Sind wir nicht alle ein bisschen wie...?

Brüder&Schwestern Thomas Mann empfand einst,1938, zu ästhetisch stiller Stunde und wohl ausformuliert, Hitler als Bruder. Er ahnte das Anstößige daran. - Wir sind daher nicht allein!
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Sind wir nicht alle ein bisschen wie...?“

Mit solch´ unverfänglicher Rhetorik beginnt meist eine Argumentation, die sich zunehmender Beliebtheit erfreut. Vielleicht liegt es am allzu häufigen Genuss diverser Talkshows, mit ihrem regelmäßig doch nur aufgesetzten Problembewusstsein.

Ein bisschen wie der einzig wahre Rauchkringel mit Geist, a.D, ein wenig wie die Physikerin, als Kanzlerin, ganz vom Ende her gedacht, einer wie der Kinski, nun ein Lustmolch und Raufbold, der Aguirres Zorn im richtigen Leben schon vorweg brutalisierte oder die Bühne und die Szenerie mit dem Leben wahllos und heillos verwechselte. Wie, ja wie der alltägliche Adolf mit dem Bärtchen gar. Was Jauch nicht weiß, zumindest nicht von seiner Cue card ablesen kann, das ist nicht. Es kömmt nur auf dieses wärmende Gefühl an, mit dem Beckmann und den drei Frauen, wenigstens einmal die Woche, an vorderster Front der Hechelthemen, ein bisschen psychologisieren zu dürfen.

Was bedeutet zum Beispiel die Veröffentlichung, -wohlgemerkt, nicht die Aufarbeitung-, einer unter Umständen schrecklichen und eventuell verbrecherischen Familiengeschichte, wenn jener mit dem sich die Öffentlichkeit nun obsessiv beschäftigt, mausetot ist und der Inhalt der Unerhörtheiten an den Glaubwürdigkeiten der Personen hängt, die ihn familiär überlebt haben? Eine solche Geschichte in der Öffentlichkeit, für mich und für dich, für sie und für ihn, für uns und alle „aufbereitet“, ist am Ende nicht mehr als eine Suhle, in der badet, wer tatsächlich glaubt es sei ein Duftbad. Danach können plötzlich alle für ein paar Tage böse Seelen riechen, sogar die eigene. Dieses Moschusextrakt für Moralisierer und Hausfrauenpsychologinnen, es wird elektronisch übermittelt: Nun sind alle irgendwie ein bisschen wie, ....Haarmann, Brüderchen Lüstling und Schwesterchen Notgeil.

Vielleicht ist es aber einfach nur die Sehnsucht, sich einmal wenigstens, in einer Person und einer Sache nicht geirrt zu haben, die Sicherheit der größten Zuschauerzahl und der populärsten Meinung im Rücken, ein wenig für die eigene Einstellung übernehmen zu können: „Ich habe es ja immer gesagt, gedacht, gewusst. Siehstewohl!“

Bruder Hitler“

In den etwas gebildeteren Kreisen und den langsam zusammenschrumpelnden Turmgesellschaften des Landes, nehmen Diskussionen zum gleichen Thema häufig ihren Ausgang bei einem 1938 geschriebenen, letztlich doch sehr kurz geratenen Essay Thomas Manns, „Bruder Hitler - Ein Pamphlet“, der verspätet, 1939, unter diesem, seinem endgültigen Titel, in Leopold Schwarzschilds Zeitung „Das Neue-Tagebuch“ erschien (1). Zur gleichen Zeit schrieb Mann, das muss gesagt werden, um zu wissen was ihn antrieb, an „Lotte in Weimar“, einem seiner schlechteren Werke, das so voller Ironie, gar Witz und Leichtigkeit funkelnd, unzeitgemäß daher kommt, auch wenn das halbamtlich, von einem anderen Papst, ganz anders gesehen wird. Immerhin geht es da um Genies, das Geniale, sogar ums Genitale, beziehungsweise um die Diminutivformen davon.

