Giftgas-Direkter Beweis, selbst einatmen?

Beweisforderungen Wir wollen direkte Beweise für Assads-Giftgas. Warum das fast unmöglich ist und wir besser an indirekte Zeichen glauben sollten, steht hier.
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Einen Giftgasangriff beweisen

Warum ist es schwer, professionelle Giftgasangriffe direkt zu beweisen?

Nervengifte in der Kriegsführung

Der Einfachheit halber, beziehe ich mich auf Nervengifte, die aktuell hauptsächlich verdächtigten Substanzen, die in Syrien vermutlich zum Einsatz kamen . Das sind vor allem organische Phosphorsäureester, die als Stoffe manchen Insektiziden nahe stehen. In Syrien sucht man vor allem nach Tabun, Sarin und Soman sowie VX.

Kampfstoffe dieses Typs werden von Militärs geschätzt,- von den Soldaten, die ich auch ehren und anerkennen kann, gehasst-, weil sie, vor allem in asymetrischen Kriegen, zwei Einsatzarten ermöglichen:

Mit der etwas trägeren, sessilen Variante der Nervengifte kann man ganze Gebiete für längere Zeit sperren. Durch sie können nur noch Männer und ein paar Frauen in Ganzkörper-Schutzanzügen oder in gesicherten Fahrzeugen, Panzern, Mannschaftstransportern hindurch gelangen. Die trägere Form der Kampfgase lässt sich leichter, mit einer geringeren Gefahr für die Produzenten, selbst sofort zum ersten Opfer zu werden, auch von weniger gut ausgerüsteten Bösewichten herstellen und einsetzen. Sie müssen nur sauber arbeiten und die Komponenten des Kampfstoffs, die durch die Sprengwirkung zusammengeführt werden, sorgfältig getrennt halten.

Allerdings können die damit belegten Gebiete auch von den Berufskombattanten und Terroristen, oder von den Rebellen die gegen ein Regime sind, lange nicht betreten werden. UN-Inspektoren, denen selbstverständlich die Ausrüstung zur Verfügung stünde, um sich ausreichend zu schützen, hätten ein gut begründetes Anrecht auf mehrfache Erschwernis-Zulage und eine vorher abgeschlossene, rundum Lebensversicherung für die Familien.

Die flüchtige Form

Gut, jeder Leser wird einsehen, um diese Art der chemischen Kampfmittel, die wie eine Sperre in einem Gebiet wirken, geht es momentan gar nicht.

Die zweite Form der einsatzfähigen Nervengase ist extrem flüchtig. Das heißt, die Gaswirkung in der Luft ist nach wenigen Minuten bis maximal Stunden abgeklungen und die Gebiete können erobert und kontrolliert werden. Ganz offensichtlich dreht sich in Syrien alles um diesen Einsatztyp.

Die Aufbereitung und die notwendigen technischen Möglichkeiten, um diesen zweiten Typ mit den prinzipiell gleichen Grundstoffen herzustellen, ist wesentlich schwerer. Aufgrund der hohen Volatilität ist auch die Gefahr bei unsachgemäßer Handhabung und mangelndem Schutz, für die jeweiligen Täter um ein Vielfaches höher. Diese Einsatzart können letztlich nur ausgebildete und technisch moderne, militärische Truppen leisten. Vor allem dann, wenn es gerade nicht um Terrorattacken in geschlossenen Räumen und sehr kleine Gebiete, gar gegen einzelne Opfer geht, wie z.B. bei dem teuflischen Anschlag der AUM-Sekte auf die Tokyoer U-Bahn (Sarin) und Attentate dieser Sekte (VX).

Die Logik des Einsatzes liegt darin, umkämpfte, nur schwer mit Infanterie einnehmbare Areale, mit dem völkerrechtlich auch für kriegführende Parteien verbotenen Gas zu „säubern“ (Genfer Konvention von 1925, Verbot des Einsatzes; UN-Resolution 667 (1991), Deklaration als Massenvernichtungswaffen; Verbot der Produktion und Lagerung, Chemiewaffenkonvention, 1993). Das Gas unterscheidet selbstverständlich nicht zwischen Kombattanten und Zivilisten.

