Die Beute (9) Wie Dr. M. unsere Fa. übernahm

Arbeitswelt Die Eingewöhnung am neuen Standort gestaltet sich schwieriger als erwartet und bringt einige unangenehme Überraschungen mit sich. Ribanna Rubens berichtet. 9. Trophäen
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Unsere erste Zeit im neuen Unternehmen muss man sich so vorstellen, dass die Übernahme einer Firma eine moderne Art von Krieg bildet, wir Übriggebliebene quasi die Beute aus einem Eroberungszug sind, die zwar nicht im Triumph über das Werksgelände geschleift wurden, von denen man aber doch ein Bewusstsein dafür erwartete, dass sie als Teil des Kaufpreises nicht auf der gleichen Stufe wie die angestammten Beschäftigten stehen.

In aufgekratzter Stimmung brachen wir in unsere neuen Abteilungen ein, rückten und räumten in den ersten Tagen unsere Schreibtische und Utensilien zurecht, erkundeten die Umgebung und warteten darauf, dass Computer und Telefone wieder funktionierten. Zwischendurch jagten wir verlorenen Dingen hinterher, versuchten notdürftig den Geschäftsbetrieb aufrecht zu erhalten und störten mit unserer Hektik wahrscheinlich beständig die um uns herum schweigend vor sich hinarbeitende Truppe der Jupp-Mitarbeiter, unsere künftigen Kolleginnen und Kollegen.

Wir waren über den ganzen Betrieb verstreut, aus organisatorischen - oder vielleicht auch aus pädagogischen Gründen, damit wir nicht zuviel miteinander redeten, wir wussten es nicht und erfuhren nicht viel, nur dass man den ursprünglichen Plan, uns eine gemeinsame Büroetage einzurichten, also auch räumlich als eigenständige Firmeneinheit zu erhalten, fallengelassen hatte. Was wir sofort merkten, war, dass die Organisationsfäden noch nicht wieder richtig verknüpft waren, so dass selbst Kleinigkeiten zu erledigen einigen Aufwand erforderte und umständliche Wege mit sich brachte.

Mein neuer Arbeitsplatz befindet sich im Blauen Haus, dem zentralen Verwaltungsgebäude, das mir bei meinem ersten Besuch so gut gefiel,worüber ich aufrichtig erfreut bin. Auf einem hinteren Teil des Werksgeländes befindet sich ein zweiter Verwaltungstrakt, das so genannte Rote Haus, in dem ein anderer Teil unseres Trupps stationiert ist, und ungefähr in der Mitte dazwischen hat man für unsere Endmontage eine eigene Halle gebaut, die jetzt so etwas wie einen Treffpunkt bildet. Der Service-Abteilung, dem früheren Kundendienst, der hier auch das Dokumentationszentrum umfasst, gehört im Blauen Haus der größte Teil der zweiten Etage, die in verschiedene Räume des Achtecks aufgeteilt ist. Ich sitze mit vier Männern und zwei Frauen des Ersatzteildienstes in einem geräumigen Büro, in dem ein Herr Klaus H. als Gruppenleiter seinen Schreibtisch am Kopfende der Sitzreihe innehat, von wo aus er uns alle überblicken kann. Er ist ein biederer Typ von Mitte Vierzig, den ich am Anfang gar nicht so richtig wahrnahm, auch wenn er mich ein wenig argwöhnisch musterte …

Anders als angekündigt, sitzt Manni nicht mit mir im gleichen Büro sondern ist in einem der benachbarten Räume untergebracht, was für mich eine unangenehme Überraschung ist. Als jemand, der lange genug dabei ist, ahnte ich gleich, dass das nichts Gutes verhieß, da solche Dinge bis zu einem gewissen Grad immer symptomatisch sind, wie jeder halbwegs lebenserfahrene Mensch weiß. Wo der Wurm einmal drin ist, geht der Wurm so leicht nicht wieder raus, um es lax auszudrücken.

Ich fragte Wim S. sofort, was dies zu bedeuten hätte.

Er sagte, ja stimmt, es sei mal anders geplant gewesen, aber die neue Platzverteilung habe allein systematische Gründe. Manni soll künftig hauptsächlich für den Montagebereich und in der Monteursplanung tätig sein und sei deshalb einer anderen Gruppe zugeordnet als ich.

Er tat, als verstehe er nicht, warum ich mich darüber aufregte. Dies ändere doch nichts dran, dass Manni für alle Fragen der technischen Vorklärung mein Ansprechpartner wäre und ich mich jederzeit an ihn wenden könne, beteuerte er. So sei es zwischen allen Beteiligten, auch den Gruppenleitern vereinbart.

