Den Kopf hinhalten

Nachruf "Your fucking minds are so open your brains have fallen out!" Magdalen Berns war Radikalfeministin auf Youtube - eine Würdigung
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Irgendwann 2016 spülte der Algorithmus sie in mein Sichtfeld: Eine junge Britin mit wüster Frisur, deren Videos merkwürdige Titel trugen wie "There Is No Such Thing as a Lesbian With a Penis" oder "RE: "TERF Wars"... Receipts Please?" und offenbar einen Themenbereich behandelten, der mir nicht vertraut war noch bis dato interessant erschien... Jedoch: youtube ist ein visuelles Medium, in dem auf kleinem Raum viele Reize versendet werden. Wenn jemand sich dort schon optisch so stilsicher cool abhebt, ist es wohl ausnahmsweise in Ordnung, die Eloge auf eine Radikalfeministin mit ihrer Frisur zu beginnen, denn mir ging es exakt wie in dem Kommentar unter einem ihrer Videos: "Came for the hair, stayed for the content".

Da waren also diese grandios wirren Haare, die ihr quer im verschlafen wirkenden Gesicht hingen. Kapuzenpulli, neutraler Hintergrund, mehr gab es von ihr meistens nicht zu sehen - ein sicher beabsichtigter optischer Kontrapunkt zur Rasanz des content: Die Videos sind in jeder Hinsicht ausgeschlafen, die Schnitte schnell, dicht und auf Aussage konzentriert montiert. Manchmal wechselt der Winkel leicht, aber immer streckt sie ihren Kopf in die Kamera. Und das ist es, was sie da tut, auf youtube, in einer abgelegenen Filterblase, wo es zum Teil hysterisch und phantastisch hergeht und der Mainstream gar nicht hinsieht, aber Kinder zuschauen: Sie hält den Kopf hin. Ihre Bildung ist fundiert, die Argumente sind präzise, salopp und scharf formuliert, aber nicht grundsätzlich polemisch, sondern überwiegend mit der geduldig-genervten Sachlichkeit einer Person vorgetragen, die logisches Denken, wissenschaftliche Definitionen und Wörterbücher gegen ideologischen Eifer und gefühlte Wirklichkeit in Stellung bringt.

Das war Magdalen Berns: Feministin, Youtuberin, Physikerin. Eloquent, streitbar, informiert, kohärent. Was sie sagte, klang für mich zutiefst vernünftig und machte mir klar, dass es neben neoliberalem Fähnchenschwenken für Sprachregelungen und politische Kosmetik vs. borniert-antifeministisches Dagegensein noch eine andere, ganz nachvollziehbare, explizit feministische, explizit linke Sicht auf die kulturellen Entwicklungen gibt. Ihre Videos brachten mir eine Position zu Bewusstsein, die mir bis dato unbekannt war: Gender-kritischer Radikal-Feminismus.

Magdalen Berns führte Debatten, für die es in unserer Sprache noch gar kein klar definiertes Vokabular gibt. So ist gender-critical RadFem im englischen Diskurs eine recht präzise Zuordnung - auf Deutsch wären die einzelnen Begriffe zu klären. Angefangen bei "Gender", das hierzulande im Alltag hauptsächlich als Reizwort ungenauer Bestimmung kursiert, unter Leuten, die sich gerne über etwas aufregen, das sie so genau gar nicht wissen, weil eben einfach nicht haben wollen...

Im Englischen bezeichnet "gender" das soziale Rollenmodel, dem die Attribute feminine/masculine zugeordnet sind (gender-critical meint hier die Position, die davon ausgeht, dass gender /masculinity/femininity ein kulturell abhängiges Konstrukt und nichts weiter als Rollenklischees sind, die man überwinden und nicht durch die Behauptung eines natürlich gegebenen gender zementieren sollte) - in Unterscheidung zur biologischen Kategorie "sex", zu der es die Attribute female/male gibt (und die der RadFem durchaus eine relevante Kategorie sind, weil aus ihrer Sicht die patriarchale Diskriminierung von Frauen auf deren Gebärfähigkeit basiert). Wer (wie ich) dachte, dass diese sprachliche Differenzierung zu weniger Diskursverwirrung führt, kann sich bei Magdalen Berns ein gegenteiliges Bild machen. Ein guter Teil ihrer Videos enthält eins ums andere Mal die Erklärung des Unterschiedes zwischen sex und gender, der auch im englischsprachigen youtube auf groteske Art verwechselt, vermischt und den jeweiligen Anliegen entsprechend interpretiert wird.

