Moderator Walther Schmieding den an seinen Fingernägeln kauend ins Leere blickenden Wagenbach verhörte. Ob er denn die Meinungsfreiheit als Freiheit von Verantwortung missverstanden habe? Immerhin sei die RAF doch eine strafrechtlich gesuchte Gruppe! Man müsse, antwortete Wagenbach, zumindest akzeptieren, dass die RAF eine politische Theorie habe. Außerdem, so Wagenbach, „war es noch nie ein Argument gegen ein Buch, dass deren Verfasser vielleicht kriminell sein könnten“. Verbrechen und Strafe, Freiheit und Repression – in dieser kleinen Fernsehdebatte ging es um die großen Fragen der Demokratie.

VG Wort statt RAF

47 Jahre später sitzt die Chefin des Wagenbach-Verlags an ihrem Schreibtisch in Berlin-Wilmersdorf und wünscht sich die alten Zeiten zurück. Nicht etwa politisch, sondern ökonomisch. Wenn derzeit in Deutschland vom Literaturbetrieb die Rede ist, dann geht es erstaunlich selten um Inhalte und erstaunlich oft um das liebe Geld. „Wir stehen wirtschaftlich gut da, aber die Veränderungen sorgen auch uns“, sagt Susanne Schüssler, die 2002 die Leitung des Verlags von ihrem Ehemann Klaus Wagenbach übernommen hat. Sie lässt ihren Blick durch den Raum schweifen, vorbei an den Familienfotos, vorbei auch an den wie Trophäen auf einem Tisch präsentierten Büchern des Hauses.

Beim lebensgroßen Pappaufsteller von Franz Kafka, über den ihr Mann mehrere Bücher geschrieben hat, stoppt Schüssler. Lächelnd sagt sie, sie sei stolz auf die Geschichte ihres Verlags: „Viele Entscheidungen treffen wir nach wie vor gemeinschaftlich.“ Heute aber müsse sie sich als Verlegerin wieder besonders stark mit den ökonomischen Gegebenheiten befassen. Also: weniger RAF und mehr VG Wort. Die VG Wort ist so etwas wie die GEMA der Buchbranche. 2016 hat der Bundesgerichtshof verfügt, dass Verlage kein Geld mehr von der Verwertungsgesellschaft bekommen sollen. Das Gesetz besage, dass nur die „Urheber“ die Tantiemen erhalten dürften, und als solche seien ausschließlich die Autorinnen und Autoren zu begünstigen.

Verlage mussten die demnach unrechtmäßig erhaltenen Beträge zurückzahlen. In den Feuilletons wurde das Urteil überwiegend als kurzsichtig und ungerecht bewertet. In der breiten Öffentlichkeit aber entstand teilweise der Eindruck, Verlage hätten über Jahre hinweg die Autoren benachteiligt und kaum mehr getan als abzukassieren. Mancherorts kam gar die Frage auf, ob Verlage heutzutage überhaupt noch zeitgemäß seien. So erklärt sich vielleicht auch dieser sich in der Politik so gering haltende Geräuschpegel angesichts mehrerer Insolvenzen renommierter Verlage wie Stroemfeld oder Klöpfer & Meyer, zu deren Ursachen auch das VG-Wort-Urteil gehört. Unter dem Titel Tübinger Memorandum forderten mehr als 100 Autorinnen und Autoren kürzlich unter anderem eine öffentliche Förderung für Verlage.

