Die sionistische Verschwörung

Mohammed-Video Gestern wurde in L.A. der angebliche Autor des Mohammed-Videos verhaftet. Vorwurf: Bewährungsbruch. Für seine Hintermänner ist er ein Märtyrer der Meinungsfreiheit.
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(1) Die vielen Väter der Idee

Ali Sinas Website „alisina.org – Everything You Need to Know about Islam“ ist seit heute wieder erreichbar. Der Vordenker des holländischen Rechtspopulisten Geert Wilders und Autor von „Understanding Muhammad“ bietet im Internet jedem 50.000 Dollar, der seine 12 Anklagen gegen den Propheten widerlegen kann. Dieses Preisgeld könnten jetzt die Leser von Robert Spencers zeitgleich erschienenem Buch Did Muhammad Exist? abräumen. Spencer, wie Sina ein führender Kopf des anti-islamischen Netzwerks SION („Stop Islamisation of Nations“), weist darin nach, dass die Quellen nicht einmal die Existenz Mohammeds sicher belegen, geschweige denn die darin berichteten Geschehnisse. Wer nie existiert hat, kann auch kein „Narzisst, Frauenhasser, Vergewaltiger, Pädophiler, Wüstling, Folterer, Massenmörder, Sektenchef, Killer, Terrorist, Verrückter oder Plünderer“ gewesen sein. Beide Bücher wären, jedes für sich, ein harter Schlag gegen den Islam gewesen – zusammen widersprechen sie sich einfach nur.

Im Moment könnte Sina das Preisgeld problemlos bezahlen. Auch mit Unterstützung von SION-Aktivisten hatte er bis Anfang September stattliche 2 Millionen für einen Film zu seinem Buch gesammelt, in dem das Leben Mohammeds dargestellt werden sollte. Dafür wird dieses Geld wohl nicht mehr gebraucht werden. Als Sina die Summe veröffentlichte, war sein Film-Projekt schon durch ein anderes überholt worden. Wieder waren es Mitstreiter von SION, die seine Arbeit zunichtemachten.

SION wurde Anfang des Jahres als weltweite Dachorganisation nationaler und kontinentaler Netzwerke wie „Stop Islamisation of Europe“ (SIOE) oder „Stop Islamisation of America“ (SIOA) gegründet. In SIOA ist der zum Atheismus konvertierte Ex-Muslim Ali Sina seit 2009 Kuratoriumsmitglied, Robert Spencer, studierter Religionswissenschaftler, ist Präsident. Seit 2010 ist bei SIOA auch der Fernsehmacher Joseph Nassralla mit dabei. Der Kopte ist Geschäftsführer der Stiftung Media for Christ, die über den Fernsehsender „Way TV“ arabischsprachige Christen im In- und Ausland mit Informationen und geistlichen Programmen versorgt. An 9/11 2010 gehörte Nasralla neben René Stadtkewitz, der in Deutschland wenige Tage später die rechte Splitterpartei „Die Freiheit“ gründen sollte, oder dem niederländischen Parlamentarier Geert Wilders zu den Hauptrednern der SIOA Gedenk-Kundgebung an Ground Zero, die vor allem das Ziel hatte, dort ein islamisches Gedenkzentrum zu verhindern.

Nassralla war im Juni 2010 nach einer SIOA-Kundgebung zum unfreiwilligen Medienliebling avanciert, nachdem er und sein Mitarbeiter El Masry, weil sie Koranverse verteilten und arabisch sprachen, zunächst für muslimische Unterwanderer und Veranstaltungsstörer gehalten worden waren, bis die aufgebrachten Teilnehmer verstanden, dass sie koptische Christen und Islamgegner sind. Seitdem gehört Nassralla dazu. SIOA-Präsident Robert Spencer unterstützte Nassralla und dessen regelmäßigen TV-Gast Steve Klein unter anderem bei deren Kampagne gegen den Polizeichef von Los Angeles. Der Kopte und der Vietnam-Veteran - Gründer der paramilitärischen Miliz „Couragious Christians United“ (CCU) - warfen Sherriff Leroy Baca vor, er ließe das LAPD von der Muslimbruderschaft kontrollieren, weil es im Gegensatz zum FBI mit der islamischen Menschenrechtsorganisation CAIR zusammenarbeite. CAIR registriert und dokumentiert seit 2001 eine ständig wachsende Zahl von Rechtsverletzungen gegenüber Muslimen in den USA.

