vom Feministin sein und Feminismus fühlen

feministische Identität Wann ist es angebracht sich selbst als Feministin zu bezeichnen? Was ist die richtige Art diese Überzeugung auszuleben? Wann ist man eine gute Feministin?
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Ich bin dreißig Jahre alt, von aufgeklärten Eltern aufgezogen worden, sehr weltoffen, reflektiert, gesellschaftskritisch und in jeder Form politisch und links sozialisiert. Trotzdem hatte ich lange ein Problem damit, mich Feministin zu nennen und auch wenn ich es inzwischen tue, mich so zu fühlen. Die politische Identität ist, wie jeder andere Teil der eigenen Identität ein Selbstfindungsprozess. Ich kann sagen was ich als „Richtig“ empfinde, ich kann meine Werte abstecken. Ich kann für Werte in Debatten einstehen. Das tue ich seit Jahren, selbstverständlich bin ich links. Selbstverständlich für Gleichberechtigung und ja, Feministin auch. Logisch.

Ich hatte vor etwa 5 Jahren ein sehr eindrucksvolles Gespräch mit einer Freundin. Wir waren den ganzen Tag zusammen. Ich habe sie in einem leeren Theater fotografiert. Halbnackt und so wunderschön und natürlich, wie ich nur wenig Menschen gesehen habe. Diese reine Ästhetik, die Schönheit die nur Fotos mir transportieren können, in denen man sich selbst vollkommen wohlgefühlt hat – das fasziniert mich noch heute. Einige der Bilder hängen hinter mir an der Wand. Sie sind die einzigen meiner damaligen Fotografien, auf die ich immer noch stolz bin.

Warum erzähle ich das? Weil dieser Tag ein Schlüsselmoment war. Abends waren wir bei ihr und haben uns unterhalten. Wir haben den schlechtesten Liebesfilm aller Zeiten geschaut und über all die Gratwanderungen gesprochen, denen man beim Schaffen der eigenen Identität ausgesetzt ist. Besagte Freundin ist bis heute, auch wenn wir kaum noch Kontakt haben, pure Inspiration für mich. Sie schafft es scheinbare Gegensätze zu vereinen, auf die ich nicht einmal kommen würde. Sie brachte mich darauf, dass es schon okay ist mich Feministin zu nennen, obwohl meine bisherigen Erfahrungen mit Feministinnen negativ waren. Mit einem Vater aufgewachsen, der vor allem Intelligenz, Stärke und eine klare Haltung bei Frauen schätzte – und dies entsprechend förderte – war es mir lange fremd bevormundet zu werden. Ich will gar nicht behaupten, dass ich ganz und gar feministisch aufwuchs. Natürlich erkenne ich, wie alle Kinder, die Schwachstellen und vergessenen Ungleichheiten die auch ich erlebte. Schon, weil meine Eltern nur einen geringen Einfluss auf Lehrerinnen und Erzieherinnen hatten. Nein, das ist nicht gegendert, denn bei mir waren es alles Frauen und sie waren es die mir als erste zeigten wie die Welt ist. Was „eigentlich“ von Mädchen erwartet wurde.

Es waren Lehrerinnen, die meiner Mutter rieten mich an die kurze Leine zu nehmen. Lehrerinnen, die mir eine Mitschuld an Mobbing, das ich erlitt, zuschrieben. Mädchen, die dieses Mobbing betrieben. Selbst als ich mich aus all diesen Dingen befreite, auf einer neuen Schule – einer Mädchenschule, kann man nicht sagen, dass sich mein Verhältnis zu Frauen und Mädchen generell verbesserte. Es waren die männlichen Lehrer, die mich förderten.

Jahre später, ich war inzwischen ausgezogen und selbst politisch aktiv, erlebte ich, dass Menschen die sich selbst als Feministisch betitelten, Gleichstellung mit den Füßen traten. Ich erlebte Grenzüberschreitungen von Menschen, die sich denselben Werten wie ich verschrieben hatten. Von Männern sowohl körperliche als auch verbal herablassende, wenn man ihnen seine eigenen Grenzen aufzeigte. Von Frauen bevormundende. Vor Ihnen musste ich mich rechtfertigen, dass ich hohe Schuhe oder tiefe ausschnitte und Röcke trug. Das sei Antifeministisch. Ich wechselte mein Umfeld, traf andere politische Menschen und hörte dasselbe. Ich hatte einen Freund, wir einigten uns auf Monogamie, weil es bei mir nur um Gewohnheit, bei ihm aber um Gefühle ging – und ich musste dies beurteilen lassen. Als nicht feministisch. Ich erlebte Menschen, die sich als Feministisch bezeichneten und bei Männern und Frauen nach doppeltem Maß richteten. Frauen persönlich angriffen, Männer aber nicht. Ich will gerne glauben, dass sie alle dazu gelernt haben. Dass wir jung waren und wie jemand mal zu mir sagte: „Diese Menschen sind in ihrer politischen Pubertät“. Sein Rat war, ihre Meinung von mir nicht zu ernst zu nehmen.

