Irres Geflecht

Pop Die Ausbeutung der Biografie erreicht eine neue Qualität: Die Band Tocotronic betreibt ausgiebig Rück- und Nabelschau
Irres Geflecht
Apfelkorn, das Münztelefon im Zug: Einige kollektive Erinnerungen grüßen aus dem neuen Album

Foto: Michael Petersohn

Es gibt von Homeland über True Detective und Fargo bis zu Stranger Things ein Motiv, das in zeitgenössischen TV-Serien immer dann auftaucht, wenn die Dinge kompliziert werden. Wenn Beziehungen zwischen Personen undurchsichtig werden, Motive schleierhaft sind und die Zeitebenen ins Rutschen geraten. Wenn der abgefuckte Polizist oder die bipolare Ermittlerin Vision von Wahn trennen müssen, kommt diese Wand ins Spiel, auf die sie Fotos, Indizien und Zeitungsausschnitte pinnen, die sie mit Schnüren oder Wollfäden verbinden, um Ordnung in das Chaos zu bringen. Zahlreiche Blogs und Artikel befassen sich inzwischen mit diesem Instrument, für das sich ein Begriff etabliert hat: Crazy Wall. Irre Wand.

Solche Verbindungen herzustellen und zu überprüfen, welche funzen, dazu fordern Tocotronic jetzt mit einem neuen Album heraus.

Ermittlungen in eigener Sache

Es heißt Die Unendlichkeit und ist das zwölfte in bald schon 25 Bandjahren. Und es ist, von einem Abstecher in die Zukunft und etwas Diffusion ins Metaphysische abgesehen, eine Autobiografie. Was insofern irritiert, als dass die Band in der Vergangenheit oft vehement (auch in dieser Zeitung; siehe der Freitag Nr. 51/2012) ihre Verachtung für nostalgische Regungen zum Ausdruck brachte. Ihr neues Album aber erzählt von Apfelkorn und dem Bordtelefon im ICE, vom Herumlungern an der Bushaltestelle und RAF-Plakaten. Dingen, die sich auf einer irren Wand vielleicht nicht exakten Daten, aber doch bestimmten Lebens- und Zeitabschnitten klar zuordnen lassen.

Die autobiografische Erkundung beginnt nach dem Titelsong an einem Kinderkarussell. Tapfer und grausam heißt dieses zweite Stück, wie eine Erzählung des englischen Schriftstellers Denton Welch, und von dort lässt sich direkt der erste Faden spannen, zum Roten Album (2015), auf dem Dirk von Lowtzow im Song Jungfernfahrt sang: „Mein Geheimnis breite ich vor dir aus“. Jungfernfahrt wiederum ist der Titel des autobiografischen Romans, den Denton Welch, kaum zwanzigjährig, 1935 veröffentlichte. Trägt diese Spur?

Dirk von Lowtzow sagt, er habe auf dem Roten Album (2015), das von der Liebe handelte, zu einer Sprache gefunden, die „ungepanzerter“ sei: „Damit war die Tür einen Spalt breit auf. Ich habe festgestellt, dass ich darstellungsrealistischer und vor allem auch persönlicher werden möchte. Dass es mir leichtfällt und mich interessiert.“ Das „autobiografische Projekt“, wie er und Bassist Jan Müller es nennen, beschäftigte sie zwei Jahre, während derer von Lowtzow Texte für mehr als 20 Lieder schrieb. Ein Dreifachalbum, sagt er, habe ihnen nie vorgeschwebt. Es sei darum gegangen, auswählen zu können. Zu sehen, wo die Knotenpunkte sind. Um Ermittlungen in eigener Sache. Zwölf Stücke sind auf dem Album, sie handeln unter anderem von Kinderfurcht (Tapfer und Grausam), Teenagerträumen (Electric Guitar), Emanzipation (1993), Tod (Unwiederbringlich), Sucht (Ausgerechnet du hast mich gerettet) und Paarbeziehung (Ich würds dir sagen).

Eine Annäherung an den Kosmos der Band: Fettgedruckt sind die Titel der Alben, kursiv jene der Songs. Die Pfeile markieren Bezüge, so erzählt „1993“ heute die Geschichte hinter dem Song „Letztes Jahr im Sommer“, das Zugtelefon markiert die Zeit, als ein Freund starb, worauf auf mehreren Alben der Band angespielt wird. To be continued.

