Der Kirchentag und die Meinungsfreiheit

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„Der Kirchentag ist keine verfasste Institution, die Beschlüsse fasst und für gültig erkannte Positionen verkündet. Er ist das Ereignis und die Plattform zu einer freien Bewegung, die jeder und jedem Gelegenheit bietet, die eigene Meinung zu bekunden.“

Mit diesen Worten umriss Katrin Göring-Eckardt als diesjährige Präsidentin, was der Kirchentag mal war und was er jetzt wieder werden soll. Was viele nicht wissen: Mit der verfassten Kirche hat der Kirchentag ungefähr so viel zu tun wie der Fanclub mit einer Fußballmannschaft. Er ist eine Laienbewegung, gründet sich jedes Mal neu als Körperschaft und löst sich danach wieder auf.

Die wichtigste Ausdrucksform dieser Bewegung ist jetzt – wieder – die Bürgerbeteiligung. „Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern ist gefragter denn je“, erklärt die ehemalige Fraktionschefin der ehemals basisdemokratischen Bündnisgrünen die Trendwende. Die Vermutung, dass sie etwas mit Stuttgart 21, dem erfolgreichen Berliner Volksentscheid, der vom Volk durchgesetzten Energiewende oder dem sich selbst gerade entdeckenden Wutbürgertum zu hat, ist nicht ganz abwegig, aber auch nicht ganz richtig. Tatsächlich ist die Wiederentdeckung alter und neuer Kirchtagsformate vor allem der Präsidentschaft von Katrin Göring-Eckarhdt zu verdanken. Sie war war ihre wichtigste Forderung gewesen, wenn es in Dresden einen echten Kirchentag nicht nur in Ostdeutschland, sondern auch für Ostdeutsche geben sollte.

Die Kirchentage in der DDR hatten nämlich schon immer Konferenzcharakter gehabt, waren auf Beteiligung angelegt und garantierten die Meinungsfreiheit, die im Staate DDR Anfang der 70er in gerade abgeschafft worden war.

Im Westen wollte man säkular zu dieser Zeit gerade „mehr Demokratie wagen“. Deshalb gab es auch dort – in Analogie zum weltlichen Aufbruch, nicht im Kontrast - das „offene Mikrofon“, das in der DDR später ein festes Element montäglichen Friedensgebete in Leipzig und Magdeburg oder anderen Städten werden sollte und damit zum offenen Ventil der Bürgerwut.

In den 70ern konnte auch noch im Westen jeder, der wollte, ans Mikrofon gehen und dort dem damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt die Meinung sagen, der musste dann Rede und Antwort stehen. Seine jetzige Nachfolgerin war zwar auf mehr Kirchentagen als er, aber eine Gelegenheit, ihr die Meinung zu sagen oder ihr mit eigener Stimme Fragen zu stellen, gab es da schon nicht mehr. Diese Funktion übernehmen auf Kirchentagen seit geraumer Zeit sogenannte „Anwälte des Publikums“, denen man Zettel abgeben kann, aus denen sie dann eine vorgefilterte, oft mainstream-geprägte Auswahl treffen.

Das soll nun wieder anders werden. Zumindest bei überschaubaren Veranstaltungen soll das Mikrofon wieder für einfache Kirchentagsteilnehmer/innen geöffnet werden. Auch die berühmt-berüchtigten Kirchentagsresolutionen werden als Instrument zur Bürgerbeteiligung wiederbelebt: Sie konnten online schon vor dem Kirchentag beantragt und sogar schon verabschiedet werden, wenn sie die nötige Mehrheit erreichen. Eine von 15 beantragten Resolutionen schaffte das bereits vor dem Kirchentag.

In den 70ern und frühen 80ern waren Kirchentagsresolutionen ein wichtiges Instrument des Demokratisierungsaufbruchs gewesen (eine davon, in der die Ächtung aller Atomwaffen verlangt wurde, habe ich selbst 1983 in Hannover nach einer Podiumsdiskussion mit Rüstungsexperten eingebracht und durchgekriegt). Später ging die Bedeutung der Resolutionen und auch deren Anzahl zurück auf etwa 3 bis 5 pro Kirchentag. Jetzt sind sie wieder da und offenbar ein echter Mitmach-Magnet. Überhaupt hat der in diesen Minuten eröffnete 33. Deutsche Evangelische Kirchentag in Dresden schon jetzt mehr gemeldete Besucher als der in Bremen vor 2 Jahren. Vielleicht hat das schon – wenn auch nicht ausschließlich – mit dem neuen Trend zur Beteiligung zu tun.

18:00 01.06.2011
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Geschrieben von

ChristianBerlin

Theologe (Pastor) und Journalist, Berlin. Mitglied im Journalistenverband Berlin-Brandenburg (JVBB) und im Pfarrverein-EKBO. Singt im Straßenchor.
ChristianBerlin

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