„Sie nehmen sich viel zu wichtig“

Interview Der Autor Oliver Weber kritisiert politische Talkshows auf allen Ebenen. Was ist denn so schlimm an diesem Format?
„Sie nehmen sich viel zu wichtig“

Montage: der Freitag; Fotos: dpa, Imago, DDP, Getty Images

Die politischen Talkshows der öffentlich-rechtlichen Sender schwächeln seit Jahren, wenn es um die Resonanz beim TV-Publikum geht. In den diskursrelevanten Medien werden die Sendungen aber weiterhin umfassend besprochen, meist kritisch. Oliver Weber bescheinigt Anne Will und Co. sogar einen vernichtenenden Einfluss auf die Debattenkultur. So lautet die Kernthese seines soeben erschienenen Buches Talkshows hassen.

der Freitag: Herr Weber, wie kommt ein 1997 geborener Student wie Sie dazu, sein erstes Buch ausgerechnet den Talkshows und damit einem Format aus dem Zeitalter des linearen Fernsehens zu widmen?

Oliver Weber: Als im Jahr 2015 die sogenannte Flüchtlingskrise breit besprochen wurde, schrieb ich dazu einen Text für mein Blog, in dem ich für eine sachlichere Debatte plädierte. Weil damals das Thema der Dauerbrenner in den Talkshows war, rutschte ich in diese Sparte hinein. Mir drängte sich am Beispiel dieser Sendungen der Eindruck auf, dass etwas grundlegend schief läuft in der öffentlichen Diskussion. Dieser Gedanke ließ mich in den vergangenen Jahren nicht mehr los, weshalb ich dann das Buch geschrieben habe.

Was stört Sie an der Art und Weise, wie das Thema „Flüchtlinge“ aufgegriffen wurde?

Das lässt sich noch heute anhand der Sendungstitel erkennen. Damals kam die immer gleiche Suggestivfrage zum Einsatz: „Jetzt kommen so viele Flüchtlinge nach Deutschland, und kein Ende ist in Sicht. Können wir das verkraften?“ Das wurde in verschiedenen Varianten wiederholt: kulturell, ökonomisch oder mit Bezug auf die innere Sicherheit. Der Duktus legte eine Gefährdung des „Wir“ durch die Neuankömmlinge nahe.

Was ist verkehrt an der Frage, welche Probleme die Flucht- und Migrationsbewegungen für eine Gesellschaft mit sich bringen?

Nichts spricht dagegen, sich damit zu beschäftigen. Diese eine Frage wurde aber so oft wiederholt und kaum um weitere Themenaspekte bereichert, dass es fast schon komisch war, nach einem Jahr der Debatte irgendeine dieser Shows einzuschalten und noch immer auf diese Frage zu treffen.

Wie hätten die Redaktionen das Thema aufgreifen sollen?

Sie hätten zum Beispiel fragen können: Wie sieht die Zuwanderungsgeschichte in Deutschland aus? Und dann hätten sie Menschen mit Migrationsgeschichte einladen können. So ließe sich veranschaulichen, was jenseits der politischen Fronten in unserer Gesellschaft an Integration Tag für Tag passiert – mit allen Problemen und Chancen.

Bislang dominieren Vertreterinnen und Vertreter aus der Politik die Gästelisten. Es gibt in Deutschland 709 Bundestagsabgeordnete und 1.800 Landtagsabgeordnete. Warum sitzen trotzdem immer dieselben Leute in den Shows?

Das wichtigste Kriterium der Gästeauswahl ist die Gesichtsbekanntheit. Und das liegt daran, dass die Sendungen auf die Einschaltquote fixiert sind. Die Redaktionen meinen, dass allgemein bekannte Menschen das Publikum beim Zappen dazu bringen, nicht weiterzuschalten, sondern dranzubleiben. Da kursiert etwa der Spruch: „Der oder die funktioniert“, was bedeutet, dass eine Person reden kann, passabel aussieht und sich telegen präsentiert. So kommt es, dass Robert Habeck, Christan Lindner oder Jens Spahn ständig eingeladen werden und andere dort nie auftreten können.

Zur Person

Oliver Weber studiert an der Universität Mannheim Politikwissenschaft und Volkswirtschaftslehre. Artikel und Essays von ihm erschienen unter anderem in der FAZ und in Geschichte der Gegenwart . Sein Buch Talkshows hassen. Ein letztes Krisengespräch ist im Tropen-Verlag erschienen

In Ihrem Buch zitieren Sie Anne Will. Sie versteht sich als „Dienstleisterin“, die das Thema und jene Gäste auswählt, die am heißesten debattiert werden. Damit gesteht sie ein, auf die Quote zu schielen. Dürfen Sendungen des beitragsfinanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunks dieses Kriterium überhaupt so zentral ansiedeln?