Stunden nach dem Einsatz ist das Gebiet, auch für Menschen ohne Schutzkleidung, wieder betretbar. Sie müssen allenfalls in Hauswinkeln, Kellern und feuchten Ecken, Kontakte mit Böden und Wänden meiden, nicht aus offenen Wasserstellen trinken, sowie beim Umgang mit Toten und Verwundeten aufpassen, besonders wenn es ein wenig feucht ist. Hautoberflächen und Kleidungen von Betroffenen (Schweiß!) sind zu meiden oder der Kontakt einschränken, bzw. eine Dekontamination mit sehr viel Wasser durchzuführen.

Die Nervengifte die in Frage kommen und die Art des Einsatzes, sie deuten also auf einen fähigen und geübten Täter, nicht auf den Gelegenheitsverbrecher. - Das ist ein indirekter Beweis.

Wie wirken die verdächtigten Substanzen?

Die meisten Nervengase wirken auf die Acetylcholinesterase. Das ist ein Enzym, welches für die Spaltung des natürlich freigesetzten und an einer Vielzahl von Rezeptoren wirksamen Neurotransmitters Acetylcholin sorgt.

Der Inaktivierungsvorgang des Neurotransmitters muss jederzeit und ohne große Hemmung, sehr schnell erfolgen, um an vielen Synapsen des zentralen Nervensystems und des vegetativen Nervensystems, sowie an den motorischen Endplatten in den Muskeln des Körpers, eine erneute Erregungsleitung überhaupt erst möglich zu machen. Das besorgt die Acetylcholinesterase.

Nervengifte sind also Cholinersterase-Hemmer. Die Folge: Acetylcholin wird nicht mehr abgebaut. Es „verstopft“ dauerhaft seine spezifischen Rezeptoren und es kommt in der Folge sehr schnell zu einer Dauerdepolarisation, einem „Depolarisationsblock“, also zur Unerregbarkeit aller Acetylcholin-Synapsen.

Nach der schlagartig einsetzenden extremen Übererregung, während der die hauptsächlich sofort beobachtbaren Symptome der Vergiftung einsetzen, extremer Speichelfluss, mit Schaum vor dem Mund, Augentränen, massiver Schweißausbruch, Erbrechen, unwillkürlicher Urinabgang, schwerer bronchitischer Husten mit massiver Verschleimung, Herzrasen, Verwirrtheit und häufig Krampfanfällen, -das sind die Symptome, die die Überlebenden oder akut behandelnde Ärzte sehen -, kann keine weitere Erregung mehr stattfinden. Die fatale Folge ist eine Lähmung der Muskulatur, einschließlich der Atemmuskeln (Ersticken bei vollem Bewusstsein) und der Herzstillstand.

Mehr Beschreibung der akuten Symptome und ein umfängliches Bild des schrecklichen Endes der Wirkung, die nach einem solchen Giftgaseinsatz zu sehen sind, spare ich mir. Nicht aus Pietät und mit Rücksicht auf den ungestörten Sonntag möglicher Leser, sondern weil die Bilder und Beschreibungen alle längst im Web und in den (restlichen) Medien verbreitet wurden.

Gegen die Nervengifte wirken Atropin oder verwandte, so genannte, anticholinerge Substanzen, sowie Pralidoxim (PAM), ein Entblocker der Cholinersterase.Gegen Krämpfe und hirnorganische Veränderungen helfen Benzodiazepine (Tranquilizer, das sind Beruhigungsmittel, die akut auch sehr gut gegen Krämpfe wirken, bei uns bekannt als Diazepam). - Das Pralidoxim dürfte, ebenso wie ausreichend ausgestattete Notfallbetten mit Beatmungseinheiten und kontinuierlichem Monitoring zur Infusionsbehandlung in den syrischen Hospitälern, den Ärzten nicht zur Verfügung gestanden haben, ebenso dürfte das Allerwelts- Notfallmedikament Atropin, zur Injektion und Infusion, durch den exzessiven Bedarf knapp geworden sein.

So kam es zu den Hilferufen, die sich jeder im Netz suchen kann, in denen Ärzte neben den Opfern stehen und verzweifelt schreien: „Wir können nichts tun, wir können nichts tun.“

Die Hilfe ist in vielen Fällen zwecklos, wenn nicht gleichzeitig, bis zur Aufhebung der Muskellähmung, in irgend einer Form kontinuierlich beatmet und Schleim aus den Bronchien entfernt werden kann, sowie mir Infusionen der Kreislauf und die Herzfunktion stabilisiert wird. Im akuten Geschehen müssen sich zudem Helfer selbst schützen, um nicht ebenfalls der Vergiftung zu erliegen.