Das schlechte Papier und die schlichte Grafik des „Neuen Tage-Buchs“, Ausdruck der Not in finsterer Zeit, adelt noch in der Abbildung, was eigentlich eine hoffnungslose und zutiefst unkritische, völlig realitätsblinde, freischwebende Assoziation Thomas Manns genannt werden müsste (http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Thomas_Mann_Bruder_Hitler_1939.jpg&filetimestamp=20120410155218 ).

Damals befand sich das geistige Deutschland entweder im Exil, war im KZ gelandet oder eben schon tot. Ein Rest harrte, weitestgehend stumm, im Reich auf einer inneren, möglichst sicheren, Emigrationsstelle. Ein weiterer Teil machte, trotz einiger Bauchschmerzen, beim Dritten Reich mit. Wenn es ging, nur mit spitzen Fingern und solange das einigermaßen Erfolg hatte, kaum je darüber hinaus. - Letzteres ist eine durchgängige Konstante jeder gutbürgerlichen und vor allem öffentlichen Aktivität, nämlich rechtzeitig zu wissen, wann eine Denke und ihre bösen Folgetaten sich nicht mehr weiter auszahlen und die Richtung dringlich gewechselt werden muss.

Thomas Mann hatte 1938 immer noch nicht allzu viel verstanden, trotz der laufenden Informationen aus erster und nächster Hand, die ihm seine kreative und in diesen Dingen viel bewusstere Familie, Erika, Klaus, Heinrich lieferte, die ihm auch seine zahlreichen Bewunderer aus der intellektuellen Welt zutrugen. Täglich kam die Post und nicht nur eine Zeitung nach Küsnacht. Treue Mitarbeiterinnen und ergebene Mitarbeiter sorgten für die Aufbereitung des Weltwissens im Hause Mann. Ihm aber, wurde sein Bild vom mehrfach beschädigten und aus pathologischer Frustration vielhassenden Mann Hitler, dieser nicht akzeptierten und nicht angekommenen, gescheiterten „Künstlernatur“, zum „interessanten“ Verwandten, sei es auch nur für eine neue Tagebuchbetrachtung auf ein paar gefüllten Blättern Papiers. - Mehr ist es glücklicherweise auch nicht geworden!

Die Entstehung des Textes und seines Titels verrät viel über die Irrungen und Wirrungen, die Intellektuelle, vor allem solche des Mann-Typs, überhaupt Bürgerliche, die 1938/1939 immer noch mit dem Unterschied von Zivilisation und Kultur rangen, erfassen konnte. Zunächst sollte der Text „Der Bruder. Tagebuchblätter.“ betitelt sein. Das ging nicht, schon allein wegen der sofortigen Assoziation, Thomas und Heinrich Mann, und wegen der versteckten Drohung mit einer Fortsetzung. Die sich rasch weiter entfaltende Gewaltpolitik des Dritten Reiches, ließ zudem Tagebuchseiten zum Nationalsozialismus und zu Deutschland ewig verspätet erscheinen.

Wo aber brachte unser Bürgergenie die paar Zeilen unter? Im Männermagazin „Esquire“, das seit 1933 Amerika erfreute und so manchen Text berühmter Schriftsteller druckte. Da spielte die Assoziation und die feine Verästelung der Literaturwelt Europas und Deutschlands, das Schicksal der Emigration, die Wucht der nationalsozialistischen und faschistischen Machtübernahmen, keine allzu große Rolle. Der Eindruck des goldenen und ordentlichen Dekorums der Nazis und Faschisten wirkte noch tief und reichlich olympisch, weil die Oberfläche der Bilder immer mehr beeindruckt, als alle geheimen Berichte aus diesem seltsamen Reich der untergehenden Sonne, die zumeist von Kommunisten und Sozialisten stammten.

Unter dem Titel „>>That man is my brother<<, and if genius is madness tempered with discretion, this sly sadist and plotter of revenge is a genius,...“, druckte „Esquire“, was Bermann-Fischer, notgedrungen in Stockholm, 1938 nicht ausliefern wollte und daran auch gut tat.