Als Christoph Links davon erfährt, denkt er lange nach. Die Geschäfte in dem nach ihm benannten Sachbuchverlag laufen rund, aber auch ihn treibt der negative Trend in der Branche um. Ob ein staatliches System rechtlich möglich und vor allem hilfreich wäre, da ist er sich nicht so sicher. Besser findet er das bewährte System der Verlagsbeteiligung an den Ausschüttungen der VG Wort, außerdem müsse die Buchpreisbindung unbedingt erhalten bleiben, denn nur so könne das „dichte Netz geistiger Tankstellen“ erhalten bleiben, wie Links in Anlehnung an ein geflügeltes Wort von Günter Grass die vielen Buchhandlungen im Land nennt. Gerade hat er den 1989 gegründeten Ch.-Links-Verlag an die Aufbau-Verlagsgruppe verkauft. Bei diesem Thema lacht der Mann in seinem mit Büchern vollgestellten Büro in der Kulturbrauerei in Berlin-Prenzlauer Berg. Ist das jetzt Sarkasmus, Fatalismus, Galgenhumor? Schließlich gibt er die Unabhängigkeit seines Lebenswerkes auf. Nein, sagt Links, es sei „die richtige Entscheidung“. Schon vor neun Jahren habe er angekündigt, dass er die Firma zu seinem 65. Geburtstag in jüngere Hände geben wolle.

Jetzt ist er 64. Einen geeigneten Nachfolger, der den Verlag mit seinen zehn Angestellten allein weiterführt, hat er nicht finden können. Unter neuem Dach gehe der Betrieb nun auch ab 2019 weiter, die Marke mit dem Schwerpunkt auf DDR-Geschichte und aktuelle Politik bleibe erhalten, und die neuen Eigentümer würden sich nicht ins Programm einmischen. So sei das fest vereinbart: „Wir ergänzen das Aufbau-Programm. Nehmen Sie nur den unerwarteten Erfolg unseres Buches Integriert doch erst mal uns! von Petra Köpping: Da haben wir gerade die vierte Auflage innerhalb von vier Wochen gedruckt.“

Christoph Links steht auf, kramt ein Exemplar unter seinem Computer hervor, blättert darin, dann fällt ihm etwas ein. Er springt wieder auf, hinter ihm gerät die kleine Lenin-Büste im Bücherregal bedenklich ins Wanken. Aus dem Nebenraum bringt er ein eingeschweißtes Buch mit: Das Netzwerk der Identitären. Ideologie und Aktionen der Neuen Rechten, herausgegeben von dem Journalisten Andreas Speit. „Kam eben ganz frisch rein“, sagt Links. Er reißt die Plastikfolie ab, atmet aus, riecht am Buch. Dann schließt er die Augen und gibt einen Laut von sich, als genieße er den Duft eines feierlichen Blumenstraußes.

Zwei glückliche Verleger, zwei Erfolgsgeschichten. Sind es Ausnahmen? Unlängst schreckte eine Horrormeldung den Literaturbetrieb auf. Binnen fünf Jahren sind dem Buchhandel sechs Millionen Käufer abhandengekommen, in jüngeren Altersgruppen ist der Schwund besonders groß. Wer sich in die Wohnungen von Akademikern unter 40 Jahren begibt, wird dort kaum mehr private Bibliotheken vorfinden. Bücherwände sind unter Lebensweltlich-Alternativen ebenso wie unter gut verdienenden Karrieristen als „Bildungstapete“ verschrien. Wer ihnen das gedruckte Werk als sinnliche Habseligkeit andrehen will, erntet bestenfalls Irritation.

Immer häufiger tauchen in den Medien seltsame Selbstbekenntnisse auf, die heimische Folianten als „Totholz für Angeber“ titulieren. Ein Beispiel dafür ist Meike Winnemuth, die vor Jahren in einer Quizshow reich wurde. Damit sie nicht als antiintellektuell diffamiert werden kann, schickte sie ihrem 2015 im Stern erschienenen Artikel voraus: „Ich schreibe Bücher, ich lese Bücher, ich liebe Bücher.“ Nur um wenige Zeilen später reumütig einzugestehen: „Ich lebe auf einer Müllhalde inmitten von glorifiziertem Altpapier. Also weg damit!“

