Heiligs Blechle

CoLyrik-Kurzgeschichte November - Zeit zum Lesen, der ein oder anderen Kurzgeschichte, die zum Nachdenken anregt...
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„Heiligs Blechle! Scheiß Bagage!“, fluchte Lisa-Marie leise, als ihr zuvor das eiserne Hakenkreuz auf die linke Fußspitze fiel. Ein massives Erinnerungsstück von Uropa Hermann purzelte vom walnussbraunen Jugendstilschrank direkt nach unten. Sie hatte großes Glück, denn sie wurde nicht an der Schläfe getroffen, wie damals ihr Cousin, als sie beide auf dem Dachboden Krieg und Frieden spielten. Von da an hatte er einen kleinen Dachschaden. Jetzt, Jahrzehnte später, hätte sie nicht gedacht, dass ihr das hässliche Ding auf den Fuß fällt. Deshalb jaulte sie nun für einen kleinen Moment extrem tierisch laut auf. So, als sei sie ein Wolf mit Tollwut im Endstadium, wenn er ein letztes Mal den Mond anhimmelt, um dann zu sterben. Schaum hatte sie im Mund, denn sie hatte wenige Minuten vor dem rechtsradikalen Anschlag noch alte Päckchen mit Ahoi-Brause auf dem Dachboden bei Tante Babette gefunden. Wäre sie doch nur zu Hause geblieben, dachte sie. Das prickelnde Brausepulver aus den Siebzigern hatte sie hemmungslos auf ihre Zunge gestreut, als hätte sie keine Angst vor negativen Nebenwirkungen. Da wusste sie noch nichts vom Fable ihres Cousins Thomas für das Dritte Reich. Mit Thomas hielt sie sich damals oft auf dem Dachboden auf, wenn sie als Kind zu Besuch war. Da konnte man herrlich in alte Zeiten abtauchen. Es war ein großes Mehrgenerationenhaus und Oma Irmgard warf nichts weg. Dass dort Möbel um 1900 standen, Spielzeug von anno dazumal, Kisten randvoll mit Antiquaren Büchern, es uralte Fotos und Dokumente zu entdecken gab, in vergilbtes Zeitungspapier eingepackte Ölgemälde herumstanden oder auch eine Sitzbadewanne in der schon ihre Uroma saß, war ihr bestens bekannt. Doch dass es nun einen Schrank voll mit Krimskram aus dem Dritten Reich gab, war ihr neu, aber auch der sonderbare Geruch. Früher roch es nach Geräuchertem, Staub und Mottenkugeln. Jetzt duftete es penetrant süßlich, aber auch nach zu viel Weihrauch und so, als hätte man frisch geräuchert.