Allenfalls „peinlich“ sei die Verwandtschaft, aber besser als Haß, „aufrichtiger, heiterer und produktiver“, sei „das Sich-wieder-Erkennen“. Die Kopfzeilen der amerikanischen Übersetzung verstärken diesen Eindruck der Peinlichkeit noch, den die vielen Zuschreibungen und die für Mann selbst, eher kurzfristige Entdeckung einer gewissen künstlerischen Brüderlichkeit und Seelenverwandtschaft, bei vorsichtigen Lesern erzeugen. Hier ist Mann weder der Autor des Doktor Faustus, noch ein Analyst der Absichten und Urgründe des Nationalsozialismus. Letztlich gestattete er sich einen ästhetisch-intellektuellen Vorbeimarsch am Phänomen, der sich weder aus der Biographie des seltsamen Bruders für einen Augenblick, noch aus der eigenen Biographie wirklich ergibt.

Die Bereitschaft zur Selbstvereinigung mit dem Hassenswerten

Mir „Ironie“ und „Interesse“ möchte Mann der „Katastrophe“ Europas entgegen treten. „Es ist mit dem Interesse ein selbstdisziplinierter Trieb, es sind humoristisch-asketische Ansätze zum Wiedererkennen, zur Identifikation, zum Solidaritätsbekenntnis verbunden, die ich dem Haß als moralisch überlegen empfinde.“ - Gut geschrieben, denke ich. Aber es fehlt jenes Moment, das aus dem bloßen Interesse eine unbedingte Notwendigkeit macht. Es fehlt jegliches Maß, angesichts der realen Brutalität des Dritten Reiches. Thomas Mann braucht den Bruder Hitler recht eigentlich nur für sich und seine Anschauung des Künstlers und der gescheiterten Künstlerexistenz. Das Politische geht ihm völlig ab und so verkleinert er, mehr ungewollt als tatsächlich erdacht, die vernunftmäßigen Gründe gegen Hitler Widerstand zu leisten zu einer Petitesse.

Ich will trotzdem die Augen nicht davor schließen, denn nochmals: besser, aufrichtiger, heiterer und produktiver als der Haß ist das Sichwieder-Erkennen, die Bereitschaft zur Selbstvereinigung mit dem Haßenswerten, möge sie auch die moralische Gefahr mit sich bringen, das Neinsagen zu verlernen. Mir ist nicht bange deswegen und übrigens ist Moral, sofern sie die Spontaneität und Unschuld des Lebens beeinträchtigt, nicht unbedingt Sache des Künstlers.“ - Nicht unbedingt Sache des Künstlers, möchte man gegen Manns Setzung ins Feld führen, aber eben nur „nicht unbedingt“, solange es auf die Moral nicht ankommt! Wer möchte aber behaupten, 1938 und 1939 sei es darauf nicht angekommen? Die fehlende Moral entsteht aus jener Beharrlichkeit, mit der auf die „Unschuld des Lebens“ gepocht wird.

Fehlende Moral, die hier so nonchalant als Haltung anempfohlen wird, verhöhnt alle jene, die zu genau gleicher Zeit, unter Umständen sogar mit ihrem Leben, entschieden dagegen sind ihre Seelenverwandtschaft mit Hitler zu analysieren, die dafür das ganz Andere, den Widerstand betreiben.

Für Mann reichte es, Hitler nicht etwa als gegenüberstehendes Subjekt zu sehen, sondern als kleine Wiederspiegelung eines eigenen, tatsächlich nur angenommenen Seeleanteils. Hitler ist der freigewordene, fleischgewordene, losgelassene Teil dessen, was aus dem Bürger Thomas Mann geworden wäre, hätte ihm jemand den Beruf des Schriftstellers verwehrt oder wäre er als mediokrer Schreiber gescheitert. - Nein, das hat keine Wahrheit, jeder erkennt das heute. Die Worte sind so gewählt, dass sie für Rückschlüsse auf Thomas Mann als Person und Schriftsteller gar keine Kraft haben. Gleiches gilt aber auch umgekehrt, für die unmögliche und vor allem unmäßige Projektion Manns auf die Person Hitlers.