Ausgerechnet diese beiden couragierten Mistreiter haben zusammen mit einem vorbestraften Betrüger Sinas ehrgeizige Film-Pläne zerschossen, indem sie zwar nicht besser, aber schneller waren. Sie hatten den Film, für den Sina noch Geld sammelte, längst gedreht – mit stark verkürztem Drehbuch und in erbärmlicher Qualität, ihn dann aber mit perfekt-perfidem Guerilla-Marketing promotet, und ihn so binnen Kürze weltbekannt gemacht.

Sinas Idee für seinen Mohammed-Film war so einfach wie genial gewesen: „Der Film, den ich plane, basiert auf authentischen Quellen. Er ist schockierend und enthüllend. Kein Moslem kann ihn ansehen, ohne vom Glauben abzufallen. Natürlich werden sie zuerst versuchen, alles zu leugnen, aber das wird nicht möglich sein, da der Film auf lauter Fakten beruht. Wenn die Wahrheit erst bekannt ist, ist der Islam seinem Untergang geweiht.“

Der Fehler war vielleicht, dass er seinen Investoren außer dem Ende des Islam auch horrende Gewinne versprach. Der Film könne, wenn man an die dänischen Karikaturen denke, einer der meist gesehenen werden - und das ohne Werbebudget. „Überall auf der Welt fürchten hunderte Millionen Menschen um ihre Freiheit. Sie werden unsere ersten Zuschauer und Werbeträger sein.“

Und Sinas Idee hatte noch einen Schöheitsfehler: Sie war nicht neu. Als Pamela Geller, die Vizepräsidentin von SIOA, Sinas Aufruf im Februar in ihrem Blog spiegelte, berichtete dort ein Kommentator, dass mindestens ein solches Drehbuch schon existiert. Vor 5 Jahren habe er selbst für einen Bekannten mit dem Nick „Believer“ eine Onlinepetition verfasst, mit der Mel Gibson gebeten werden sollte, die Filmbiografie des Propheten zu produzieren. In fünf Jahren nur wenige hundert Unterzeichner und keine Reaktion von Mel Gibson – mehr kam dabei nicht heraus. Spätestens seit dem oscarnominierten Mohammed-Film mit Anthony Quinn wissen Branchenkenner, dass jede bildliche Darstellung des Propheten ein Tabu des Islam verletzt. Schon 1976 gab es Volksaufstände, Bombendrohungen und eine Geiselnahme, obwohl in dem Film weder der Mohammed, noch seine Frauen, noch Ali zu sehen waren.

(2) Produktion und Produkt

Unklar ist, ob das Team, dem Media for Christ sein Studio und Equipment im August 2011 für 10 Tage lang zur Verfügung stellte, über Nassralla von Sinas Idee erfahren hat oder gar dessen Drehbuch gekannt und umgearbeitet hat. Dagegen spricht, dass der inzwischen untergetauchte Nassralla in einem von Pamela Gellert exklusiv veröffentlichten Statement bestreitet, je gewusst zu haben, dass er das Studio von Way TV für einen Mohammed Film zur Verfügung stellte. Sein koptischer Mitchrist Nakoula Basseley Nakoula habe ihn genauso getäuscht wie die Schauspieler und alle anderen. Nakoula habe ihn letztes Jahr angerufen und erzählt, er habe vor, einen Film über Christenverfolgungen im heutigen Ägypten zu machen und deren Ursprung in der „Kultur der Wüste“ zu untersuchen. Die Drehgenehmigung für „Wüstenkrieger“ (Desert Warrior) sei zwar für Media for Christ erteilt worden, die habe Nakoula aber ohne sein Wissen auf den Namen seiner Stiftung beantragt.

Diese Auskunft enthält ein paar Ungereimtheiten. Vor allem ist kaum glaubhaft, dass Nassralla sieben seiner acht Mitarbeiter 10 Tage lang auf Urlaub schickt und in dieser Zeit sein Studio einer fremden Crew zur Verfügung stellt, noch dazu für einen Film mit seinem – nicht ganz ungefährlichen - Dauerthema, ohne daran beteiligt zu sein und ohne je das Drehbuch gesehen zu haben. In der Schlussszene der Rahmenhandlung wird außerdem der Apotheker Dr. Matthew von seinen Töchtern, denen er gerade die Lebensgeschichte von Mohammed erzählt hat, nach Hany Sarofeem Nasralla gefragt, dessen Leiche tatsächlich 2006 im Nil gefunden wurde, mutmaßlich ermordet zur Verdeckung einer gescheiterten Zwangsbekehrung. Die Frage ist: Kann überhaupt der Nakoula, der im Unterschied zu Nassralla vorher weder als koptischer Menschenrechtsaktivist, noch als Film- oder Fernsehmacher, geschweige denn als Islam-Kenner in Erscheinung getreten ist, dieses Drehbuch im Gefängnis geschrieben haben? Und kann Steve Klein, der angibt, das Drehbuch als Koautor umgearbeitet zu haben, Nassralla, mit dem er seit Jahren zusammenarbeitet, den wahren Charakter des Filmprojekts verschwiegen haben?

