Instantmeere und Kunstgärten

Biotechnologie. Sssss! „In den kantigen Kunstapfel beißen?“ Vor einiger Zeit zierte ein kantiger Kunstapfel das Titelblatt des Freitags. Ein Apfel zum Anbeißen, mehr noch zum Würfeln?
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Kunstäpfel, Kunstgehirne usw. ........

– bald wird Vieles bio-technologisch möglich sein.

Sssssssssssss. Schschschsch!

Nicht so schnell. Möchte man/frau den Biotechnologie-Konzernen zurufen. Und wie der Bär singen: Probiers mal mit Gemütlichkeit! Kunstäpfel, Kunstgehirne... ganze Kunstwelten!? Wollen wir das überhaupt und wenn ja -- wie? Denn dem allen sollte ein grundsätzlicher ethischer Diskurs vorausgehen und mehr noch: nicht nur ein ethischer Diskurs -- auch die Frage danach, wer der Mensch ist, was die Natur ist? Die Frage nach dem menschlichen Selbstverständnis, die Frage nach Menschen- und Weltbildern gehören diskutiert. Ein öffentlicher und herrschaftsfreier Diskurs dazu fehlt fast gänzlich. Vor allem ist der minimal vorhandene und völlig unzureichende Diskurs nicht herrschaftsfrei, denn es spielen Konzerninteressen hinein, es werden Fakten einfach geschaffen und vermarktet und durch die Marketingabteilungen als Fortschritt kommuniziert, es finden aber kaum philosophische und herrschaftsfreie Diskurse statt, die Grundsatzfragen stellen.

Kunstwelten-- ja oder nein?

Oder irgendwie ja und nein?

Kann man/frau diese Frage so einfach beantworten? Nein. So wie es derzeit getan wird: durch das Schaffen von Fakten -- nicht. Was wollen wir, können wir wollen (aus ethischer Sicht z. B.)? Und wenn wir es wollen – wie wollen wir es? Es könnte ein cooles Projekt werden, ein spannendes Abenteuer, aber wenn man/frau in die Berge geht, macht man/frau dies auch nicht wie Tarzans und Janes in der Badehose, sondern man/frau überlegt gemeinsam eine Route, in der man/frau nicht in Lawinen rauscht und nicht vom Wetterumbruch überrascht wird. Es gibt kleine Berge, da kann man/frau in der Badehose hoch laufen und gemütlich im Bergsee baden und es gibt Berge, die erfordern mehr. Die Biotechnologie halte ich für einen solchen Berg, der mehr braucht, Besonnenheit und Weisheit, kein ungestümes und unüberlegtes Vorpreschen eines blinden Machens!

In der Badehose auf der Schneelawine surfen?

Was mir Sorge macht an den rasanten und ethisch in keinerlei Weise hinreichend im Diskurs stehenden Entwicklungen in Richtung biotechnologische Kunstwelten ist: Die Eingriffe in die Natur, die der Mensch bisher vornahm, waren sehr viel weniger tiefgreifend als die Eingriffe, die bevorstehen, und dennoch reichten diese Eingriffe schon, die Natur zu gefährden und das Leben auf dem Planeten ernsthaft in Gefahr zu bringen. Wir haben noch nicht einmal die Probleme gelöst, die aus den bisherigen Eingriffen resultierten: stehen vor dem Problem des Klimawandels, vor Problemen wie, dass das Plankton und Phytoplankton in den Meeren stirbt, Luft, Böden und Wässer verschmutzt sind usw.

Die Veränderungen, die die Biotechnologie mit sich bringen wird, sind im Unterschied zu den Eingriffen, die der Mensch bisher vornahm, komplett irreversibel, während vieles, was bisher geschah, zumindest bedingt reversibel war.

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Die Auswirkungen von Bio-Gen-Technologien, die Auswirkungen von biotechnologisch verwirklichten Computer-Hirnschnittstellen und Computer-Organschnittstellen, bzw. der Verschmelzung von Biotechnologie (Zellcomputer etc.) mit den Pflanzen Tieren und Menschen sind absolut irreversibel. Wenn irgendetwas schief geht, so sind diese Fehler fatal.

Wellenreiten auf dem Meer der Fakten

Es braucht eine neue Ethik, weil die Ethik, die wir bisher hatten, reicht nicht hin -- diese Fragen zu diskutieren. Und was viel schlimmer ist, es gibt gar keinen wirklichen ethischen Diskus, sondern die technologischen und biotechnologischen Entwicklungen, die nach der Logik von Märkten und Wirtschaft, aber nicht nach ethischen Maßstäben funktionieren, liefern einfach Fakten. Fakten die irreversible Tatsachen schaffen.