Kapitalismus oder Tod

Der Bestsellerautor Rolf Dobelli rief 2016 in der Neuen Zürcher Zeitung allen Ernstes dazu auf, jeder solle sich ab einem gewissen Alter eine Leselochkarte mit 50 Feldern zulegen. Jedes Feld sei für genau ein Buch reserviert – mehr solle man für den Rest seines Lebens nicht lesen und erst recht nicht besitzen. In der Zeit beschrieb kurz zuvor der Redakteur Michael Allmaier, wie wichtig es für ihn gewesen sei, große Teile seiner umfangreichen Privatbibliothek auszusortieren. Man müsse der Wahrheit ins Auge blicken: „Wir können uns an unsere Bücher klammern, aber nicht an den Status, den sie früher mal hatten. Die Gelehrten von heute posieren nicht mehr vor Ledereinbänden. Sie haben ihre Büchereien unsichtbar auf der Festplatte.“

Wer sich nach der Lektüre solcher Texte mit Wolfgang Hörner trifft, der wähnt sich in einem Paralleluniversum. Vor dem Verlagsregal mit den Neuerscheinungen sieht er so begeistert aus wie ein Mann, der gerade Vater kerngesunder Vierlinge geworden ist. Fräulein Nettes kurzer Sommer von Karen Duve, Was dann nachher so schön fliegt von Hilmar Klute, Der Idiot des 21. Jahrhunderts von Michael Kleeberg, Anmut und Feigheit von Frank Schulz – jedes Buch nimmt er so sanft in die Hand, als wären es Neugeborene. 2009 gründete Hörner gemeinsam mit Esther Kormann den Galiani-Verlag. Seine Anstellung bei Eichborn gab er auf und stürzte sich in seinen „Wohnzimmerverlag mit Konzernanschluss“, wie er das Projekt nennt. Denn Galiani gehörte von Beginn an zum Verlag Kiepenheuer & Witsch, dessen Eigentümer wiederum seit 2002 der Holtzbrinck-Konzern ist.

Das Unternehmen ermögliche, dass es auch bei Galiani zu unerwarteten Bestsellern komme. Zum Beispiel Bruno Preisendörfer: „Er hatte vorher schon tolle Bücher geschrieben“, sagt Hörner. „Aber erst mit Als Deutschland noch nicht Deutschland war. Eine Reise in die Goethezeit hat er sich als Autor richtig etabliert.“ In den drei Räumen in der Berliner Friedrichstraße arbeiten vier Mitarbeiter daran, dass es solche Glücksfälle immer wieder gibt. Das wichtigste Qualitätskriterium sei darum seit Gründung des Verlages unverändert: „Ein Buch muss nicht nur brillant geschrieben sein, es muss mich als Leser vor allem auch überraschen.“ Ganz ohne den Rückhalt eines Unternehmens, das gibt Hörner zu, könnte sich der Verlag mit seinem anspruchsvollen Programm kaum halten.

Lautet die Devise somit: Kapitalismus oder Tod? Susanne Schüssler wirkt mit Wagenbachwie ein leuchtendes Gegenbeispiel zu den ökonomischen Sachzwängen. Zwar hält sie nicht mehr nur Werke linker Provokateure wie Pier Paolo Pasolini oder Ulrike Meinhof im Repertoire, sondern auch die Werke eines politisch schwer in Schubladen zu steckenden Bestsellerautors wie Alan Bennett. Schüssler versichert aber, sie sei ebenso wie ihr Mann noch nie auf die Idee gekommen, den Verlag zu verkaufen. Natürlich bereitet die büchermüde Jugend auch ihr Kopfzerbrechen.

Ihr Lösungsansatz ist so radikal wie die Geschichte des Verlags. Sie sieht die Politik in der Verantwortung: „Was wir jetzt vor allem brauchen, ist eine völlig andere Schulpolitik, damit der Umgang mit Bibliotheken und Büchern wieder so normal wird wie Fahrradfahren.“ Vielleicht könne sie dann sogar über einen neuen Kalender für Lehrlinge und Schüler nachdenken.

06:00 30.10.2018

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