Kein Gespräch, nirgends

Konflikt Die Akademie in Tutzing lädt zum israelisch-palästinensischen Dialog ein – und wieder aus
Christian Füller | Ausgabe 16/2017 2
Kein Gespräch, nirgends
Den Starnberger See kann kein Wässerchen trüben. Oder doch?

Foto: imago/Oryk Haist

Die Evangelische Akademie in Tutzing ist wahrscheinlich das schönste der protestantischen Gesprächshäuser. Am Starnberger See liegt es, ein Schloss, dessen Garten sich dicht ans Wasser heranschmiegt. Manche Tagungsgruppen reden nicht in der Rotunde im Haus, sie stellen sich an den See, um zu palavern, zu beten oder nur die Alpen zu bestaunen. Vielgestaltiger als hier kann man sich nicht austauschen. Dennoch hat die Akademie völlig überraschend den Dialog zwischen Palästinensern und Israelis abgesagt, zwischen Muslimen, Juden und Christen, die für Mitte Mai eingeladen waren.

„Israelisch-palästinensische Friedensgruppen als Lernorte für deutsche Politik?“ hieß die Tagung, seit Monaten vorbereitet, längst öffentlich beworben. Am Gründonnerstag hieß es plötzlich: „Wir haben uns entschieden, diese Tagung zu verschieben.“ Es sei nicht gelungen, alle für das Thema maßgeblichen Gesprächspartner zu gewinnen. Der Eintrag stammt vom Leiter der Akademie, Udo Hahn, und die Frage muss lauten: Warum verkündet die berühmte Akademie am See einen Dialog – und bricht ihn dann unvermittelt ab? Der Akt ist schade, sogar in höchstem Maße ärgerlich.

Wenn es einen Konflikt gibt, der mehr Gespräche, endlich einen Austausch braucht ohne Waffen, Raketen und Selbstmordattentate, ohne Mauern, Aussperrungen und Siedlungen auf fremdem Gebiet, dann der im Nahen Osten. Dort herrscht einer der Urkonflikte der Menschheit, der wie ein Entzündungsherd andere Krisen immer neu ansteckt.

Die Liste der Eingeladenen ist erstaunlich. Avraham Burg, einstiger Sprecher der Knesset, war vermerkt, genauso Bassam Aramin, der Begründer des Familienforums aus Ramallah, und die für den Friedensnobelpreis nominierten „Combatants for Peace“ und so weiter. Umso verärgerter waren die Organisatoren. Die Absage schade dem Austausch in einer Region, in der kaum noch jemand miteinander spricht, sagte die Schriftstellerin Alexandra Senfft vom Vorbereitungskreis. „Ich finde es zutiefst bedauerlich“, monierte der Botschafter in Israel a. D. Rudolf Dreßler, „diese absolut ausgewogen besetzte Tagung zu verschieben.“

Die wahren Gründe für die Absage zu eruieren, ist praktisch nicht möglich. Die Behauptung des Akademieleiters Hahn, es mangele der Tagung an wichtigen Teilnehmern, weist der Kreis der Organisatoren empört zurück: Alle relevanten Gäste seien erreicht worden. Hahn weigert sich aber, genau wie die Evangelische Kirche, über seine Erklärung hinaus Auskunft zu geben. Gibt es etwa ein Geheimwissen über Teilnehmer? Im Internet raunt eine Gruppe, einige der Geladenen stünden der Kampagne „Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen“ nahe; die wird als antisemitisch eingestuft, weil sie Israel als „Apartheidsstaat“ brandmarkt. Die Organisatoren haben das von sich gewiesen. Und was soll der Vorwurf auch? Glaubt jemand, der Botschafter a. D. Rudolf Dreßler oder der Vorsitzende der Deutsch-Israelischen Parlamentarier, Volker Beck, nähmen an einer Tagung mit Antisemiten teil?

Wer im palästinensisch-israelischen Krieg, wie viele der in Tutzing eingeladenen Friedensaktivisten, auf Augenhöhe zusammenarbeitet, der lebt sehr gefährlich. Eine Akademie, die diese Mutigen und Dialogbereiten ein- und dann aufs Geratewohl wieder auslädt, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dass sie weder den Konflikt noch ihre eigene raumgebende Rolle verstanden hat. Ja, Tutzing ist ein Ort des Dialogs. Allein die malerische Kulisse am See aber reicht dafür nicht aus. Dazu braucht es Unabhängigkeit – und Standhaftigkeit.

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06:00 03.05.2017
Geschrieben von

Christian Füller

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Christian Füller

Ausgabe 31/2020

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