Reibung? Nur am Beton

Auftakt Weit weg vom Rosa-Luxemburg-Platz startete die Volksbühne unter Chris Dercon in ihre erste Saison
Reibung? Nur am Beton
High Noon auf dem Tempelhofer Feld: Um Punkt 12 startete das Warm-Up mit dem französischen Choreografen Boris Charmatz (Mitte)

Foto: Gregor Fischer/ dpa

Die Stimme des Choreografen Boris Charmatz klingt angestrengt, als er mit den Aufwärmübungen beginnt. Für die neue Volksbühne ist der Moment der Wahrheit gekommen, oder besser gesagt: Ein Moment der Wahrheit, denn zweieinhalb Jahre, nachdem er zum Nachfolger von Frank Castorf ernannt wurde, eröffnet Chris Dercon nun erst einmal sein neues Satellitentheater im Flughafen Tempelhof, und auch dieses nur in Teilen. Die geplante Totaltheaterbühne, die der Architekt Francis Kéré für Tempelhof entworfen hat, steht zur einfachen Tribüne geschrumpft, in Hangar 5. „Utopie. Wir nennen es Utopie“, sagte Dercon einige Tage zuvor trotzig auf einer Pressekonferenz – und verwies auf den Senat, der die nötigen 500.000 Euro für ihre Verwirklichung erst am 19. Mai bewilligte.

Sechs Kilometer vom Stammhaus am Rosa-Luxemburg-Platz entfernt starten Dercon und sein Team nun also auf dem Rollfeld mit einem zehnstündigen Tanzprogramm in ihre erste Saison. Die sechs Kilometer wirken auch wie ein Sicherheitsabstand zu dem Erbe, das ihnen so viele in dieser Stadt und darüber hinaus nicht anvertrauen möchten. Vor wenigen Tagen erst wurde Kultursenator Klaus Lederer eine Petition übergeben, die noch einmal fordert: „Die Zukunft der Volksbühne neu verhandeln“. 40.000 haben sie unterschrieben, darunter Philosophinnen, Theaterwissenschaftler und Autorinnen, deren Wort im Kulturbetrieb Gewicht hat. Jetzt also: High Noon auf dem Flugplatzvorfeld.

„Wir nennen es Utopie“

Ein paar Neugierige haben sich um Punkt 12 Uhr eingefunden und Boris Charmatz soll sie in Bewegung bringen. „Ich wollte Regen“, sagt er matt in sein Headset. „Mit Regen würde das hier legendär werden. Das würde top Titel machen.“ Ein Aufwärmwitz vor dem Public Warm-up vermutlich. Doch weil nur gut hundert Menschen auf dem riesigen Rollfeld stehen, scheint es nicht abwegig, dass in diesem Streit nun auch noch das Wetter zum Politikum wird: Immerhin hat Castorf zu seiner Abschiedsparty einen Wolkenbruch bekommen. Nach 20 Minuten hat sich die Menge locker verdreifacht; vielleicht waren die Berliner für den Moment nur zu verpennt für den neuen Volkshochschulspirit der Volksbühne. Die Menschen auf dem Rollfeld turnen eine knappe Stunde zu Charmatz’ Anweisungen, sie fassen sich zu Reality aus La Boum an den Schultern, machen Liegestütze und Ausfallschritte und lernen wie man „nichts, aber mehr und ein bisschen schneller“ macht.

Ein Kritiker der Welt schrieb einmal über Sasha Waltz und ihre Company, sie seien „Weltmeister im Warmtanzen kulturell hochmögender Immobilien“, damals ging es um die Elbphilharmonie. Für die kulturell hochmögende Institution Volksbühne scheint das Warmtanzen nun Boris Charmatz’ Aufgabe zu sein. Man kann sich auf dem Rollfeld mühelos von 12 bis 22 Uhr treiben lassen; tanzen, zusehen, tanzen, zusehen. Forsythe-Duett, Hip-Hop-Performance, türkische Volkstänze, Line-Dancing zur Soulmusik für alle. Womöglich sind einige Berliner am Montagmorgen sogar beschwingt ins Büro getanzt. Aber das Leben ist kein La-La-Land. Was fehlte, waren bis auf ein paar wenige Ausnahmen – Mithkal Alzghairs eindrückliches Solo Displacement wäre so ein Beispiel – Konflikte, Brüche oder auch schlicht Herausforderungen. Reibung entstand nur, wenn die Körper der Tanzenden mit dem körnigen Betonboden des Vorfelds in Berührung kamen.

Das Leben ist kein La-La-Land

Die neue Volksbühne hat ein Timing-Problem, das gilt auch für den Ort selbst, über den die Programmdirektorin Marietta Piekenbrock vorab sagte, es gebe eine „Dringlichkeit, von Mitte aus dieses Areal nicht zu isolieren“. Die Erfahrung der Terroranschläge in Belgien habe gelehrt, wie wichtig es sei, solche Viertel nicht abzukapseln. Aber Neukölln und Kreuzberg brauchen sie für den „Traffic zwischen Norden und Süden“ nicht. Auf dem ausrangierten Flughafengelände ist längst einer der größten Melting Pots der Stadt entstanden. Nimmt man den Ausgang zum Tempelhofer Feld, gleichen die Wiesen einem Wimmelbild von Ali Mitgutsch: Kinder und nerdige Erwachsene wetteifern mit ihren Drachen um die Hoheit in der Luft, am Boden werden Grills in Höchstform gewedelt, Hunde bilden Banden und Kindergeburtstagsgäste irren von Wimpelgirlande zu Wimpelgirlande, bis sie die Party finden, auf die sie eingeladen sind. So international das Publikum der neuen Volksbühne auf dem Flughafenvorplatz ist: Die Klassengrenzen lösen sich jenseits des Zauns unter dem Basketballkorb auf.

Als Punkt 22 Uhr die letzten Gäste an den Gepäckbändern vorbei vom Gelände gehen, leuchtet in kaltem Blau an der Fassade das Wort „Zentralflughafen“. Eine reine Behauptung, neun Jahre nach der Zeit. Und die Volksbühne? Wenn sie unter Chris Dercon im November – lange nach den Schauspielpremieren des Deutschen Theaters, der Schaubühne und des neu aufgestellten Berliner Ensembles – am Rosa-Luxemburg-Platz debütiert, wird sie es nicht leicht haben, sich als Zentralgestirn zu behaupten.

Info

Das Programm der Volksbühne Berlin wird in Tempelhof ab dem 14. September fortgesetzt mit A Dancer’s Day / 10.000 Gesten von Boris Charmatz. Am 10. November ist Eröffnung am Rosa-Luxemburg-Platz mit Einaktern von Samuel Beckett und Arbeiten von Tino Sehgal

11:00 13.09.2017

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