Virtuos

DIE ANGST BANNEN Der Surrealist Yves Tanguy in der Stuttgarter Staatsgalerie

Yves Tanguy ist eher ein Unbekannter unter den Surrealisten; er galt zudem lange Zeit als einförmig und fade. Dieses Vorurteil wird nun von einer großen Stuttgarter Retrospektive wiederlegt. Überraschend ist nicht nur die stilistische Vielfalt des Malers; frappant ist vor allem, dass Tanguys Werk von den postkubistischen, antibürgerlichen Pariser Provokationen der zwanziger Jahre bis zu den Steinwüsten und Skelettierungen der fünfziger Jahre auch einen politischen Subtext hat, dass diese Traumbilder, die kaulquappige Wesen und gallertartige Massen im Nebel, in der Wüste, im Meer, in der Leere herumirren lassen, auch Zeitgeschichte spiegeln.

Während Salvador Dali ein Verfremder von Äußerlichkeiten ist, interessiert sich Tanguy wirklich für Innenwelten, für die Halluzinationen, die vor seinem inneren Auge auftauchen. Angstbilder sind das alles, technisch perfekt und seltsam lakonisch hingemalt, metallische Reste des Industriezeitalters, Zahlenrätsel, Knochenberge, Schatten, Figuren aus einer mit psychoanalytischer Schärfe wahrgenommenen modernen Sagenwelt.

Yves Tanguy war Bretone, Autodidakt, lernte 1925 André Breton kennen und wurde Mitglied der Pariser Avantgarde. Die Bilder der Frühphase sind voll düsterer Ahnungen, schwarze Landschaften, Puppenverbrennungen. Sind im Frühwerk die figürlichen Elemente nur angedeutet, Fische, Haare, Wolken, Hände, so wird diese fragmentierte Welt später, in den dreißiger Jahren, fast miniaturistisch detailgenau ausgemalt. Diese reduzierten Elemente erinnern nur noch von fern an Lebewesen. Sie schwirren verloren im All und werden in den vierziger Jahren, den Kriegsjahren, immer roboterhafter, scheinen zu marschieren und zu paradieren. Noch später, in der McCarthy-Ära, verknöchern diese Elemente zu starren Landschaften und Schutzwällen, es sind Restesammlungen, gefrorene Fels- und Formenfriedhöfe, die manchmal an die Megalithfelder und Strände der Bretagne erinnern.

Tanguy hat also von den durchsichtigen, lakonischen Sfumato-Bildern seiner Frühzeit gründlich Abschied genommen; was er in Amerika gemalt hat, 1939 ist er emigriert, spiegelt deutlich die Verkarstung auch der politischen Landschaft, Weltkrieg, Kalter Krieg, Desillusion. Die Bilder sind jetzt groß, architektonisch hart, vollgepackt, statt der verlorenen Einzelheiten gibt es getürmte Massen, die biegsamen Kaulquappen und Gallerthaufen haben sich in starre Knochenformationen gewandelt.

Die Ausstellung zeigt also den Virtuosen Tanguy in seiner Wandlungsfähigkeit, sie zeigt aber auch eine bedrückende Weltsicht, die nur dadurch einigermaßen erträglich wird, dass sie oft wie auf Hochglanz poliert daherkommt. Die Bilder mussten zumeist aus dem Ausland geholt werden; ein noch nie ausgestelltes Bild aus dem Jahr 1927 haben die Stuttgarter gleich gekauft: La Main dans les nuages, die Hand in den Wolken. Es zeigt seltsam verschlüsselt eine Puppenverbrennung, einen heidnischen Brauch, einen Gegenzauber. Tanguy, der Analytiker moderner Ängste, wollte auch seine eigene Angst bannen.

Yves Tanguy und der Surrealismus. Stuttgarter Staatsgalerie, bis 29. April 2001. Katalog 44,- DM

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