In dieser Projektion entwickelt er gar die Assoziation, der gewaltsame Anschluss Österreichs (1938) an das Deutsche Reich, sei letztlich und tiefgründig eine Art zielstrebiger Kampf des kleinen Schnäuzers gegen den Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud, seinen, in den Augen Manns, treffsichersten Interpreten. Das ist zwar sehr wohl irgendwie ästhetisch und kreativ bis in die letzte Haarspitze, dem an die Decke hochkräuselnden Rauch einer wohlschmeckenden Maria Mancini (2) nachgedacht, aber eben auch nur das.

Tatsächlich sind psychoanalytische Deutungen Hitlers, gemessen an der Zahl der Abhandlungen zu diesem Mann Hitler, eher rar. Psychoanalytische Auslegungen in Thomas Manns Werk bleiben ebenso selten, -auch wenn das verbreitet nicht geglaubt wird-, sieht man einmal von den Mühen ab, die er sich um die Personage und die Handlung der Josephs-Tetralogie machte.

Psychoanalytiker wussten immer schon, dass es sich beim Nationalsozialismus nicht um die individuelle Pathologie des Führers handelte und im Sozialen der Begriff des Pathologischen letztlich völlig leer bleiben muss, wenn ganze Nationen, nur scheinbar einem Willen unterworfen, handeln. Hitlers Macht speiste sich aus den Interessen und Ansichten, den tiefen Emotionen eines ganzen Volkes, die sich mit ihm als Person verbinden konnten, weil er sie nun einmal repräsentierte und das auch allzu gut wusste. Da hilft politisches, soziales und historisches Denken, aber kaum die individuelle Analyse einer vorgeblichen Bohèmeseele, die nur ihren persönlichkeitsgemäßen Wirkort irgendwie verpasst hätte, die, -mit dem Landschaftsnamen ist da gut spielen- , harmlos in der Provinz, im ewigen Kellerparterre oder in der Mansarde bleibt.

Brecht und seine Schreibwerkstatt, Rudolf Olden der Jurist und politische Journalist, Karl Kraus der Verstummte, Klaus und Erika Mann, die Kinder des Nobelpreisträgers, Alfred Döblin, wie Thomas Mann, ehemals Mitglied der preußischen Akademie und Heinrich, der wahrhaftige Bruder, sie wussten mehr vom schwarzen Mann an der Spitze der Braunen. D.h., sie wussten, dass der junge Mann Hitler, so hätte Erik Erikson später geschrieben, wenn es ihm nicht um Luther gegangen wäre, nicht das System und seine weit verbreitete Ideologie erklärt (Näheres dazu und überhaupt zur verbreiteten Überdeutung, beleuchtet facettenreich, Marcel Atze, Unser Hitler, Göttingen (Wallstein), 2003).

In Manns Wohnheimat, der Schweiz, veröffentlichte der Jurist und Journalist Konrad Heiden, Chefredakteur bei Schwarzschilds Pariser Exilzeitung „Das neue Tage-Buch“, seine zweibändige Hitler-Biographie, nachdem er als einer der ersten Pressemenschen Deutschlands, jahrelang und systematisch die Nationalsozialisten beobachtet und analysiert hatte. Dazu lagen auflagenstarke Bücher aus dem Rowohlt-Verlag und später aus dem Europa-Verlag in Zürich vor, der auch die beiden Bände, „Adolf Hitler, Das Zeitalter der Verantwortungslosigkeit“ (1936) und „Adolf Hitler. Eine Biographie. Ein Mann gegen Europa“ (1937) druckte.

Genützt hat der Klarblick, ohne jede falsche Suche nach Seelenverwandtschaften, allen diesen Durchblickern wenig. Nur eine gewisse, manches Mal auch sehr ästhetische Wissensferne, die bürgerliche Konzentration auf das Eigene und Eigentliche, sichert wahrhaftig Weltruhm und Überleben. Das widerständige Engagement mit Seele, Leib und Leben, es kostet halt immer zuviel davon und dergleichen ist ureigentlich unbürgerlich.