Ich fragte mich ziemlich verärgert, ob er mich tatsächlich für so blöd hielt. Klingt theoretisch gut, schiebt mir aber praktisch den Schwarzen Peter zu.

Denn natürlich macht es einen großen Unterschied, ob jemand für bestimmte Aufgaben tatsächlich zuständig ist oder einem anderen nur gefälligkeitshalber hilft. Und dies wirkt sich umso mehr aus, wenn man in getrennten Räumen sitzt, der eine also nicht sieht, womit der andere beschäftigt ist oder ob andere Leute gerade was von ihm wollen.

Mit allen? Mir mir ist das nicht vereinbart, wandte ich ein.

Doch mein Protest nützte natürlich nichts mehr, da sie bereits Tatsachen geschaffen hatten.

Für den Augenblick tröste ich mich damit, dass ich einen schönen Fensterplatz mit Ausblick auf eine ruhige, von Bäumen eingefasste Nebenstraße habe; mir gegenüber sitzt Brigitte, die mit Anfang 60 die Älteste in der Abteilung ist, was man ihr aber wegen ihrer chicen Kleidung und dem rot gefärbten Strubbelhaar kaum ansieht. Manchmal laufe ich freiwillig über das ganze Gelände oder fahre mit den Fahrrädern, die Dr. M. eigens für die Belegschaft angeschafft hat und die bei der Weitläufigkeit des Betriebes auch sehr nützlich sind, um alte Kollegen zu treffen und Kontakte wiederherzustellen. Ich habe meine Laufbahn noch in der Vor-Email-Zeit angefangen und lasse mich gern aus Gewohnheit hin und wieder persönlich bei den Leuten sehen, mit denen ich ständig zu tun habe und die in der Organisationskette direkt mit mir verbunden sind.

Zwei, drei Tage nach dem Umzug fand eine kleine Feier zu unserer Begrüßung in einem der großen Konferenzsäle statt - oberste Etage mit Panoramablick - an der von Jupp allerdings nur die Führungsriege bestehend aus den beiden Geschäftsführern und einigen Abteilungsleitern teilnahm. Dr. M. hatte zu einem Snack geladen und sprach ein paar offizielle Worte des Willkommens für uns - oder jedenfalls war dies die Überschrift, die über der Veranstaltung schwebte. Gelobt und zwar fast überschwänglich gelobt wurde bei dieser Gelegenheit jedoch vor allem ihr Chef-Controller Philipp A. für die logistische Meisterleitung, unseren Betrieb fast pannenfrei von einem Ort zum anderen gebracht zu haben. Auch Gunnar P. sprach ein paar Sätze, der sich aber auf seine steife Art mehr oder minder nur seinem Vorredner anschloss. Herr Philipp A. bedankte sich daraufhin sehr artig. Die Stimmung unter uns Neuankömmlingen war flau, wir standen herum, stopften eine oder auch mehrere Brötchenhälften in uns hinein, witzelten krampfhaft oder suchten nach jemand, mit dem man sich unterhalten konnte. Außer vielleicht den Rednern selbst, bemerkte jeder, dass in den Ansprachen von uns im Grunde nicht die Rede war, dass wir darin mit all den Zukunftssorgen, die Umzug und Veränderungen unseres Berufsalltags mit sich brachten, nicht wirklich vorkamen. Auch unsere eigene monatelange Plackerei beim Packen und Einräumen von Umzugskisten wurde mit keinem Wort erwähnt. Nach einer Dreiviertelstunde war das Zeremoniell beendet und alles stob erleichtert auseinander.

Während der Abbau des alten Standortes fast wie am Schnürchen klappte, hatte man sich für die Aufnahme am neuen Ort vergleichsweise, um nicht zu sagen auffallend wenig Mühe gemacht. Man hatte die Platzverteilung geregelt, nicht das innere Zusammenwachsen zweier Unternehmen, die sich dieselben Räume teilten sondern sich in dieser Hinsicht ganz auf Improvisiertes verlegt bzw. auf die unwiderstehliche Kraft des Faktischen verlassen. Die Infrastruktur von Jupp sollte uns ohne viel Federlesen zu betreiben oder gar in Feinheiten zu schwelgen, übergestülpt werden, soviel war klar, was wir zunächst auch verstanden und als etwas durchaus Logisches und Folgerichtiges erwarteten.