Der Autor muss über profunde Islam-Kenntnisse verfügen, denn das Drehbuch ist, was die Szenen aus dem Leben Mohammeds betrifft, zum Teil genau nach den Quellen gearbeitet, genau wie Sinas Plot, nur mit einer wesentlich kürzeren Auswahl von Episoden und einer völlig anderen Deutung, die vor allem in den hinzuerfundenen Dialogteilen deutlich wird.

Was Ali Sina als Plot seines Drehbuchs veröffentlicht hat, ergäbe eine mehrteilige Trilogie wie „Herr der Ringe“ oder Wagners „Ring des Nibelungen“, das Drehbuch zu „Desert Warrior“ könnte dagegen mit nur einer Stunde Spieldauer realisiert werden. Sina charakterisiert und interpretiert Mohammed vor allem psychologisch. Sein Protagonist ist durch Demütigungen geprägt worden, die der verwaiste Sohn aus gutem Hause als Pflegekind bei armen Beduinen auszustehen hatte, sie haben ihn nach Sinas Meinung zu einem Einzelgänger mit hohem Geltungstrieb und rachsüchtiger Empfindsamkeit gemacht. Desert Warrior erklärt den Machtinstinkt und die Brutalität, die sich in den Berichten über den Umgang Mohammeds mit seinen Feinden in der Spätphase findet, durch eine wirtschaftliche Notlage, in die der 50jährige nach dem Tod seines Onkels und seiner ersten Frau geriet. Um des Überlebens willen mutiert der bis dahin gütige Prophet in Desert Warrior zum ethischen Materialisten und rücksichtslosen Machtzyniker.

Es hätte Satire sein können, wenn es nicht Realsatire wäre. Das Drehbuch von "Desert Warrior" sagt mehr über die Einstellung seiner Macher aus, als über den Gründer des Islam. Bezeichnenderweise werden Mohammed, Khadija und Aischa umbenannt in „George“, „Condalesa“ und „Hillary“. Condalesa benutzt an einer Stelle den Slogan ihrer Namenspatronin zum Irak-Krieg: „Time is running out.“ Das Wort Prophet wird ständig mit „i“ geschrieben („Profit“), wo „beten“ („pray“) gemeint ist, steht ab und an statt dessen „plündern“ („prey“). Auch den „Guten“ in diesem Film, Khadija und dem christlichen Priester, der sie traut, geht es nur um Geld und Macht. Sie verabreden heimlich, Mohammed zu täuschen, damit er sich selbst für einen Propheten hält. Die Gläubigen, die Mohammed zu Khadijas Lebzeiten gewinnt, fallen nach ihrem Tod wieder ab, weil Khadija sie heimlich mit ihrem Geld gekauft hatte.

Ein derart materiell fixiertes Menschenbild könnte dem Westen den Spiegel vorhalten, der „George“ dieses Films könnte ein „Brian“ des Islam sein, ein anachronistisches Abbild des aufgeklärten Denkens moderner Wüstenkrieger und Kollateralmörder. Doch das Ganze ist ernst gemeint, keine Selbstkritik, reine Projektion.

Die Umbenennung war keine gewollte Verfremdung. Die Namen waren einzig für die Produktion durch „search & replace“ ausgetauscht worden. In der Postproduktion wurden sie wieder zurückverwandelt und übersynchronisiert. Während Sina sich Gedanken machte, seine Schauspieler durch digitale Veränderung ihres Aussehens nach dem Vorbild von „Avatar“ zu schützen, waren sie hier einfach nur hinters Licht geführt worden. Seit dem 18. September sind alle Mitwirkenden durch eine Fatwa zum Tode verurteilt, ohne dass sie je gewusst hätten, dass sie in einem antiislamischen Film mitspielen. Die Macher dieses Films – die dieses Risiko kannten - scheinen selbst die besten Schüler ihres Mohammed zu sein, nur dass sie mit ihren Freunden umgehen, wie jener mit seinen Feinden.