Genau in diesem Umfeld befinde ich mich zum Zeitpunkt des Fotoshootings. Unter selbsternannten Feminist:innen mit deren Auslebung dessen ich nichts zu tun haben will. Doch ich kannte nur diese Art der Auslebung. Die in der Frauen einander vorschreiben, was richtig ist. Sich die Schablone für Frauen zwar erweitert, aber nicht aufgelöst hat. In der wir bei jedem guten Vorsatz spätestens an einem festgefahrenen Männerbild scheitern, dass immer wieder nach einem Gegenstück verlangt. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir beides abschaffen müssen. Männer- und Frauenbilder. Schlicht, weil Geschlecht keine Charaktereigenschaft ist.

Diese Überzeugung habe ich schon lange und an diesem Abend vor etwa 5 Jahren, lernte ich den Begriff „Gleichstellungs-Feminismus“ kennen. An dem Abend fiel es mir noch schwer, doch nach und nach nahm ich den Begriff für mich an. Ich bezeichnete mich endlich als Feministin.

Was aber blieb war, dass ich mich anpasste. An Erwartungen oder dem, was ich dachte, was von mir erwartet wird. Mein damaliger Freund meinte ich sei emotional? Dann war ich das. Typen mochten, wenn sie den Sprung schafften, dass ich sie an mich ran lies? Dann zelebrierte ich das. Mir war etwas zu nah? Ich schüttelte es ab, weil ich niemandem vor den Kopf stoßen wollte. Es gab Konflikte? Dann hatte ich was falsch gemacht. Ohne es zu merken, hatte ich mich in genau der Anpassung verloren, die für Frauen so eine gefährliche Falle – und für Autistinnen noch viel mehr – gefährlich ist. Der Mechanismus heißt bei Autistinnen „Masking“ und beschreibt die Anpassung an Erwartungen von außen bis zur Identitätskrise. Nichts was ich nur im Puncto „weiblich-politische Identität“ gemacht hätte, aber da besonders stark. Durch die Diagnose hatte ich die Chance dieses Verhaltensmuster aufzubrechen und mich quasi noch einmal neu zu erfinden. Mit 28. Dazu gehört auch meine politische und weibliche Identität. Ich muss glücklicherweise nicht bei null anfangen.

Tatsächlich habe ich aber einige Dinge über Bord geworfen und mich rasant weiter entwickelt. Zum Beispiel den Glaubenssatz, ich sei keine Feministin. Seit einigen Jahren fällt es mir leicht mich so zu nennen. Unter anderem, weil ich durch den beschriebenen Abend gelernt habe, dass es auch andere Frauen mit den gleichen Werten gibt, die sich so nennen. Offensichtlich, ist Feminismus als das, was man daraus macht und ich habe Lust, daran aktiv mitzuwirken.

Aktiv. Tja, genau das fühle ich mich aber nicht. Ich bin weder provokant, noch besonders aufklärend tätig. Ich passe weder perfekt zu den Frauen, die sich nicht damit beschäftigen, noch zu denen die es tun. Ich habe Grenzen wo andere Frauen einen Spaß sehen und finde in Ordnung wo feministische Komilliton:innen sich einmischen wollen. Mein Problem ist die weibliche Bevormundung, kann mich aber gegen männliche gut wehren. Männern trete ich auf die Füße, weil ich meine Meinung sage, lasse mich von Frauen aber einschüchtern, wenn sie von mir „enttäuscht“ sind. Es ist für mich leichter männliches Lob anzunehmen, als weibliches und mache mich immer wieder von diesem Abhängig. Noch immer glaube ich, dass ich nur alles richtig, alles perfekt machen muss und mein Erfolg in zwischenmenschlichen Beziehungen darin liegt, ob ich mich richtig (und das heißt auch klassisch weiblich, emotional und zugänglich) zeige. Meine Schablone ist Detaillierung und vielseitig, aber umfangreich und fest wie beton. Das ist ein sehr oberflächlicher Feminismus.