Es ist nicht so, dass Thomas Mann das leicht möpselnde und irgendwie Wirklichkeitsferne seiner Jonglage mit Begriffen wie „Verhunzung“, „Genie“, „Künstlertum“ nicht erkannt hätte. -

Aber die Solidarität, das Wiedererkennen sind Ausdruck einer Selbstverachtung der Kunst, welche denn doch zuletzt nicht ganz beim Worte genommen sein möchte.“ - Jede These zum bösen und katastrophischen „Genie“ Hitler, wird mit reichlichen Worten des Zweifels abgepolstert. Ein Verfahren, das schon seit der Debatte um die „Betrachtungen eines Unpolitischen“ bei ihm bekannt ist. Vorher und vor allem nachher, hat er durchaus anders und treffender über Hitler und das Nazi-Reich geredet und geschrieben.

Allein, Mann beharrt hier auf seiner Sicht, als handele es sich beim Gegenstand seiner Betrachtungen um das angemessene Objekt eines beiläufigen Kunsturteils, das er sich schon in „jungen Jahren“, anlässlich seines einzigen Theaterstücks, -eher einer Gedankennovelle in Dramenform-, »Fiorenza«, gebildet habe. Hitler bleibt für ihn der gescheiterte Künstler der sein Metier aufgab, um sich im fachfremden Politikerberuf an jenen zu rächen, die ihm einst den künstlerischen Zugang zur Gesellschaft verwehrten. Nun bestimmte er, was noch Gesellschaft war und noch dazu gehören durfe.

Mann bleibt bei diesem Blick mit dem Künstlerauge, weil er sein Anschauen zur Kunst machen möchte, so, wie er es mit seinem Ansehen, zur Nichtkunst, zur Aufhebung jeder Möglichkeit von Kunst, hätte erklären können, das aber partout nicht wollte. - Ja, unser Bruder Thomas Mann, er sagte am Anfang und Ende von allem, 1939, was wir Kleinmänner und Kleinfrauen uns so denken, wenn wir nicht viel denken: „Hätt´ der Adolf Schicklgruber doch nur ein paar Bilder und Postkarten mehr verkauft, wäre er gar Kunstakademiker geworden, wäre er nicht kriegszerüttet im Sanatorium zu Pasewalk gelandet, von wo aus sich eine Reihe an hysterischen Ferndiagnosen, einige waren schlicht gut erfunden, erstunken und erlogen, an seine Biografie anhefteten. Hätte er nicht die traumatische Erweckung verspürt, die er sich selbst andichtete und dann auch noch völlig ernst mit ihr gemacht,..., er wäre immer noch unser Bruder.“ - Ich sehe, auf wie viele „hätte nicht“ und „hätte“ ich mich da einlassen müsste.

Hitler ist und war nie ein Bruder, gar unser Bruder, weder im Geiste, noch in der Realität, und er wird es auch nie mehr werden, nicht in Teilen, nicht mit einem Fitzelchen seiner Seele. - Das ist schon eine Generationenfrage. Hitler bleibt Geschichte und die Zeit der Nazis ein Geschehen, aus dem, mit natürlich wachsendem Abstand, immer mehr zu lernen möglich wird, wenn es nicht gerade um Kunst und Krankheit geht.

Juden vergasen, die Opposition in den Grunewald fahren und über den Haufen schießen lassen, Bücher verbrennen, einen Weltkrieg anzetteln und noch reichlich weitere Kleinigkeiten dieser Art, das schaffen weder Künstler, noch Narren, noch sonstwie Kranke. Das gelingt nur kerngesunden, tatwilligen, motivierten und effizient planenden Bürgern und ihren Kleinformen, die sich von allem etwas versprechen, unter Umständen auch vom größtmöglichen Verbrechen. Das sind durchaus Leute, die sich an einem Tag vom „Fliegenden Holländer“ enthusiasmieren lassen und am nächsten Tag den Befehl zum Angriff geben, woraufhin viele gesund und tatkräftig dreinschauende Landsleute, „Jawohll!“ und „Gott mit uns!“ brüllen, dann vorstürmen und sich erst von schicksalsfrühen Wintern und weiteren widrigen Umständen der realen, der widerständigen Welt stoppen lassen, weil sie immer Ziele haben.