Das Argument mit der Quote wird nur verschleiert vorgebracht. In der Branche gilt die Quote als gleichbedeutend mit dem Begriff der Demokratie. Wer eine gute Quote einfährt, der hat demnach viel Aufmerksamkeit generiert, ein großes Publikum erreicht und damit den öffentlich-rechtlichen Auftrag erfüllt. Das ist das Hauptargument, die Redaktionen und ihre Moderatorinnen und Moderatoren sagen: „Wir machen Shows, die vielleicht mal ein wenig eintönig sind, die Themen sind bisweilen ausgelutscht oder reißerisch formuliert, aber das müssen wir in Kauf nehmen, solange wir die Leute dort draußen erreichen.“ Darum wählen sie auch immer das jeweils aktuelle Aufregerthema.

Worin besteht aus Ihrer Sicht die Funktion der Polit-Talks in den Öffentlich-Rechtlichen?

Im Idealfall würden sie in einer wohldurchdachten Umgebung vorführen, wie man schwierige politische Themen von verschiedenen Seiten argumentativ betrachten kann und so zur Meinungsbildung der Bevölkerung beitragen. Die Shows treten bislang zu bedeutungsschwer auf, halten sich für den Spiegel der nationalen Debatte und verstellen damit den Blick für das, was sie bewirken könnten. Wären die Redaktionen bescheidener, würden sie etwa weniger Gäste einladen, internationaler werden – dann würde sich öfter eine echte Diskussion einstellen, und die Shows könnten sich von Parlamentsdebatten unterscheiden, in denen es um Parteienproporz und politisches Entscheiden geht.

Wie bewerten Sie die Fragetechniken der Moderatorinnen und Moderatoren?

Frank Plasberg tritt in Hart, aber fair mit dem Anspruch auf, er müsse konsequent nachhaken, während Anne Will staatstragender erscheint. Gemeinsam ist aber allen Sendungen, dass die Moderatorinnen und Moderatoren bei Leuten aus der Politik selten darauf beharren, dass eine Frage auch tatsächlich beantwortet wird. Das liegt daran, dass man ihnen das Nachhaken so auslegen könnte, als würden sie bewusst eine bestimmte Position oder Partei bevorzugen oder benachteiligen. Das ist verständlich, denn bei aktuell fünf oder sechs Gästen pro Sendung und 60 Minuten Sendezeit wäre es schwer, alle mit derselben Härte zu befragen. Die Rahmenbedingungen müssten sich ändern, zum Beispiel mit weniger Gästen.

In „Hart, aber fair“ trat der AfD-Politiker Uwe Junge auf, kurz nachdem der CDU-Politiker Walter Lübcke durch einen Rechtsextremen ermordet worden war. Wie fanden Sie diese Sendung?

Sie ist nicht das Musterbeispiel einer gescheiterten Talkshow, auch wenn sie medial so behandelt wurde. Frank Plasberg hat darin einiges richtig gemacht. Zum Beispiel fragte er Junge nicht: „Distanzieren Sie sich von dem Mord?“, denn das hätte natürlich jeder AfD-Politiker sofort mit „Ja“ beantwortet. Stattdessen fragte Plasberg konkret nach: „Was machen Sie, um all die bedrohlichen Hassattacken gegen Andersdenkende aus Ihrer Partei und deren Umfeld zu verhindern?“ Solche Nachfragen gibt es viel zu selten. Am Ende ließ sich Plasberg dann leider wieder auf das alte Spiel ein und entließ Junge mit dem typischen Lippenbekenntnis: „Wir werden da mehr tun.“ An dieser Stelle hätte er unbedingt fragen müssen: „Was genau wird Ihre Partei tun? Und warum ist in den vergangenen zwei Jahren nichts geschehen?“

Laden die Talkshows zu häufig AfD-Mitglieder ein?

Gemessen an ihren Wahlergebnissen, gibt es seit der Parteigründung 2013 eine minimale Unterrepräsentation der AfD in Talkshows. Sie werden also definitiv nicht zu oft eingeladen. Der Eindruck entsteht wohl dadurch, dass die Shows oftmals dem Duktus der Rechten entsprechen und dadurch, dass immer wieder Gesprächsteilnehmer in den Shows sitzen, die nicht AfD-Mitglieder sind, aber sympathisierende Ansichten vertreten. Angesichts der Breite, in der Leute von der AfD mittlerweile in der Bevölkerung hineinwirken, wäre es fatal, sie aus den Sendungen ganz herauszuhalten. Wenn sie dort sind, sollte die Moderation aber sehr gut vorbereitet sein, sie nicht nur mit ihrem Lieblingsthema „Flüchtlinge“ konfrontieren und ihnen vor allem nicht ihre Stanzen durchgehen lassen.

Welche politische Talkshow ist die beste, die je gesendet wurde?

Da fällt mir Talk im Turm ein. Das war nicht die beste Show, aber sie sticht bis heute hervor. Sie lief in den neunziger Jahren bei dem Privatsender Sat.1, bei Youtube sind einzelne Folgen zu finden. Dort saß mit Erich Böhme ein aufmerksamer und besonnener Moderator. Die Gäste wählte man danach aus, ob man das jeweilige Thema mit ihnen sachlich und tiefgründig debattieren konnte. Nachdem Böhme durch Stefan Aust ersetzt worden war, ging es schnell bergab, aber in den ersten Jahren ist Talk im Turm nicht den Themen hinterhergelaufen, sondern setzte sie mutig selbst. So müsste es heute auch viel öfter sein.

06:00 25.08.2019
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