Frauenmonster lachen dich an

NIKI DE SAINT PHALLE IN ULM Bunt bemalte Traurigkeit

Sie war Klosterschülerin, Ehefrau, Fotomodell, Mutter, dann "neue Realistin" und Produzentin sogenannter Schießbilder, mit denen sie die gesamte männliche Welt abknallen wollte und dann doch nur in Assemblagen verpackte Farbbeutel zerfetzte, deren Inhalt sich Jackson-Pollock-artig über Holz oder Gips ergoss. Als sie 1930 geboren wurde, war ihr Vater gerade im Börsenkrach bankrott gegangen. Als sie sich 1960 von ihrem Ehemann trennte, dem Schriftsteller Harry Mathews, wollten die Kinder lieber zum Vater als zur Mutter. Trotzdem predigte sie fortan die Vorteile matriarchaler Prinzipien und erfand die Nanas, fette bunte Frauen-Skulpturen, die heute jedes Kind kennt und die entfernt an die vorzeitliche Venus von Willendorf erinnern; in der Vorzeit waren die Götter weiblich.

Die Nanas, zu deutsch: Huren, Gören, Mädels der Niki de Saint Phalle sind Karikaturen dessen, was manch einer (oder eine) sich unter Weiblichkeit vorstellt: dicke Brüste, dicker Bauch, kleiner Kopf. Andererseits wieder strahlten sie eine gewisse Lebensfreude aus, was bei der feministischen Fraktion Frohlocken auslöst, es lebe die Fruchtbarkeit. Wieder andererseits scheinen diese fetten Frauen zur Selbstironie fähig, was ja erfreulich ist, weshalb viele Menschen die Retrospektive im Ulmer Museum besuchen werden. Noch andererseits aber, seien wir ehrlich, ist das alles auch ein bisschen glatt und poppig und oberflächlich, es variiert eine einzige Idee: die Nana ist wie eine Cola-Flasche, ein Signet, ein Firmenstempel.

Die Ulmer Schau versucht, die chaotische Entwicklung der Niki de Saint Phalle begreiflich zu machen. (Ich dachte immer, der Name sei ein sorgfältig gewähltes Pseudonym, aber er ist alter französischer Adel.) Man sieht die Wutausbrüche der Frühphase, die Schießbilder, man sieht die Assemblagen, in denen Unmengen kleiner Kinderpuppen sich zu einer Herz-Form versammeln, Gips-Skulpturen aus Totenköpfen, schließlich: kleine Monster, die sich langsam zu jenen dicken göttlichen Frauen hin entwickeln, den Nanas, deformierte Menschen, die über sich lachen. Es gibt in Ulm Multiples, Piktogramme, Fotos, Serigraphien, Reliefs, Briefbilder mit dem typischen Saint Phalles'schen Bildvorrat und kurzen eingeschobenen Sätzen, etwa: "others have liked my body, why don't you?" Es gibt riesige Sphinxen, Schlangen, Plastiken, verliebte Vögel -, oder bunte Szenen: "Adam und Eva oder das Picknick oder die Liebenden" - und immer ist Jean Tinguely präsent, der Schrott-Animator, der Künstler der mobilen Maschinen, der mit Niki de Saint Phalle gelebt und gearbeitet hat und ihre plastilenen Köpfe und Körper in Bewegung brachte.

Gemeinsam mit Tinguely hat Saint Phalle ab 1980 auch jenen berühmten, poppigen, witzigen, manchmal ein bisschen kitschigen Zauber-Garten im toskanischen Capalbio eingerichtet, der in Ulm in Entwürfen und Multiples vorgestellt wird. Saint Phalle bläst das Figuren-Arsenal der Tarot-Karten zu riesigen begehbaren Skulpturen auf, kleine Häuser mit spiegelndem Innenleben, ein absurdes, schaurig-schönes Disneyland. Zentrale Skulptur ist (nach barockem Vorbild) ein alles verschlingender und gebärender Mund, die "Päpstin".

Zugegeben: was uns heute naiv und kindlich anmutet, war in den sechziger Jahren neu und provokativ, ebenso wie die Materialbilder von Daniel Spoerri oder die Blau-Exzesse des Yves Klein. Durch Selbstzitat und endlose Reproduktion gehören die Nanas der Niki de Saint Phalle jetzt aber zu den Topoi in unserem Kopf, und es will mir scheinen, dass die ostentative gute Laune dieser Riesenfrauen eine ins Offensive gewendete Depression der Künstlerin kaschiert. Die Nanas haben in ihrer Unförmigkeit auch etwas ungemein Trauriges, sie sind Notwehr-Puppen, Polyester-Ikonen einer bunt angemalten Verzweiflung. Niki de Saint Phalle, die von der Gefährlichkeit des von ihr benutzten Materials Polyester anfangs nichts wusste, ist dadurch nun sehr krank, von diversen psychischen Breakdowns einmal abgesehen. Und nachdem sie kürzlich der Illustrierten Focus enthüllt hat, sie sei als Elfjährige von ihrem Vater vergewaltigt worden, muss man das Kindlich-Heitere in ihrem Werk wohl doch in einem neuen Licht betrachten.

Ulmer Museum, bis 21. 11. 1999. Katalog: 36,- DM

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