Die meisten Videos von Magdalen Berns sind Response-Videos, kommentierende Antworten auf allerlei aus ihrer Sicht gesellschaftspolitisch Bedenkliches, Bizarres, Grenzwertiges und Durchgeknalltes, das auf youtube rund um gender identity issues so kursiert. Ihr Schwerpunkt dabei ist die Kontroverse zwischen Trans*aktivismus und radikalfeministischen Lesben innerhalb der "alphabet soup community" (Berns) und in politischen Kreisen z.B. an Universitäten - die aber aus radikalfeministischer Sicht ihre Spiegelung in der Gesamtgesellschaft hat: Wo der biologische Unterschied zwischen Männern und Frauen negiert wird und ein "sich identifizieren" mit physischer Realität gleichgestellt, könnten aus Gründen von und für Frauen erkämpfte Schutzräume und Foren jedermann zugänglich gemacht werden, und Frauen-spezifische Forderungen würden damit abermals marginalisiert.

Teile der trans*aktivistischen Szene sehen derlei Einwände als transphobe Diskriminierung an, mindestens aber als "exkludierend", weswegen Menschen wie Magdalen Berns von ihnen das Etikett TERF verpasst bekommen: Trans Excluding Radical Feminist - was innerhalb der sittenpolizeilichen Gesetze der Neuen Hypersensibilität offenbar einem Nazi-Vorwurf gleichkommt, jedenfalls ist dieser Schimpf Magdalen Berns nicht so kommentarlos egal wie das regelmäßig wiederholte, ohnehin vorhersehbare "ugly dyke" in den Kommentarstreifen...

Vielleicht Kern, auf jeden Fall Gegenstand der Kontroverse ist die Frage, ob in einer inklusiven Zukunft, die zumindest auf youtube schon heiß diskutierte Gegenwart scheint, physisch männliche (male) Personen sich Lesben nennen "dürfen" - und im verschärften Fall von Lesben erwarten, sie in ihrer Identität und somit als potentielle Sexualpartner zu bestätigen. Für die Lesbe und Feministin Magdalen Berns ist die Antwort ein klares "Nah mate!", das eigentlich keiner Erläuterung bedarf, aber sie erklärt es auch immer wieder nochmal von vorne: Die Wahl von Sexualpartnern ist per Definition exkludierend. Zurückweisung weswegen auch immer ist nicht schön, aber eine Diskriminierung, mit der klarzukommen ein Teil von "erwachsen sein" ist. "Nein" heißt auch für eine irgendwie benachteiligte Person "nein". Und eine Erwartungshaltung, die Sex auf Wunsch beinhaltet, sieht je nach Perspektive der alten männlichen Verfügung über den weiblichen Körper verdammt ähnlich, wie auch immer eins sich identifiziert. Im Übrigen: "Go for the dictionary and let me know what you´ve come up with!"

Nun könnte man meinen, derlei sei gesellschaftlich unter Toleranz zu vernachlässigen, beträfe lediglich winzige Minderheiten und freidrehende Einzelexemplare - jedoch: Nicht nur auf youtube gibt es hochoffiziell geförderte Trolle, die ihren unguten Egotrip entlang einer angesagten policy gestalten, und so ging es Magdalen Berns weniger um das exzentrische Individuum, sondern mehr um Protest gegen organisierten Irrsinn im Namen der Fortschrittlichkeit. Ihre Schlussfolgerungen waren parteiisch, aber nicht immer im Sinne der eigenen Gruppenzugehörigkeit, wenn dabei der Verstand auf der Strecke bleibt: "Stonewall UK", resümiert sie 2016 an die Adresse einer LGBTQ*-Organisation, die mit dem Slogan "acceptance without exception" wirbt: "your fucking minds are so open your brains have fallen out! You do not represent us. You are absolutely fucking treacherous money-taking bastards."

Eine Menge Wirrnis herrscht in den Debatten, Köpfen und im worldwideweb. Der Einfluß von youtube-Videos auf sehr junge und andere Menschen auf der Suche nach Orientierung und Information ist nicht zu unterschätzen. Magdalen Berns hat in ihrem kurzen Leben eine enorme Arbeit für die Aufklärung über ihre Position, den gender-kritischen Radikalfeminismus, geleistet. Ihre Videos werden weiterhin Menschen bei der Orientierung in der Gender- Feminismus- und Identitäts-Politik weiterhelfen, inspirieren und hoffentlich die Wirrnis mindern.

Magdalen Berns starb mit 36 Jahren am 13.09.2019 nach mehreren Operationen an den Folgen eines Hirntumors. Sie hat auch während des Kampfes um ihr Leben weiter kommentierende Videos zu radikalfeministischen Belangen produziert. Ihr letztes Video ist ein erschütternd aufrichtiger, zerbrechlicher, stolzer, tapferer Abschied-für-den-Fall. Ihr letztes Profilbild auf facebook zeigt die Operationsnaht auf ihrem geschorenen Kopf: Sie hat ihn hingehalten bis zuletzt.

Magdalen, der Kampf geht weiter!

15:48 14.09.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Charlie Schulze

"Bei meinen Feinden, zuweilen, finde ich Zuflucht vor meinen Genossen." (Peter Rühmkorf)
Charlie Schulze
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