Das Web als Treff der vielen Voyeure auf den billigeren Plätzen

Wenn also wir Brüder und Schwestern hinter unseren Firewall-Gardinen stehen und vorn, von den hochauflösenden Bildschirmen ruft es stolz, winkt es uns an, nackt oder angezogen gleichermaßen obszön, „Glotzt nur, aber bitte auf mich!“, wenn alle sprechen und schreiben, wie ihnen der Schnabel gerade gewachsen ist und alle Alles sagen, welchen Sinn hätte dann, wären wir nun tatsächlich alle irgendwie ein wenig Brüder und Schwestern Hitlers, Seelenverwandte des absolut bösartigen Verhaltens, in seiner milden Abschwächung, alltägliche Beleidiger, Ausschnittglotzer und lüstern Redende, SexistInnen, Schamlose, Betrüger, Falschredner und Falschparker, Verbrecher im Kleinen und Großen, jede Rede von der politischen Korrektheit? Es passte doch gar nicht zu uns, die wir doch alle ein bisschen sind, wie...!

P.c. ist nicht die Politik und nicht das Leben, nicht Kultur und nicht das Wesentliche, obwohl für ihre Herstellung so viel Zeit verdaddelt wird. Was mich zunehmend daran stört, das ist der rein taktische Umgang mit der Kenntnis von Fettnäpfchen und wirklich miesen Taten.

Slut-Walkerinnen beanspruchen tatsächlich, dass man sich im Alltag mit ihrem Auftreten einverstanden erklärt, weil sie so sein mögen wie sie sind. Geschäftskunden und Vertreterrunden betrachten die Begutachtung und Nutzung des „Frischfleischs“ aus den Randzonen der EU als ihr gutes Recht, schon eingepreist in Verträge und Abschlüsse. Passend zur Höhe der Boni, der Provisionen, der Verkaufsabschlüsse, sind die „Waren“ mit differenzierenden Farbbändchen ausgestattet. - Hier gibt es die Lebensmittelampel schon. Eine Reporterin betrachtet ihre wichtigen Informationen als reine Spielmarken, die man zu passender Gelegenheit, -es wird gerade über jemanden in anderen Zusammenhängen viel geredet-, aber nicht bei der einzig richtigen Gelegenheit, auf den medialen Roulettetisch wirft. Chefredakteure begründen ihre Auswahl mit einer offenkundig doch eher zeitlich begrenzten und diffusen Informationsabsicht über einen Politiker als übergriffigen Lüstling, der auch sonst viel anstößt.

Die Entlarvung eines mutmaßlichen und nun erstmals aufgefallen Sexisten auf politischem Posten beschäftigt die Republik mehr, als die routinierte Obszönität des fast freien Marktes an SexsklavInnen, die nach Art einer seltsamen "Reise nach Jerusalem" durch die deutschen Lande geschickt werden, bis sie sprichwörtlich „verbraucht“ sind. Dieser Markt ist in den letzten Jahren nicht geschrumpft, sondern legt Zuwachsraten hin, von denen andere Branchen nur träumen können. Die Profite aus dem nun anerkannten Gewerbe, sind für das Topmanagement, also jene die auch ´mal einem Versicherungskonzern behilflich sein können oder für VW sorgen, so gut, dass das Geld reicht, aus ihnen bald ehrbare Bürger zu machen. Die spenden auch einmal etwas, unter Umständen sogar für SOLWODI und das regionale Frauenhaus. Kiezgrößen und ihre Kunden zählen in Deutschland, das wurmt.

Christoph Leusch

1) Der Text aus dem Neuen Tage-Buch und aus dem Esquire die englische Fassung, dazu eine russische Übersetzung ( http://larvatus.livejournal.com/291296.html ).

2) Maria Mancini, das ist „La Flor de Maria Mancini“, angeblich Thomas Manns Lieblings-Zigarrenmarke.

18:52 27.01.2013
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Columbus

250 Beiträge sind genug. Alles Gute, der dFC und dem dF.
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