Bis nichts mehr gilt

Bücherkalender Mythische Kreaturen dem Vergessen zu entreißen, um sie sodann als Witzfiguren enden zu lassen, ergibt überhaupt keinen Sinn, meint ChristianBerlin
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Bis nichts mehr gilt
Foto: jokebird/photocase

Durch die Geschichten von Walt Disney entdeckte die heute Belletristik in Reimform und Sachbücher für Kinder schreibende Autorin Sandie Lee Muncaster seinerzeit, dass Tiere sprechen können. Aus dem virtuellen Klappentext erfährt man, dass die Autorin auf einer kleinen Hobby-Farm in Ontario aufwuchs. Während man bei ihrem zu Halloween auf Deutsch erschienenen „Monster Almanach“ weiß, dass es sich dem Titel zum Trotz um Belletristik handelt, scheint ihr beim Download der Kindle-Versionen des Almanachs als Gratis-Zugabe erhältliches Werk „Vergessene Kreaturen“ auf den ersten Blick tatsächlich ein Sachbuch zu sein: Hier entspringen die Fabelwesen nicht der Fantasie der Autorin. Sie stammen aus der Überlieferung mehrerer Jahrhunderte, in denen man diese Wesen lange für real hielt, bis sie schließlich, als bloße Fantasiegestalten kenntlich, bei Heine, Storm oder Myrivilis Eingang in die aufgeklärte Literatur der Neuzeit fanden, oder bis heute der modernen Kryptozoologie Hinweise zum Aufspüren ausgestorbener oder unentdeckter Arten liefern. Doch wer erwartet, dass Muncaster ihren jungen Leserinnen und Lesern diese spannende Wirkungsgeschichte ihrer Fabelwesen präsentiert, wird enttäuscht. Auch Primärquellen werden weder benannt, noch vorgestellt. Zeit- und geschichtslos kommen die Kreaturen daher, ohne dass man erfährt, aus welcher Kultur die Kunde von diesen Wesen stammt, von einer Reflexion ihrer Mutationen im Laufe der Jahrhunderte ganz zu schweigen. Stattdessen adaptiert und ironisiert Muncaster nach Art der Sesamstraße, wo der Finsterling Graf Dracula über das Wortspiel „the Count“ zu einer Witzfigur im Kontext des Zählen Lernens wird, nur ohne vergleichbaren pädagogischen Kontext. Schon oft war es das Schicksal ehemals heiliger oder furchterregender mythischer Gestalten, irgendwann bis zur Unkenntlichkeit oder Lächerlichkeit verfremdet in die Literatur einzugehen. Unter der Herrschaft des Monotheismus wurden heidnische Götter in Märchen und Sagen verbannt, wo sie im Volksglauben weiterlebten, bis sie irgendwann bei Perrault oder später Grimm und schlussendlich Walt Disney landeten. Ein ehernes Gesetz nimmt diesen Unholden dabei mehr und mehr jede Bedrohlichkeit, bis sie kindgerecht und freundlich daherkommen. So mutierte die germanische Todesgöttin Hella bei Grimm zur gütigen Frau Holle und später zur Motivationsfigur arbeitsamer Nachwuchs-Arbeiterinnen im Defa-Film. Sandie Lee Muncaster sucht zwischen Tradierung und Verballhornung nach einem Mittelweg, den der Klappentext ihres „Monster-Allmanachs“ verrät: „Die bunt bebilderten Monster sind gruselig genug, um unterhaltsam zu sein, aber nicht so, dass Ihr Kind nachts nicht schlafen kann.“ Bei den zeitlosen Porträts ihrer „vergessenen Kreaturen“ erreicht sie denselben Vertrautheits- und Gruseleffekt durch die Verknüpfung ihrer ort- und zeitlosen, kurzen Beschreibung mit der Erlebenswelt ihrer im Du angeredeten kleinen Leserschaar. Damit die so erzeugte Nähe keine Angst verursacht, wird die fehlende Distanz durch Ironie wiederhergestellt. Die comicnahen Zeichnungen von Public Domain & Ozzy Esha liegen auf dieser Linie und tragen das ihrige dazu bei. Mit dieser Methode stellt die Autorin ihrer Leserschaft als erstes die Gorgo vor. Von Homer über Freud bis hin zu Myrivilis hat deren Mär schon die Erwachsenen-Literatur durchgeistert. Muncasters Schilderung dieser Gestalt präsentiert als Novum eine rationalisierende Entzauberung der todbringenden Wirkung der Gorgo auf jeden Betrachter. Bei ihr erfährt der Leser, dass es die eigene Angst der Medusa war, die bewirkte, dass sich ihre Mähne aufrichtete, was sie sofort für den Betrachter größer und furchterregender aussehen ließ. Doch nicht ihr Anblick ließ ihn dann tot umfallen, sondern ihr Mundgeruch. Literarisch reiht sich Muncaster damit ein in die Gilde mythenentzaubernder Spottdrosseln von Aristophanes bis Heine, die mit der nämlichen Technik Götter und Fabelwesen entthronten und gleichzeitig dem dummen Volk, das an sie glaubte, in der Verfremdung den Spiegel vorhielten. Doch bei Muncaster droht diese Entzauberung zum Selbstzweck zu werden, ohne satirische Selbsterkenntnis wecken zu wollen. Welchen Sinn macht es, mythische Kreaturen dem Vergessen zu entreißen, um sie sie sodann als Witzfiguren enden zu lassen? Erschließt und erleichtert das Kindern, wie die grimmschen Märchen, den mühsamen Prozess des Reifens? Oder führt es sie vorbereitend wie Kinderbibeln durch kindgerecht verkürzte Erzählungen an einen später vielleicht für ihre Lebensdeutung und -bewältigung relevanten, auf jeden Fall aber kulturgeschichtlich bedeutsamen Fundus von Überlieferungen und damit vielleicht sogar an Literatur heran? In einer Zeit triumphaler Respektlosigkeit, in der subkulturell wie kulturindustriell alles und jedes ironisiert wird, bis nichts mehr gilt außer dem gestylten Ego, besteht stattdessen eher die Gefahr, dass Verfremdungen tradierter Stoffe im Geist dieser Zeit zu nichts anderem führen als zur selbstreferenziellen Bestärkung eben dieser respektlosen Haltung. Statt Erlebenswelten neu zu erschließen kann ein literarisches oder audiovisuelles Medium, das seine Stoffe nur entschärft und verballhornt, bei Kindern eher die Chance vertun oder verbauen, an ihnen zu entdecken, dass es auch andere Haltungen gab und gibt, mit denen man ebenfalls sehr gut und ohne Langeweile leben kann.

06:57 19.12.2014
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Geschrieben von

ChristianBerlin

Theologe (Pastor) und Journalist, Berlin. Mitglied im Journalistenverband Berlin-Brandenburg (JVBB) und im Pfarrverein-EKBO. Singt im Straßenchor.
ChristianBerlin

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