Grafik: Susann Massute; Material: Getty Images, dpa, Imago

Wer wie die Musiker in den 1970ern oder auch etwas später geboren ist, kann an vielen Stellen eigene Fäden hinein in diese Erzählung ziehen. Anknüpfungspunkte sind nicht nur der Apfelkorn und das Münztelefon im ICE, „Ingredienzen aus der Dingwelt“, von denen die Band sagt, sie habe sich bei ihrem Gebrauch bewusst beschnitten, wie auch beim „manipulativen Nutzen von Erinnerungsstichworten“. Das Album Die Unendlichkeit unterscheidet sich hierin von anderen aktuellen Tauchgängen in die 1980er und 90er. Die Grusel-Serie Stranger Things zum Beispiel feuert zwei Staffeln lang eine Batterie an Gadgets und Klamotten ab: Walkie-Talkie, Bonanza-Rad, Ghostbusters-Kostüm an Halloween. Interessanter noch, auch für die Frage, wohin die Fäden auf der irren Wand so führen, ist der unterschiedliche Umgang mit Vorläufern des eigenen Genres. Wo Stranger Things Filme wie E.T., Stand by Me oder Alien unter Verwendung einschlägiger Motive direkt zitieren, lässt sich in den neuen Stücken von Tocotronic lediglich die Handschrift von Regisseuren – in ihrem Fall Musikern – erkennen.

Auf früheren Alben der Band war das anders, da platzierte sie zum Beispiel die Fanfare aus Europes The Final Countdown in ihrem Stück Let there be Rock und konterte den Appell des bei AC/DC entlehnten Titels mit der Lakonie eines Songtextes, der mit den Zeilen begann: „Wir haben gehalten, in der langweiligsten Landschaft der Welt.“ Auf die Frage, ob sie sich als Rechercheure verstehen, erwidert von Lowtzow entschieden: „Nein, nein, nein. Weniger denn je.“ Solche Gags und postmoderne Spielereien mit Formen, das sei etwas, das sie früher immer sehr interessiert habe. „Dieses Mal“, sagt Jan Müller, „sind die Zitate zu uns gekommen. Ich bin sonst nicht so schicksalsgläubig, aber irgendwie ist das passiert.“

Markante Klavierlinie

Wie aber nagelt man das Schicksal an die Wand? Ein weiteres Foto kommt da ins Spiel, darauf ein Mann, Anfang 50, schmales Gesicht, schwarze Hornbrille. Moses Schneider ist seit 2005 der Produzent der Band, er hatte die Idee, die Stücke auf Die Unendlichkeit chronologisch anzuordnen und auch in dieser Reihenfolge aufzunehmen. Die Band stellte das vor ein formales Problem. Normalerweise, so erklärt es Müller, nimmt man die Songs auf und am Ende wird für das Album eine Dramaturgie erstellt, bei der etwa darauf geachtet wird, dass nicht zwei schnelle Lieder aufeinanderfolgen oder welche, die sich anderweitig strukturell zu sehr ähneln. Hier hingegen mussten sie für jedes Stück auch musikalisch eine sehr eigene Idee haben, um sich nicht zu wiederholen.

Jan Müller pickt zur Erklärung Lied Nummer acht heraus, Bis uns das Licht vertreibt: „Ursprünglich war das wie ein normaleres, schnelleres Indie-Rock-Stück geschrieben. Aber durch das Davor und das Danach war das Bedürfnis da, dass es eine ruhende Insel sein soll, die trotzdem die Rastlosigkeit zum Ausdruck bringt, die in dem Text ist. Wir haben die Gitarre von Dirk fast vollständig eliminiert, und dann kam eher durch Zufall der Arrangeur Friedrich Paravincini hinzu, der eine sehr markante Klavierlinie schrieb. So bekam das Stück einen Charakter, der vorher nicht absehbar war. Plötzlich passte es auch zu der Zeit, 2001, als wir mit Thomas Levin in Hamburg das Weiße Album aufnahmen und Roxy Music sehr wichtig für uns war. Das ist zu uns gekommen. Das ist sehr beglückend.“

So verwächst das Geflecht dieses Albums immer tiefer auch mit den allgemeinen Verästelungen der Popgeschichte. Wobei der Sound der Zeit nicht zu verwechseln ist mit dem offiziellen Soundtrack eines Jahres, Bis uns das Licht vertreibt müsste sonst nach den Strokes, Jan Delay oder Missy Elliott klingen. Warum Roxy-Music-Jahr ist, lässt sich an einer irren Wand so wenig klären wie die alte KLF-Frage: „What time is love?“ Wir wissen dank Die Unendlichkeit jetzt, wann Dirk von Lowtzow sich vor dem Spiegel Pickel ausdrückte. Musikalisch bleibt vieles, und das ist für die Hörer durchaus beglückend, im Ungefähren.

Info

Die Unendlichkeit von Tocotronic erscheint am 26. Januar bei Universal

06:00 26.01.2018

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