Weiße Wandelröschen Kurzgeschichte

CoLyrik Magdalena hat vieles im Leben verdrängt...
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Weiße Wandelröschen

Magdalena sitzt unter einem uralten Fliederbaum und starrt gedankenverloren auf den grün glasierten Übertopf, den sie jedes Jahr aufs Neue nach den Eisheiligen in den Garten stellt. Heute sieht sie im Gesicht ganz anders aus, als sonst. Der Anblick des Blumenkübels löst Erinnerungen aus, aber auch eine ganz andere Wahrnehmung ihres eigenen Ichs. Immer häufiger taucht sie in ihre Vergangenheit ab, wie jetzt in diesem Moment. Dann ist sie plötzlich unglaublich müde, aber gleichzeitig innerlich sehr aufgewühlt. Seit Jahrzehnten pflanzt sie die Lieblingsblumen ihrer Mutter in diesen steinalten Blumenkübel hinein. Den ganzen Sommer lang blühen sie wunderschön und bereichern dadurch den Blick in ihren kleinen Garten.

1909 brachte ihr Großvater mütterlicherseits einige Wandelröschen von einer Expedition aus dem tropischen Amerika mit nach Hause, um seiner geliebten Frau eine Freude zu machen. Großmutter Brunhilde liebte Blumen über alles und war für ihren grünen Daumen bekannt. In einem beheizten Gewächshaus überwinterten Jahr für Jahr die Wandelröschen. Setzlinge wurden gezogen und Samen aufbewahrt. Sommer für Sommer garantierte dies viel Blütenpracht im kunstvoll angelegten Garten der Familie. Die weißen Wandelröschen liebt Magdalena besonders, da sie so unschuldig aussehen.

Magdalena, die eigentlich mit Rufnamen Erika heißt, nahm nach dem Zweiten Weltkrieg eine neue Identität an. Nie wieder wollte sie über ihre Familie sprechen. Neuerdings denkt sie immer häufiger an ihre Kindheit und Jugend zurück.

Ihr Vater war ein Kriegsverbrecher und schoss sich kurz vor Kriegsende eigenhändig in den Kopf, um nicht verurteilt zu werden. Er hinterließ einen Abschiedsbrief, der so grauenvoll war, dass es seiner Frau die Sprache verschlug. Zu Lebzeiten war ihr Vater ein Monster in Uniform, das zu Hause den treusorgenden Vater und Ehemann spielte. Nur zwei Tage nach dem Suizid des Massenmörders nahm sich die sprachlose Mutter das Leben und erhängte sich im Keller. Plötzlich war Magdalena Vollwaise. Schutt und Asche auf zerbombtem Gebiet wirkte auf sie wie ein böser Fluch. Zunächst lief sie wie in Trance zwei Tage lang bis zu ihren Großeltern. Das Anwesen war inzwischen eine baufällige Ruine und das Gewächshaus war völlig zerstört. Keine Spur konnte sie entdecken, die auf ein Lebenszeichen ihrer Großeltern hindeutete. Nur ein kleines Tütchen mit Wandelröschen-Samen blieb ihr als Erinnerung an bessere Zeiten, als sie noch unbeschwert im Garten ihrer Großeltern verweilen konnte. Wie einen kleinen Schatz bewahrte sie dieses Tütchen fortan tagsüber in einem kleinem Leinensäckchen auf, so dass sie dieses stets unter ihrem Rock mit einer Sicherheitsnadel befestigte. Nachts versteckte sie das Säckchen unter ihrem Kopfkissen. Dieser Blumensamen war das Einzige, was ihr von ihrer Familie blieb. Magdalena war zu Kriegsende siebzehn Jahre alt. Sie wurde auf ihrer Flucht Opfer von Vergewaltigern, aber das Tütchen mit dem Blumensamen blieb wie ein Wunder ganz. Mehrere Männer waren über sie brutal hergefallen und ließen sie wie ein Stück Dreck halbtot liegen. Sie hatte großes Glück und überlebte. Trotz bittersten Erfahrungen, die sie in jungen Jahren erlebte, verwirklichte sie ihr angestrebtes Ziel und setzte sich unermüdlich mit großer Hingabe für Schwächere in der Gesellschaft ein.

Heute wurde ihr das erste Mal im fortgeschrittenen Leben bewusst, dass sie nun auch zu den Schwächeren gehören wird. Diejenige, die bald auf fremde Hilfe angewiesen sei. Sie hat am Morgen anstatt eines Augenbrauenstifts einen Kugelschreiber in die Hand genommen und sich damit die Augenbrauen nachgezogen. Das hat sie bislang nie getan. Sie hat es auch nicht sofort bemerkt. Blaue Augenbrauen! Eine junge Frau hat sie darauf aufmerksam gemacht, die nun neben ihr immer noch grinsend auf der Bank sitzt und ein vergilbtes Tütchen mit Wandelröschen-Samen in der Hand hält. Magdalena hat es ihr vor wenigen Minuten gegeben, ohne dabei ein Wort zu sagen. Jetzt ist die alte Dame ziemlich müde, schaut noch einmal auf den grün glasierten Blumentopf mit den weißen Wandelröschen und ein letztes Mal in das hübsche, schmunzelnde Gesicht ihrer Enkelin. Danach schließt sie für immer die Augen.

©Corina Wagner, Mai 2015

11:17 15.05.2015
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Geschrieben von

Corina Wagner

Wer das Wort Alphabet buchstabieren kann, ist noch kein/e Autor/in. (C.W.)
Corina Wagner

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