Obwohl im Gegensatz zu Jupp unsere Produktion fast ausschließlich auf extern hergestellten Zukaufteilen aufbaut, also mit einem entsprechend reduzierten internen Fertigungsaufwand auskommt, wurden wir auf endlose Dienstwege mitgeschleppt, die uns nicht betrafen und unsere Abläufe blockierten, zum Teil wegen Nebensächlichkeiten, so dass sich das Passieren der Arbeitsvorbereitung zum permanenten Hindernisrennen durch ein Nadelöhr gestaltete, das unsere früheren Bearbeitungszeiten deutlich verlängerte. Schon nach kurzer Zeit bildeten sich darüber erbitterte Grabenkämpfe aus.

In ähnlich sorglos unpraktischer Manier war mit unseren Ersatzteilbeständen verfahren worden. Wir staunten nicht schlecht, als wir selbst stark nachgefragte Verschleißteile ausgelagert und teils unzureichend gekennzeichnet an schwer zugänglichen Stellen wiederfanden, über die wiederum nur einzelne Leute Bescheid wussten, was bedeutete, die Lieferkette stand still, sobald diese Personen abwesend waren - ein Ärgernis, das in der Folge mit schöner Regelmäßigkeit auftrat.

Auch der Weg zu unseren Maschinenakten, die früher im Aufenthaltsraum gestanden hatten, verlief jetzt im Zickzackkurs quer über das ganze Gelände hinweg. Hunderte dieser Dokumentationen, die nicht mehr digitalisiert werden konnten, hatte man auf fünf oder sechs beengte Abstellräume an verschiedene, entlegene Ecken des Betriebes verteilt, so dass ich fortan fast täglich von allen Seiten vergilbte, verstaubte Ordner heranschleppte - sofern ich es nicht vorzog, diese direkt in den unbeheizten, schlecht beleuchteten Räumen zu durchstöbern, in denen es weder Tisch noch Stuhl gab. Zum Glück war wenigstens der nächste Winter noch weit. Und stets suchte ich den Papierbergen Informationen zu entlocken, die obendrein viel zu häufig nicht stimmten, was sich zumeist erst im Nachhinein durch Nachfrage bei Manni herausstellte.

Am Anfang hatte ich auch nicht viel zu tun, weil Manni zunächst nicht loslassen wollte und mich wohl mehr als seine Hilfskraft sah, die Botengänge und Erfassungstätigkeiten für ihn erledigte. Wie ich befürchtet hatte, wusste so richtig keiner, welchen Status ich hatte, was von Anfang an eine dumme Sache war. Ansonsten zeigte sich Manni durchaus hilfsbereit, ließ mich auch nur wenig seine technische Überlegenheit spüren, will eben nur alle Fäden selber in der Hand halten, so dass wir uns schon mal ins Gehege kommen, was natürlich vor allem meinem Ruf schadet ....

Außerdem wurden wir sofort mit der bei Jupp praktizierten Unterschriftenregelung vertraut gemacht, die fortan auch für uns gelten sollte und jene Mitarbeiter betraf, die dienstlichen Außenkontakt hatten. Alle Post, alle Korrespondenz, egal ob es sich dabei um reine Routinevorgänge handelte, durfte fortan nicht mehr von uns selber sondern nur noch von den Gruppenleitern unterschrieben werden. Eine ziemlich witzlose Maßnahme im Zeiten des Email-Verkehrs mag man denken, die aber dennoch den Eindruck von Entmündigung und eines gegen uns waltenden Misstrauens verstärkte, zumal die Gruppenleiter kaum Ahnung von dem hatten, was wir ihnen vorlegten. Aber darum ging es wohl auch nicht. Es zeigte einmal mehr, dass unter der modernen Fassade unserer neuen Eigentümer ein sehr hierarchisches Regime und im Hinblick auf die Personalpolitik eine Firmenphilosophie waltete, der noch etwas von Gutsherrenart anhaftete.

Trug Gunnar P. seinen Triumph mit keiner Miene zur Schau, die Jupp-Mitarbeiter genossen ihn auf jeden Fall mit schöner Unbekümmertheit, vor allem die Frauen muss ich leider sagen. Nicht, dass jemand offen unfreundlich gewesen wäre, es schälte sich nur neben der hilfsbereiten Seite, die es auch gab, eine ständige, sich schnell zur Unduldsamkeit steigernde Besorgnis heraus, wir könnten irgend etwas anders machen bzw. bei ihnen statt bei uns etwas verändern wollen, was auf keinen Fall sein durfte. Denn da nicht wir sie sondern sie uns geschluckt hatten, war klar, wo alles am besten, schönsten und großartigsten geregelt war - bei ihnen. Und obwohl wir eigentlich gar nichts verändern, nur unsere Arbeit machen wollten, steckte leider manchmal doch der Teufel in dem einen oder anderen Detail, was dann aber einfach nicht vorkommen sollte und zu teils zähen Auseinandersetzungen führte. Denn selbst wenn es möglich gewesen wäre, sollte trotzdem kein Tüpfelchen geändert werden, nicht bei ihnen und nicht für uns. Stets schwang ein Unterton mit, dass ein paar Unannehmlichkeiten zu ertragen uns nur gut tun könne und wir keine Ansprüche zu stellen hätten, da wir doch vermeintlich bisher die Firma nur ausgebeutet und wie die Made im Speck gelebt hatten, während diese den Bach hinuntergegangen war.