Alle Nervengase können übrigens auch mittelfristig und längerfristig krank machen. Diesen Gasen Ausgesetzte erleiden z.B. auch noch Tage und Wochen nach Behandlung Rebounds und es gibt eine tückische Form der Neuropathie, die noch nach Monaten eintreten kann. Das steht hier aber nicht zur Diskussion.

Wie weist man den Einsatz von Nervengiften indirekt nach, wenn sie verflogen und zerfallen sind?

Wer 24-72 Stunden nach einem Nervengaseinsatz der volatilen Form in das Gebiet kommt und dort nicht ausreichende Trümmer der verwendeten Artilleriegeschosse, Raketen oder Bomben findet, der hat es sehr schwer, einen Giftgaseinsatz direkt zu beweisen. Aber diese Forderung ist auch völlig überzogen, denn es gibt genügend indirekte Beweise und Spuren, die mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit belegen, dass Gas benutzt wurde.

Der erste starke Hinweis ergibt sich aus der Art und dem Zeitverlauf des Anfalls von Opfern. Dazu müssen Augenzeugen und Opfer befragt, Ärzte und Notfallhelfer der Region gehört und die Art und Weise der dort wirksamen Behandlung in Erfahrung gebracht werden. Überleben relativ viele Patienten nach sofortiger Gabe von anticholinergen Substanzen (Atropin, u.ä.), dann ist das ein sehr deutlicher Hinweis.

Nehmen die Untersucher Proben von Blut, Urin und Geweben, -das werden die UN-Spezialisten nun getan haben-, so lassen sich in den Asservaten von Toten und Überlebenden Enzymmuster und Stoffwechselparameter finden, die auf einen Nervengasangriff hindeuten. Diese Untersuchungen ergeben kein spezifisches Muster, denn alle Veränderungen kommen auch bei nicht vom Gas bedingten Krankheiten (z.B. chronischen Lebererkrankungen) vor. Allerdings sind das dann Einzelfälle.

Ebenso lassen sich in Blut,Urin und Gewebe, z. B. bis zu 2 Wochen nach einem Angriff mit Sarin, typische, längerfristig nachweisbare Abbauprodukte finden, die man mit Hilfe der Gaschromatografie bestimmen kann. Von besonderem Interesse wäre im Falle des Sarins, ein Nachweis von Isopropylmethylphosphon-Säure (IPMA, Isopropylmethylphosphonic acid ), die als substanzspezifisches Abbauprodukt gilt. Die Experten werden dafür bis zu zwei Wochen brauchen.

Mit Glück gelingt die Bestimmung der Abbauprodukte auch an Proben aus kontaminierten Wasserstellen (Pfützen, Sinks, Gullys), oder von feuchten Kellerwänden. Der Abbau der Nervengase ist besonders von Wetter- und Klimabedingungen abhängig. Bei Hitze, Trockenheit und Wind geht es erheblich schneller und es können keine Nachweise aus Bodenmaterial oder von feuchten Stellen mehr erbracht werden.

Ein sehr wichtiges Kritierium ist, die Konzentration von Acetylcholinesterase, also des vom Nervengas blockierten Enzyms, zu messen. Wie oben beschrieben hemmen Nervengifte schlagartig alle oder fast alle Acetylcholinersterase-Moleküle, mit denen sie Molekülcluster bilden, das Enzym wird wirkungslos und damit verbraucht. Ein Hindernis: Die Behandlung mit Antidoten maskiert die Ergebnisse. Ein weiteres Hindernis: In Syrien selbst gibt es höchstens unter Kontrolle des Regimes geeignete Labors.

Fazit: Von der UN oder den Vereinigten Staaten oder den medizinischen Hilfsorganisationen eindeutige direkte Beweise zu verlangen, ist Hybris. Aber ersatzweise muss man sich auf die Vielzahl der indirekten Beweise und die kausale Logik ihrer Verkettung verlassen.

