Liebe Sophie: das bin nicht ich!

Souveränität Mein längerer Abschied und die Beweggründe, warum ich mich als Privatmensch und als Onlinejournalist dazu entscheide, mich von Facebook zurück zu ziehen.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Stellen Sie sich einmal vor, ihr Leben verläuft nicht mehr klar und zeitlich gegliedert. Das Aufstehen findet am Abend statt, ihr Mittagessen steht bereits zum Frühstück auf dem Tisch und der Montag mit alledem, was diesen Tag so unangenehm macht liegt plötzlich auf ihrem arbeitsfreien, eigentlich immer supertollen Samstag.

Verrückt? Im wahrsten Sinne des Wortes. So mag ich nicht leben.

Werfe ich einen Blick auf mein Facebook-Profil, so fällt mir zunächst auf, dass dort alles streng chronologisch abläuft. Die Wand, auf der ich virtuell lebe nennt sich schließlich auch „Facebook-Chronik“ und erfasst Postings, Bilder, Videos und all das, was ich sonst so teile. Dazu zählen auch wichtige Lebensereignisse. In der Reihenfolge, wie ich sie eingebe - so, wie sich mein Leben entwickelt.

Sophie sieht das anders. Dabei gibt es Sophie gar nicht - sie ist nur ein Profil, in dem ich in den letzten Tagen verfolgte, wie ich in ihrer Timeline aussehe.

In Sophies Timeline erscheint mein eigentlich chronologisch aufgebautes Leben wie folgt:

23. Juli – 09:48 Uhr : „So cool!“ - ich postete ein Video einer tollen Künstlerin.

22. Juli – 00:49 Uhr:Zwei iPads (Mini 32 GB & Air 16 GB, 3G Wifi) zu verkaufen. Lest vorher diesen Artikel bitte.“

24. Juli – 14:17 Uhr: Daniel hat einen Artikel in 2 Gruppen gepostet.

22. Juli – 09:27 Uhr: „Politik 2014 – Lokalposse oder symptomatisch für die „herrschende Klasse“? Ich teilte einen Artikel zur Modellautoaffäre in Bayern.

24. Juli - 14:16 Uhr: Facebook abschalten – erneut der Artikel zum Thema, dieses Mal auf meiner eigenen Wand.

22. Juli – 11:41 Uhr: Ein Bild von einem Account der Fraktion Die Linke kommentiert und geteilt.

Vor 17 Stunden: Lebensereignis „Facebook-Abschaltung: Kontakt halten“

24. Juli – 13:46 Uhr: Lebensereignis „Facebook-abschalten“

24. Juli – 12:11 Uhr: Artikel zu Reservisten, die den Kriegsdienst in Israel verweigern.

22. Juli – 10:15 Uhr: Beitrag geteilt zum Thema Manipulation
auf Dating-Plattformen

21. Juli - 21:42 Uhr … 22. Juli – 17:15 Uhr …. 20 Juli – 16:02 Uh
r … 23. Juli – 21:36 Uhr.... 21. Juli – 12:41 Uhr … 21. Juli - 14:19 Uhr

Noch während ich diese Timeline abschreibe und dokumentiere, verschwindet das Video von der Top-Position, weil ich versehentlich aus der Seite heraus gegangen bin.
Der Stream verändert sich, Beiträge sortieren sich, weichen aber immer noch von der von mir irgendwann gelebten Chronologie ab.

Kritiker führen nun sicher an, ich solle als Journalist doch nicht auf einem Facebook-Profil schreiben, sondern auf einer Seite, die Menschen gezielt ansteuern können. Doch auch dort greift Facebook immer häufiger ein. Diskussionen werden nach „Top-Postings“ oder der Anzahl der Likes sortiert. Können sich so Gedanken aus Diskussionen entwickeln aus denen wir Handlungen ableiten sollten? Welche Gedanken entwickeln sich mit diesen Eingriffen nicht?


Krank machen – krank erscheinen

Die Auswirkungen auf den persönlichen Bereich empfinde ich als deutlich problematischer. Sophie nimmt sich Zeit, geht auf Facebook und checkt kurz ihre Timeline, in der ja – normalerweise – auch viele weitere Freunde vertreten sind.

Was als aktuellster Punkt erscheint ist ein Video von vor drei Tagen – nicht aber der von mir als „Lebensereignis“ gepostete und klassifizierte Beitrag von vor einigen Stunden oder dem Tag davor.

Auch die Themenentwicklung der letzten Tage spiegelt sich in der Timeline von Sophie nicht wieder. Wie wirke ich dadurch auf Sophie? Was hat sie übersehen oder an welchem Punkt nimmt sie überhaupt die Belastung der letzten Tage wahr, die es für mich ist, mich aus einem sicher geglaubten Freundeskreis, Publikationsumfeld und von meiner Zielgruppe allgemein zurückzuziehen?

Ich bin kein Technikfeind und war eigentlich gern auf Facebook. Aber so?

Erwartungen

Viele Menschen erwarten, dass das Social Media Profil authentisch ist und die Person wiederspiegelt, mit der wir es zu tun haben. Viele Menschen - so auch ich über lange Jahre – sind authentisch und offen unterwegs und wollen das auch für andere sein.

Wie es aber in der Timeline der Freunde aussieht, ob es sie überhaupt erreicht und nach welchen Kriterien sie es gestern, jetzt oder in der nächsten Minute angezeigt bekommen, liegt nicht mehr in unserer Hand.

Souveränität und Selbstbestimmung treten in den Hintergrund. Frühstück wird Abendessen, der Samstag ein Montag – liebes Facebook, du machst uns damit auf Dauer krank - und dich selbst kaputt.

12:41 26.07.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Daniel Lücking

Journalist - verfolgt den 1. Untersuchungsauschuss des Bundestags zum Attentat am Breitscheidplatz vom 19.12.2016
Daniel Lücking

Kommentare