Offen für morgen

Weltreise Das Projekt Bauhaus Imaginista ist Spuren der Bauhaus-Lehre rund um den Globus nachgegangen
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Easy Formensprache zieht uns hinan: Universität in Ile-Ife, Nigeria

Foto: Arieh Sharon Digital Archive

Was verbindet Andy Warhol mit dem Bauhausmeister László Moholy-Nagy? Und was hat der Bauhausdirektor Hannes Meyer mit einer Universität zu tun, die acht Jahre nach seinem Tod im nigerianischen Ile-Ife gebaut wurde?

Die direkten Wege, die vom Bauhaus in die Welt führen, sind gut erforscht: die Gründung des New Bauhaus 1937 in Chicago, die Errichtung der Weißen Stadt in Tel Aviv. Weniger bekannt sind die feineren Verästelungen auf der Karte, die Spuren nach Afrika, Japan, China und Südamerika, von denen manche ein Stück weit parallel zu den Weimarer und Dessauer Bauhaus-Jahren verlaufen und andere erst weitaus später, in den 60ern, sichtbar werden.

Die Kuratorin Marion von Osten untersucht dieses Geflecht im Rahmen des Projekts Bauhaus Imaginista seit fünf Jahren, 2016 stieß der Brite Grant Watson als ihr Ko-Kurator dazu. Das Projekt ist eine Zusammenarbeit zwischen der Bauhaus Kooperation Berlin Dessau Weimar, dem Goethe-Institut und dem Haus der Kulturen der Welt (HKW), das Auswärtige Amt unterstützt die Auslandsstationen. Marion von Osten war es wichtig, sich von einer nationalstaatlichen Perspektive zu lösen, die das Bauhaus als Marke denkt, die von Deutschland aus in die Welt exportiert wurde. „Das Bauhaus“, sagt sie, „war an vielen Stellen wirksam, wo man es nicht erwartet hätte. Von einer Kanonisierung oder eine universellen Architektursprache kann man daher nicht sprechen. Das Interessante ist, wann und aus welchen Gründen das Bauhaus an bestimmten Orten zu einem Bezugspunkt wird.“

Egal ob in Ile-Ife, Tokio oder Rabat: Von Osten stellte fest, dass es immer dann als Referenz auftaucht, wenn der Übergang von einer Gesellschaft in die andere ansteht. Und dass vieles, das an Bauhaus-Ideen anknüpft, nicht unbedingt nach Bauhaus aussehen muss.

Beides trifft auf den Campus der Universität in Ile-Ife im Südwesten von Nigeria zu, die heute nach dem Politiker Obafemi Awolowo benannt ist. Nicht von ungefähr wurde mit der Planung 1960 begonnen, unmittelbar nach der Unabhängigkeit des Landes von Großbritannien. Als Architekt wurde der Bauhaus-Absolvent Arieh Sharon engagiert, der damals in Israel unter anderem mit dem Bau von Arbeitersiedlungen und Krankenhäusern Karriere gemacht hatte. Sharons Arbeit in Kooperation mit einem nigerianischen Architekturbüro sollte von 1960 bis 1985 dauern.

Für den Campus nimmt Sharon Ideen aus Hannes Meyers Lehre am Bauhaus auf: Er berücksichtigt die Topografie des Ortes, die klimatischen Bedingungen und die Lichteinstrahlung. Die so entstehenden Gebäude sind Passivhäuser, sie kühlen sich selbst. Wie spektakulär dieser Campus bis heute aussieht, zeigt ein Film, den der israelische Architekt Zvi Efrat für Bauhaus Imaginista gedreht hat: Da sind die Hauptgebäude, die wie auf den Kopf gestellte, terrassenförmige Pyramiden aussehen. Lange Flure, die sich in alle Richtungen zu Klassenräumen und Höfen hin öffnen. Auf Türen wurde komplett verzichtet, bunte Grafiken an den Wänden nehmen Elemente der Yoruba-Kultur auf. Was auch zu sehen ist: Jeder Winkel dieses Campus wird genutzt. Für Seminare, Lerngruppen, Tutorials; Studenten nutzen selbst die Sockel der tragenden Pfeiler als Kojen, in denen sie sitzen oder liegen und lesen.

„Selbstbewusst, wachsam, fortschrittlich, im Kampf gegen jede Unterdrückung. Vorwärts immer, rückwärts nimmer“, heißt es in der Uni-Hymne, die in Efrats Film ein Chor singt. „Die Universität“, sagt von Osten, „war auch ein Protest gegen die kolonialen Universitäten, die zu jener Zeit von britischen Architektinnen gebaut wurden.“

Gegen die Zurichtung

In acht Ländern war Bauhaus Imaginista seit März 2018 mit ortsspezifischen Ausstellungen vertreten: in Marokko, China, den USA, Japan, Russland, Brasilien und eben Nigeria. Um das erworbene Wissen einigermaßen zu sortieren, sind die Kuratoren von vier Bauhaus-Gegenständen und vier entsprechenden Kapiteln ausgegangen, entlang derer auch die übergreifende Ausstellung im Berliner HKW aufgebaut sein wird: die Zeichnung eines Kelim-Teppichs von Paul Klee („Learning From“), Marcel Breuers Collage Ein Bauhaus-Film („Moving Away“), ein Farblichtspiel von Kurt Schwerdtfeger („Still Undead“) und Walter Gropius’ Bauhaus Manifest („Corresponding with“).

Zu Gropius’ Gestaltungsbegriff entdeckten die Kuratoren Parallelen in der japanischen Gestaltungslehre Kōsei. In Tokio stießen sie auf eine kleine Privatinstitution, die in den 1930ern an Schulen Kunsterziehung und Gestaltungsmethoden lehrte. „Sie wollten das Subjekt von der Zurichtung durch die Disziplinierung und gleichzeitig vom Individualismus befreien. Beide Elemente finden Sie in den Vorkursen des Bauhauses.“ Mit dem Bauhaus teilt die Schule dann auch das Schicksal, dass sie 1939 im Zuge der Nationalisierung und Militarisierung in Japan geschlossen wird.

Und Warhol? Von ihm wird in der Ausstellung der Film The Velvet Underground in Boston (1967) gezeigt. Ein auf 16mm gedrehter Konzertmitschnitt, der die aufwendige Lichtshow als eigenständiges filmisches Stilmittel einbezieht. Gedreht hat Warhol ihn mit dem Kameramann Ronald Nameth, der bei László Moholy-Nagy am New Bauhaus in Chicago studiert hat.

Info

Bauhaus Imaginista Haus der Kulturen der Welt Berlin, 15. März bis 10. Juni 2019

06:00 14.03.2019
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