Christoph Leusch

1) Für den 21. August 2013 berichteten die Partner der NGO Mérdicins Sans Frontières (MSF) über den Massenanfall an Verletzten in den drei von dieser Organisation mitversorgten Krankenhäusern der Region Damaskus. Von 3600 Patienten, die es in diese drei Kliniken schafften, starben 355. Die Symptombeschreibungen und die Beschreibung der wirksamen Behandlung vor Ort, deuteten auf den Einsatz von Nervengiften hin. - Heute gelten Zahlen von 1000-1400 Toten und 4500- 6500 verletzten Überlebenden, als ein realistisches Ergebnis dieses „Zwischenfalls“.

http://www.msf.org/article/syria-thousands-suffering-neurotoxic-symptoms-treated-hospitals-supported-msf

2) Ich muss mich korrigieren. Entgegen meiner Meinung im Thread zu diesem Blog, gab es am 22.08.2013 eine Wissenschaftsjournalistin in Deutschland, Lydia Klöckner, Volontärin bei ZEIT/ZEIT-Online, die schon recht sachlich und allgemeinverständlich zu den Nervengasen Auskunft gab:

http://www.zeit.de/wissen/2013-08/Syrien-Giftgas-Sarin-Chemiewaffen

3)Allgemeinverständlich erklären die „Physicians For Human Rights“, was es mit Nervengasangriffen auf sich hat, wie die Diagnosen gestellt werden, wie man sich schützt und wie Beweise gesammelt werden:

https://s3.amazonaws.com/PHR_other/Nerve-Agent-Exposure-and-Collection-of-Forensic-Evidence.pdf

Fact sheet zu chemischen Kampfstoffen (pdf):

https://s3.amazonaws.com/PHR_other/PHR_CWAOverview_FactSheet_Final.pdf

Fact sheet zu Sarin (pdf):

https://s3.amazonaws.com/PHR_other/PHR_Sarin_Fact_Sheet_04-13.pdf

Überblick zu den bekannten Fakten der klinischen Symptome der wichtigsten Kampfstoffe:

http://physiciansforhumanrights.org/training/chemical-weapons/

4) Die besten öffentlichen Quellen mit mehr spezifischer Information, für Ärzte, Wissenschaftler und spezieller Interessierte stammen fast ausnahmslos aus den USA. Dort gibt es auch private Webseiten, die gute Überblicke liefern, weil im Rahmen der derzeit aufblühenden Survival-Szene Millionen Amerikaner für jeden Notfall vorbereitet sein wollen.

Drei Quellen:

http://sc-ems.com/ems/NuclearBiologicalChemical/Sarin/sarin.htm

Hierin auch eine gut verständliche Grafik zur unterschiedlichen Persistenz von Nervengasen, abhängig von der Tagestemperatur.

https://www.osha.gov/SLTC/emergencypreparedness/guides/nerve.html

Für alle, die genau wissen wollen, wie man Nervengase auspürt, gibt es hier, vom US-Arbeitsministerium einen sachlichen Überblick. Aus der Tabelle ist auch ersichtlich, dass vor Ort in Syrien wohl nur die Anwender (Militärs und staatliche Labors, die mit der Herstellung und Auffrischung der Bestände, die nämlich verfallen, befasst sind) über geeignetes Analysegerät zum Direktnachweis verfügen. Die indirekten Beweise sind alle klinisch und biochemisch, bzw. mit Hilfe von Gaschromatografen und Massenspektrometern.

http://www.bt.cdc.gov/agent/nerve/casedef.asp

Beim Center for Disease Control der USA gibt es eine Reihe von Fachblättern rund um Nervengase, zu jeder erdenklichen Frage um die medzinischen und labortechnischen Fragestellungen. Dazu ebenfalls substanzspezifische Fact sheets. Das ist zwar anspruchsvoll, aber für Interessierte durchaus nachvollziehbar. Auf deren Literaturangaben ist ebenfalls Verlass. - Also ruhig einmal bei der CDC stöbern.

Christoph Leusch

5) Nachtrag, 10.09.2013: Weil es eine Quelle hoher Glaubwürdigkeit ist, zum Giftgaseinsatz nun dieser Berichtsartikel des Guardians über einen Report der NGO, Human Rights Watch, die sich die Indizien angesehen haben. Aus Zeitgründen kann ich nicht den Report selbst einstellen, den ich dann auch erst einmal lesen will. Vielleicht gelingt mir das noch.

http://www.theguardian.com/world/2013/sep/10/syria-chemical-attack-assad

C.L.

17:50 01.09.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Columbus

Profil nicht mehr nötig.Alles Gute, der dFC und dem dF.
Columbus

Kommentare 193

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