Klagen, Beschwerden, Proteste gegen diese Aura von Selbstbeweihräucherung hatte man sich ohnehin zu verkneifen, aber selbst die stichhaltigsten Argumente oder gar verzweifelte Hinweise auf Verpflichtungen gegenüber Kunden nährten nur den Verdacht, man wolle sich verweigern, man gehöre zu den Ewig-Gestrigen, die sich nach den alten Zeiten, dem alten Schlendrian zurücksehnten und wurden mal tröstend, mal süffisant mit Hinweisen darauf abgewehrt, dass letztlich höheren Ortes entschieden werde und alles genau so, wie es eben war, von oben beabsichtigt war. Selbst dem törichten Leiden einzelner Leute an der ständigen Sabotage ihrer Anstrengungen wurde nicht etwa Einhalt geboten, vielmehr uns dem Unmut unserer Kunden auszusetzen als erzieherische Meisterleistung betrachtet und mit kaum verhohlener Genugtuung Öl ins Feuer gegossen. Ansehen, Reputation, das eigene oder das der Firma, alles weg, alles dahin, verloren und verspielt als nur zu gerechte Strafe dafür, dass wir den Untergang des Unternehmens nicht mit größeren Opfern verhindert hatten und statt auf dem Arbeitsamt zu versauern, bei ihnen untergekommen waren.

Da ich nicht die Langmütigste bin, leistete ich mir einige Zusammenstöße mit Leuten, die mir ins Handwerk pfuschten oder meinten, sie seien berechtigt nach Gutdünken in Dinge einzugreifen, für die sie weder befugt noch kundig waren, oft ein Streit um Nichtigkeiten, weil mein Wort bei ihnen nichts galt. Vor allem die Frauen untereinander hatten teilweise erhebliche Probleme sich wechselseitig zu respektieren. Als ich einer dieser Tröten, die mir ständig schnippisch kamen, einmal erklärte, wir hätten an unserem alten Standort auch nicht mehr auf Bäumen gesessen und Bananen gegessen, rief mich zehn Minuten später ihr Abteilungsleiter an, der mir vorhielt, ich hätte das arme Ding zur Sau gemacht und bis zu Tränen gekränkt. Zimperlieschen. Als ich mir keine Vorhaltungen machen lassen wollte sondern kräftig dagegen hielt - von wegen wer hat denn angefangen, und versuchte die Hintergründe klarzustellen - sinnlos natürlich, rief mich eine weitere Viertelstunde später Wim S. in sein Büro und verlangte Aufklärung. So zog das eine das andere nach sich. Sie glaubten, sie müssten uns das kleine Einmaleins beibringen; wir merkten, auch bei ihnen wird bloß mit Wasser gekocht.

Es war ein Symptom, das uns neu Dazugekommenen wie eine Art von Größenwahn erschien, als maßlose, unerhörte Selbstüberschätzung, der häufig nicht einmal Fleiß und Kenntnisse entsprachen, immun gegen jede Kritik, resistent gegen jede Einsicht, und die nur ertrug, wer selbst zu den Infizierten zählte. Die Jupp-Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen besaßen eine tiefe Gläubigkeit in den Erfolg ihrer Firma, die sie alles andere geringschätzen ließ, der sie keine Zügel anlegten und die nicht selten Züge von Impertinenz annahm, weil ihnen dies bis zu einem gewissen Grad als von oben gewollt erschien und sie darin einen Ausdruck ihrer Corporate Identity sahen. Dabei orientierte sich ihr Eifer vor allem an der Person von Dr. M., der - seitdem er das Jupp-Unternehmen selber erst wenige Jahre zuvor aus der Krise herausgeführt hatte, die Gemüter und Phantasien wie kein Zweiter bewegte und als ihr Retter zum Gegenstand einer sakral schwärmerischen Bewunderung geworden war.

Fortsetzung folgt

Hinweis: Namen wurden geändert, Ähnlichkeiten sind Zufall.

12:29 12.11.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Christa Thien

Dr. phil. Studium Literaturwissenschaft & Philosophie, vorher Kauffrau. Themen: Arbeitswelt & Berufswege, Gericht, Gesellschaftspolitik
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