(3) Der Filmstart und die Folgen

Am Freitag, dem 29. Juni 2012, erhält in einer Bürgerfragestunde vor dem Stadtrat von Los Angeles der Blogger John Walsh von Hollywoodhighlands.org das Wort: „Am Samstag wird sich in Hollywood etwas Alarmierendes ereignen. Eine Gruppe hat das Vine Street Theater gemietet um eine Video mit dem Titel ‚Die Unschuld von Bin Laden‘ zu zeigen. Wir haben keine Idee, was für eine Gruppe das ist.“

Bei der „Gruppe“ handelte es sich um Steve Klein und Nakoula Basseley Nakoula. Für die Uraufführung hatten sie den Film umbenannt und Flyer und Plakate in arabischer Sprache mit dem Konterfei Bin Ladens gedruckt. Ihr Plan war, islamistische Fundamentalisten ins Kino zu locken. Die hätten dann Eintritt bezahlt und wären durch ihre Empörung wiederum Werbeträger für den Film geworden.

Mit Brille und falschem Bart wollte Klein inkognito die Hollywood-Premiere am 30. Juni mit verfolgen. Doch irgendwas muss wieder schief gegangen sein. Von 500 bis 750 islamistischen Schläfern, die der „unkomplizierte James Bond“, wie er sich nennt, in den Moscheen Kaliforniens anhand ihres Aussehens aufgespürt hatte, war niemand gekommen. Dabei ist Klein sicher, dass diese Gotteskrieger mitten unter uns leben und sie nur darauf warten, dass die Anzahl der Muslime in den USA 10 Prozent erreicht. Dann würden sie gemeinsam losschlagen und wahllos alle Amerikaner töten. Die Idee, dass das Fehlschlagen seiner Vermarktungsstrategie auch bedeuten könnte, dass seine Verschwörungstheorie falsch sein muss, ist Klein bis heute nicht gekommen.

Als John Walsh an jenem Abend eine Karte kaufen wollte, hieß es nur, die Aufführung sei abgesagt. Das hielten er und eine Handvoll Demonstranten, die sich eine Stunde zuvor vor dem Kino am Hollywood Boulevard postiert hatten, für ihren eigenen Erfolg. Trotzdem war Walsh nicht gelungen, die Stadträte oder die Presse für diesen Film zu interessieren, möglicherweise könnten dann der am 11. September ermordete US-Botschafter J. Christopher Stephens und einige andere noch leben.

Die Macher von „Die Unschuld von Bin Laden“ gaben nicht auf. Noch im Juli schnitten sie aus dem Film einen 14minütigen Trailer zusammen und luden den bei YouTube hoch. Diesmal hieß das Video „Die Unschuld der Muslime“. Doch wieder passierte zwei Monate lang gar nichts, keine Proteste, keine Randale, kein Blutvergießen - null Resonanz. Schließlich luden sie am 4. September eine Fassung mit arabischen Untertiteln hoch. Und jetzt überschlugen sich die Ereignisse.

Am 8. September besprach Chaled Abdallah das Video mit seinen Talkgästen im salafistischen Sender Al-Nas, ein Clip seiner Show hatte tagsdrauf bei YouTube auf Anhieb eine halbe Million Zugriffe. Am 11. September rüttelten Proteste und Anschläge mit Toten auf die US-Botschaft in Kairo und das Konsulat in Benghasi endlich die westlichen Medien wach. Steve Klein vermittelte Journalisten von AP zunächst ein Telefoninterview mit „Sam Bacile“ (im Drehbuch „Sam Basel“ geschrieben, was offenbar die gestohlene Identität eines Immobilienmaklers war). „Bacile“ gab an, israelischer Jude und Immobilienmakler zu sein. Das Budget von 5 Million stamme aus Spenden seiner Landsleute, die in Israel für den Film gesammelt worden seien.

Am Tag darauf protestierten deshalb arabische Knesseth-Abgeordnete gegen diese vermeintlich zionistische Verschwörung. Scheich Kamal Khatib Vizepräsident der Islamischen Bewegung, urteilte: „Wir können die Regierung Israels nicht auffordern, die israelischen Filmemacher zu bestrafen, denn die Regierung selbst ist verantwortlich für die Entweihung von Moscheen und die Verabschiedung rassistischer Gesetze. Es ist sehr bedauerlich, dass Millionen Dollar in die Vereinigten Staaten für die Produktion eines Films gegeben wurden, der den Propheten Mohammed beleidigt, vor allem wenn jene sagen, sie wollten Frieden mit der Nation der Muslime. Der Film beweist: Das ist gelogen.“ Obwohl Israel sofort dementierte, einen Bürger mit dem Namen „Sam Bacile“ zu haben, und der Kopte Nakoula später zugab, Bacile zu sein, hält sich die Theorie einer zionistischen Verschwörung hinter dem Film hartnäckig, und sei es nur über das „cui bono“-Argument, mit dem hier Spiegelkolumnist Jakob Augstein die üblichen Verdächtigen wieder ins Schussfeld rückte.