Zwischen alter Tischwäsche entdeckte sie als Kind das Buch „Mein Kampf“, aber als Achtjährige wusste sie noch nicht wer Autor Adolf Hitler war. Heute schon. Das Buch stand nun neben anderen alten Büchern in einem Regal, als hätte es schon immer da gestanden. Für jeden sichtbar, wenn man auf den Dachboden kam. Nur wer kam hier hin? Sie kam aus reiner Neugierde nach oben unters Dach, denn sie wollte sich an ihre Kindertage erinnern. Staub aus vergangenen Zeiten einatmen und noch einmal am Original Inhalierstift aus den Sechzigern schnüffeln, der bislang auch nicht den Weg in den Hausmüll fand wie das Berta-Nachtlicht, das immer noch auf dem kleinen weißen, eingestaubten Teller stand, als wolle man es wie einst anzünden. Bis zu 8 Stunden konnte es brennen und war heutzutage vielleicht für manche Sammler eine kleine Rarität, da dieses Nachtlicht noch nicht abgebrannt war. In den vergangenen Jahren zog es Lisa-Marie nicht mehr in dieses Haus, lag wohl an den Geisteswissenschaften, dem Studium in Hamburg und dem Umgang mit anderen Menschen. Der fromme Wunsch ihrer Mutter war es, der sie quasi zur Fahrt zwang. Ihre Mutter hatte keinen Führerschein mehr. Zuviel Promille. Es war für sie ein reiner Pflichtbesuch zu Allerheiligen, um bei den Verwandten einen guten Eindruck zu hinterlassen. Tante Babette und ihre Mutter saßen unten im Wohnzimmer und tranken sich mit selbstgemachten Quittenschnaps das Leben der Verwandten schön, denn sie kramten in alten Fotoalben. Lautes Gelächter dröhnte bis nach oben, lag wohl an dem einen oder anderen Gläschen Selbstgebranntem. Am Nachmittag standen beide Arm in Arm noch super fromm wirkend auf dem Friedhof am Grab ihrer Eltern. Oma Irmgard war eine Woche zuvor erst beerdigt worden und war zu Lebzeiten ein Biest. Ein überfrommes Biest, immer mit dem Rosenkranz unterwegs, der entweder in der Kittelschürze oder in einer ihrer Röcke steckte. Sie trug tatsächlich zu Hause wie andere Generationen vor ihr Kittelschürzen, aber allerdings mit besonders grässlichen Mustern. Sie trug nur Röcke mit eingenähtem Täschchen für den Rosenkranz. Das Rosenkranzbeten half vermutlich gegen ihr schlechtes Gewissen, dem antisemitischen Geschwätz, das es in diesem Haus seit Generationen gab. Oma Irmgard beschäftigte sich grundsätzlich in der Öffentlichkeit mit ihrem Rosenkranz, um als fromme Christin nach außen zu wirken. Im Grunde ihres Herzens war sie bitterböse und übertriebener Fremdenhass zerfraß zum Schluss ihre Seele. Sie starb an gebrochenem Herzen, als sie erfuhr, dass ihre Enkelin Clara von einem schwarzen, muslimischen Medizinstudenten schwanger wurde. Früher ahnte sie nicht, das ihre Großmutter durch und durch rechtsradikal geprägt war und dementsprechend immer negativ gegen Ausländer agierte. Sie vergiftete die Katze des Nachbarn, nur weil seine Nase angeblich jüdisch aussah und einen Migrationshintergrund hatte. Oma Irmgard schloss sich sogar dem Geheimbund der frommen 88er an. Wenn ihre eigene Mutter und ihre Tante Babette nun tatsächlich wüssten wie sie seit Jahren ihr Leben in Hamburg gestaltete, dann hätte man sie enterbt und verleugnet. Denn sie war sich nicht sicher, ob beide Schwestern inzwischen auch dem Geheimbund angehörten. Vielleicht wählten sie auch neuerdings anstatt der NPD die AfD, weil sich dort auch rechtsradikale Volldeppen engagierten. Lisa-Marie hatte mit den politischen Ansichten ihrer Verwandtschaft massive Probleme und vermied deswegen interne Debatten über Politik. Sie wohnte seit Jahren in einer WG mit drei Kerlen, die links aktiv unterwegs waren. Elischa, David und Simon verwöhnten sie nicht nur mit Häppchen an langweiligen Abenden, sondern zeigten ihr die Welt mit ihren Augen. Die drei Intellektuellen waren für sie wie ein Sechser im Lotto. Sex mit ihnen zu haben, war die schönste Nebensache der Welt, musste aber nicht unbedingt regelmäßig sein, fiel ihr dazu spontan ein und bückte sich derweil nach unten, um das Hakenkreuz mit spitzen Fingern aufzuheben. „Sollte sie es ihren Kerlen als Mitbringsel mitnehmen?“, schwirrte es ihr durch den Kopf. Keine gute Idee. Man sollte schlafende Hunde bekanntlich nicht wecken. Und doch konnte sie nicht widerstehen. Heimlich schlich sie nach unten zur Garderobe und griff nach ihrer Tasche. Beide Frauen lachten immer noch und vermissten sie anscheinend keineswegs. Deshalb ging sie wieder nach oben auf dem Dachboden, um noch weitere Schränke zu öffnen. Vielleicht konnte sie noch einen kleinen Schatz bergen und in ihre große Handtasche packen. Sollte sie mit ihrem Handy noch einige Beweisfotos machen? Sie griff nach dem Handy und stellte mit schmollendem Gesicht fest, dass der Akku leer war. „Mist!“, flüsterte sie und ging dann zu einem der noch verbliebenen, ungeöffneten Schränke. Hätte sie besser nicht getan, denn da traf sie beinahe der Schlag. Ihr Herz raste wie irre. Eine innere Unruhe überfiel sie, als sie den alten Kleiderschrank von Uropa Hermann öffnen wollte. Früher war der Schrank immer verschlossen und der Schlüssel fehlte stets, wenn sie sich mit Thomas dort oben aufhielt. Nun steckte der Schlüssel im Schloss. Sie wurde nervös, ganz hippelig. Ihr Gesicht glühte, als hätte sie Fieber. Sie wollte endlich nach so vielen Jahren wissen, was in diesem Schrank war.

Sie überlegte nicht lange, atmete einmal tief durch und öffnete ihn dann. Mit dem Schlimmsten hatte sie sowieso in jenem Moment gerechnet. Die Schnappatmung blieb aus und sie atmete relativ ruhig ein und aus. Dort hingen etliche Uniformen, Wehrmachtsuniformen. Dabei dachte sie sofort an Simon, denn etliche seiner Vorfahren starben in KZs. Ihr wurde speiübel, lag vielleicht am dritten Päckchen Brausepulver, dass sie zur Ablenkung in den Mund nahm. Es schmeckte widerlich und nicht mehr nach Himbeere, eher wie Rattengift, so vermutete sie. Bekam sie nun einen Schwäche- oder Tobsuchtsanfall? Hatte sich ihr Cousin hier oben eine fiese, böse Parallelwelt aufgebaut? Sie hatte Thomas schon eine kleine Ewigkeit nicht mehr gesehen. Inzwischen war er Reichsbürger, diese Info hatte sie von ihrer Mutter. Thomas war von Beruf Polizist. Sie hatte bislang nicht den Mut, nachzuhaken, ob man so einen Polizisten vom Dienst suspendieren kann. Außerdem wollte sie mit der Polizei nichts zu tun haben. Sie wurde wütend, hatte Brausepulver-Schaum vorm Mund und schrie ganz laut: „Du rechtsradikales Schwein!“. Dabei sprenkelte sie aufgeschäumten Speichel, der in winzig kleinen Tröpfchen vor ihr zu Boden fiel und währenddessen wie ein schlechtes Omen wirkte. Unten hörte man daraufhin hysterisches Gekreische, das sie allerdings nicht vor dem nächsten Schritt abhielt. Bis ihre betrunkene Mutter und ihre Tante Babette die Treppen nach oben schafften, hätte sie alle drei Schränke geöffnet. Sie machte weiter, obwohl sie am ganzen Körper bereits zitterte. Lisa-Marie wollte unbedingt wissen, was in den anderen alten Schränken aufbewahrt wurde.

Sie öffnete die Tür des nächsten Schranks und fiel binnen weniger Sekunden in Ohnmacht. Ein beißender Geruch raubte ihr spontan alle Sinne. Eine mumifizierte Leiche saß im Schrank, sah im Gesicht und an den Händen wie geräucherter Schinken aus, trug eine Wehrmachtsuniform, glich irgendwie ihrem Cousin Thomas und grinste sie dreist an…

©Corina Wagner, November 2016

17:14 06.11.2016
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Geschrieben von

Corina Wagner

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Corina Wagner

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