Ich habe eine Meinung zu Frauen die sich auf social Media allzu sexualisiert zeigen, dabei ist mir egal wie viel oder wenig sie dabei anhaben. Ich habe eine Meinung dazu, ob das wirklich selbstbestimmt ist oder nur im Vorauseilen der Erwartungserfüllung geschieht. Ich beziehe meine Geschichte auf völlig fremde. Ich bin doppel- moralisch. Ich äußere mich zur Selbstdarstellung von Frauen, aber nicht von Männern. Klar, könnte man jetzt meinen, dazu kann ich ja auch etwas sagen. Aber kann ich das? Bin ich wirklich eine Expertin für Frauen, nur weil ich auch eine Frau bin? Lehne ich nicht genau diese Behauptung ab? Jedes Mal, wenn Menschen meinen sie könnten mein Verhalten Interpretieren und werten nur, weil sie andere Frauen oder sich selbst kennen?

Das heißt nicht, dass ich Menschen mit viel Reichweite aus ihrer Verantwortung als Vorbilder entlassen möchte. Wer sich nur auf seine oder ihre Hülle konzentriert und über Schönheit nur der Schönheit oder der Beachtung anderer wegen konzentriert, den sollte man eindeutig zur Selbstreflexion ermutigen. Das ist, aber würde man eine leere Vase dafür loben, wie hübsch Blumen in ihr aussehen könnten. Der Fehler ist nicht die Kritik, sondern das Ungleichgewicht. Vielleicht sollten wir öfter mal unter Pumper-Kanälen von Männern, die sich nur aufs äußere beziehen, auch hinterfragen, ob die Reduzierung darauf wirklich, das ist, was sie jungen Menschen mitgeben wollen. Dass sie damit nur das Klischee von einem überholten Männerbild festigen. Ich meine explizit nur solche Kanäle, bei denen tatsächlich nur (!) solcher Content kommt. Nicht, mal einen Post. Denn das ist es. Solange eine Frau zeigt, dass es als Frau auch noch andere Fähigkeiten gibt als „schön sein“ oder „gefallen“ ist es auch völlig okay, wenn „schön sein“ oder sich schön machen teil der eigenen weiblichen Identität ist.

Was ich mir wirklich wünsche, ist mehr Solidarität unter Frauen. Mehr Verständnis und Anerkennung für Vielseitigkeit. Dass wir nicht selbst unsere größten Gegnerinnen werden und eine andere Auslebung von Weiblichkeit nicht zur Bedrohung unserer eigenen wird. Denn ja, es gibt auch so was wie toxische Weiblichkeit. Ich habe Frauen erlebt die, meist unbewusst, wahnsinnig sexistisch waren. Meistens nicht aus böser Intention. Vieles ist Unwissenheit. Manches ist aktives Augen verschließen und manche schwimmen einfach lieber mit dem Ton mit, an den sie sich gewöhnt haben und machen selbst die sexistischen Sprüche am Tisch.

Das soll nicht heißen, dass wir Frauen selbst Schuld sind. Absolut nicht. Wir sind aber auch nicht nur Opfer. Wir gestalten diese Gesellschaft mit uns wir tragen dazu bei, ob wir unsere Mitmenschen, egal welchen Geschlechtern, dazu einladen, sich ebenfalls als Feminist:in zu sehen oder nicht. Ich für meinen teil, bin ich großer Fan davon, wenn auch Männer sich als Feministen identifizieren und mitreden. Nicht bevormundend natürlich, aber solidarisch. Unterstützend und ihren Mitmännern ruhig mal über den Mund fahrend, wenn sie glauben sich erlauben zu können eine Frau nicht ernst nehmen zu müssen. Das ist nicht bei allen Frauen das richtige, am besten fragt man vorher einmal nach wie man in einer konkreten Situation am besten unterstützen kann. In meinem Fall bin ich es leid mir immer wieder aufs neue alleine zu kämpfen. Ich bin das überforderte ausweichen von Mithörern leid, auch wenn ich die Überforderung verstehe. Fragen, Was man tun kann, Interesse daran zeigen, dass ein bestimmter Umgang mit Frauen sich eben nicht „normal“ für die anfühlt die sich aufkosten von Frauen amüsieren oder profilieren, das hilft oft schon.

Wir müssen Feminismus als ein gemeinsamen selbstverständlichen Wert unserer Gesellschaft verstehen. Nicht selbstverständlich wie der morgendliche Kaffee, denn so allgegenwärtig ist die Gleichstellung von Geschlechtern leider nicht. Aber so selbstverständlich, dass uns auffällt, wenn jemand sich gegen ihn richtet. Dass wir aufhorchen und reagieren, wenn dieser Wert nicht gewahrt wird.