Da allerdings hatten Journalisten mit Hilfe von Schauspielern schon das für Innenaufnahmen benutzte Haus Nakoulas ausfindig gemacht, und dann über eine Handyortung entdeckt, dass „Sam Bacile“ sie von dort aus angerufen hatte. Nach anfänglichem Leugnen, bei dem Nakoula seinen Ausweis in die Kamera hielt und seinen Namen „Basseley“ mit dem Daumen verdeckte, gab der Kopte zu, hinter dem Pseudonym „Bacile“ zu stecken, das Drehbuch geschrieben und den Film produziert zu haben.

Daraufhin wurde der 2010 wegen Bankbetrug verurteilte und 2011 auf Bewährung entlassene Kopte am 15. September von Bundesbewährungsbeamten zu einer Anhörung vorgeladen. Er hatte mit dem Upload die Auflage verletzt, 5 Jahre lang Computer und Internet nur mit Genehmigung seines Bewährungshelfers und Aliasnamen überhaupt nicht mehr zu benutzen. Diese Vorladung durch eine Bundesbehörde war für den sionistischen Journalisten Cliff Kincaid, der ebenfalls Kuratoriumsmitglied bei SIOA ist, der Beweis, dass die US-Regierung von der Muslim-Bruderschaft kontrolliert wird, wovor Michelle Bachmann immer gewarnt habe. „In der Tat, unsere Bundesregierung, die angeblich die Aufgabe hat, unsere Verfassung zu schützen, hat sich auf die Seite der Scharia oder des Islamischen Gesetzes gestellt, das die Beleidigung des Propheten verbietet.“ Nach Nakoulas gestern erfolgter Verhaftung werden solche Gedanken wohl vielfach wiederholt werden.

Was gegen eine Verschwörungstheorie spricht, spricht für sie. Dass noch niemand einen Elefanten im Kirschbaum gesehen hat, beweist nur, wie gut er sich dort verstecken kann. Wer einer Verschwörungstheorie widerspricht, muss Opfer der Konspiration oder ein Mitverschwörer sein. Dass Präsident Obama und US-Außenministerin Clinton sich von diesem Video distanziert haben, um US-Bürger und –bedienstete im Ausland zu schützen – unter anderem in gekaufter Sendezeit im Pakistanischen Fernsehen -, dass Obama das Video meldet und Google um Überprüfung bittet, dass Kanzlerin Merkel Pastor Terry Jones in Deutschland zur unerwünschten Person erklärt, und der Koranverbrenner, dessen Aktionen schon zig Menschenleben kosteten, hier nicht einreisen darf, um auf Einladung der rechtsextrem PRO-Bewegung das Video aufzuführen, wird echte Verschwörungstheoretiker nicht zum Nachdenken veranlassen, sondern sie nur in ihrer Überzeugung bestätigen, dass wir kurz vor der Einführung der Scharia stehen.

Auch eine strafrechtliche Verfolgung der Macher oder ein Verbot des Films würde ihnen nur als Bestätigung dienen. Vielleicht liegt in dieser Überlegung die Weisheit der Richter von Amsterdam, die Geert Wilders im Juni 2011, als Nakoula auf Bewährung freikam, vom Vorwurf der Volksverhetzung freisprachen - mit der seltsamen Begründung, er habe nur eine Religion angegriffen, aber nicht deren Anhänger. Vielleicht aber war dieser Freispruch auch das Signal, das die Macher des Mohammed Videos zu dieser Produktion ermutigt hatte. Blieb ihr Partner in Europa straffrei, blieben sie es in Amerika erst recht.

Das antiislamische Netzwerk SION wird von der 1913 gegründeten jüdischen Menschrechtsorganisation ADL wie von der 1971 in Montgommery gegründeten Bürgerrechtsorgansation SPLC als "Hassgruppe" eingestuft. Die glücklosen Macher des Mohammed-Videos "Innocence of Muslims" waren Aktivisten am Rande dieses Netzwerks, dessen Spitzen ein ähnliches Projekt geplant hatten. Der Beitrag beschäftigt mit Motiven und Taktiken, Vordenkern und Hintermännern, politischen Nutznießern und Trittbrettfahrern - und mit den Tücken einer Verschwörungstheorie, die bei SION (Stop Islamisation of Nations) schon im Namen steckt.

15:16 28.09.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

ChristianBerlin

Theologe (Pastor) und Journalist, Berlin. Mitglied im Journalistenverband Berlin-Brandenburg (JVBB) und im Pfarrverein-EKBO. Singt im Straßenchor.
ChristianBerlin

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