All diese Gedanken kenne ich schon von mir. Diese Werte. Die Überzeugung aktiv an Gleichstellung arbeitet zu müssen, sich einbringen zu müssen, wenn man gegensätzliches erlebt. Durch sein eigenes Verhalten die tatsächliche Umsetzung voranzubringen. All das ist nichts Neues für mich. Neu ist die Frage, ob ich das auch tue.

Jetzt sind wir beim heutigen Abend angelangt. Ich liege inzwischen auf der Couch und denke darüber nach, ob ich feministisch „genug“ handle. Ob ich genug tue. Ob ich mich mit dem Unterlassen von Postings die andere zu gewagt oder ähnliches finden könnten nicht auch wieder nur anpasse. Ob ich mir selbst zu wenig Selbstgestaltung in meiner Auslebung von Feminismus zulasse. Mich zu sehr einschüchtern lasse, dass andere mehr wissen. Zu ungern über Sex rede, als dass ich an den aufgeklärten Gesprächen und Serien meiner Generation erfreuen könnte. Zu sehr auf meine männlichen Freunde und ihre Meinung von mir fokussiert bin und zu oft ihre Hilfe brauche. Es ist nicht so, dass ich meine weiblichen Freundschaften nicht zu schätzen wüsste. Sie helfen mir auch, aber anders. Ist das Antifeministisch? Nein. Denn ich kann frei entscheiden, wen ich wofür frage. Ich kann meinen engsten Freund fragen, ob ich sein Werkzeug haben kann und wenn ich selbst scheiter ihn den Zusammenbruch von Möbeln verhindern lassen. Nicht weil er ein Mann ist, sondern weil er nie anstrengend wird und mich nie bevormundet, wenn ich es selbst machen will und auch nicht, wenn ich es gar nicht ernst versuchen möchte.

Feministin sein muss nicht heißen, dass man gegen alles und immer und öffentlich ankämpfen muss. Im Gegenteil, eine feministische Gesellschaft würde bedeuten, dass wir alle nur nach unserem individuellen Wesen und nicht nach den Erwartungen an unser biologisches Geschlecht bewertet würden. Dass dieses ewige Hangeln zwischen Erwartungen und eigener Identität ein Ende hätte – für mich zumindest. Ich stelle mir eine Gesellschaft die Gleichstellung wirklich verinnerlicht hat, wirklich entspannt vor.

Unabhängig davon, wo uns das gesellschaftlich hinführt, bedeutet Feministin zu sein, aber vor allem eins: frei zu sein. Frei in meiner Auslebung, frei in meiner Vorstellung von Weiblichkeit, nachsichtig mit mir zu sein, wenn ich nicht das erfülle, was andere für sich darunter verstehen und niemandem mein Bild von Weiblichkeit aufzudrücken. Ich wäre gerne mutiger mir das rauszunehmen. Vor allem das mit dem Ausleben der eigenen Vorstellung von Weiblichkeit, was immer das heißen mag. Vielleicht gewöhne ich mich nach dem Lockdown nicht mehr um und trage weiter so selten wie nötig BHs. Vielleicht trau ich mich wieder mehr Dinge zu tragen, nur weil sie mir gefallen. Vielleicht lerne ich weniger Angst vor Äußerungen über meinen Körper zu haben, egal ob positiv oder negativ gemeinte. Vielleicht lerne ich mich auch in solchen Situationen mich zu behaupten, statt sie zu vermeiden. Vielleicht steh ich mehr dazu, dass ich bestimmte Arten von Nähe nicht mag und auch dazu, dass ich nicht jedem Menschen emotional näher kommen will. Am Ende lerne ich vielleicht sogar, scheinbar gegensätzliche Dinge miteinander zu verbinden.

Das Aufbrechen, von dem an das ich mich gewöhnt habe, Anpassung, die ich nicht mehr hinterfragt habe, all das existiert gerade nicht mehr. Ich bin tatsächlich mal alleine mit mir und meinem Körper. Ohne regelmäßige Kommentierung oder die Resonanz durch Zustimmung oder Ablehnung von Männern. Es verändert mich und das ist gut so. Ich will nicht zurück in die Normalität. Ich möchte, dass wir die Gelegenheit nutzen und eine neue Normalität erschaffen. In die jede von uns all das mitnimmt, was ihr „eigentlich ganz gut gefallen hat“ in dieser Pause von Externen Bewertungen im Alltag.

Vor allem ist aber eins wichtig, dass ich mich von meinem Bild wie eine „emanzipierte Frau“ ist endlich verabschiede und mich endlich als das fühle, was ich schon immer war: als Feministin, egal wie viel oder wenig ich mitnehme.

13:10 19.01.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Coo

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