Wann starb die Philosophie?

Oder über philosophisches Assistenzdasein.

Es gibt weder einen ernsthaften öffentlichen Diskurs über Wissenschaft noch über technologische Entwicklungen und Entwicklungsperspektiven. Während Newton, Einstein usw. noch Weltbilder ins Wanken brachten und in einem Diskus mit der Philosophie, das Denken veränderten, ist das, was heute in der Physik geschieht, ein Ablauf. An z. B. Teilchenbeschleunigern arbeiten Forscher/innen und Ingenieure/innen usw. wie in Industriekonzernen, in Biotechnologiekonzernen arbeiten Biologen/innen, Informatiker/innen usw. wie in Betrieben, Gentechnologie ist mehr und mehr ein Wirtschaftszweig wie alle anderen Wirtschaftszweige auch, aber bei z. B. Genfragen, geht es nicht mal eben um Produkte wie Zahnbürsten und Seifen… Es gibt keine großen philosophischen Diskussionen mehr, die Forschungsergebnisse noch auf den Menschen und die Natur beziehen -- und fragen, was bedeutet das für uns, für unser menschliches Selbstverständnis, unser Weltbild, für die Natur für das Leben auf diesem Planeten usw.

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Keine Fragen mehr? Nur noch Fakten?

Philosophie ist v. a. zur analytischen Philosophie avanciert, Philosophen/innen bilden positivistische Hilfstrupps, die assistieren. Die großen und grundsätzlichen Fragen werden nicht mehr (oder nur noch in seltenen Ausnahmefällen) gestellt. -- Was ist die Natur? Was für ein Menschenbild haben wir? Und Tiere? Und Pflanzen? Auch Fragen im Stil wie, klar - aus chemischer Sicht ist Wasser H2O, aber ist es nicht mehr? Für die Natur, für Menschen und Tiere Pflanzen ist es sehr viel mehr. Ein reiner Atomismus greift zu kurz. Fragen wie -- ist das Gehirn eine rein funktionale Prozesseinheit, genügt es die Funktionen und Prozesse technisch zu realisieren? Die Biotechnologie wird sich dahin entwicklen, Teile des Gehirns, vielleicht sogar ganze Gehirne künstlich zu synthetisieren. Wäre ein Kunsthirn abgeschnitten in der Nährlösung mit Daten- und Übertragungsleitungen ein Mind, Bewusstsein, und mehr noch (jap. shin) Geist, Herz? Sind Datenübertragungsprozesse in Kabeln Beziehungen? Und noch viel grundlegender gefragt, lässt sich der Mensch auf sein Gehirn reduzieren, ist es das, was Mind, Bewusstsein und mehr noch Geist und Herz ausmacht? Was ist mit dem enterischen Nervensystem im Bauchtrakt – und weiter gefragt überhaupt mit dem komplexen Nervensystem, das uns mit uns selbst, aber auch mit der Umwelt (die fühlende Haut und unsere Sinnesorgane sind voller Nervenzellen) – mit anderen und der Natur verbindet? Und noch weiter gefragt, wer sind wir? Neuronenansammlungen oder mehr? Ist die Welt ein Neuronenfeuer? Auch ein eternales und peripheres Nervensystem lässt sich vermutlich irgendwann künstlich realisieren, ein Gehirn in Nährlösung könnte über vielfältige Schnittstellen verfügen, aber nehmen wir an man/frau würde die Datenverarbeitungsprozesse eines versterbenden Menschen komplett künstlich realisieren – lebt dieser Mensch dann weiter? Und wie wichtig ist der Körper, ist Körper -- Leib oder geht es überhaupt um Herz-Geist -- Herz-Geist schließt den Leib ein, betont dessen Bedeutung (auch für das Bewusstsein usw.) zudem die Komplexität von Beziehungen zur und jetzt kommt es: nicht Umwelt, sondern Herz-Geist (shin) wird relational gedacht in einem komplexen Beziehungsgeschehen von wechselseitigem Entstehen und Vergehen (jap. engi), das konstitutiv ist für die Wirklichkeit -- wie wichtig ist uns all dies? Geht es um Mind, um Bewusstsein? Geht es womöglich nur um Prozesse und Funktionen? Oder um sehr viel mehr: Herz und Geist? Oder sind es Datenverarbeitungsprozesse, die da ablaufen wie auf einer Computerfestplatte auch? Vor allem wird -- und da hat die abendländische Philosophie seit jeher ihre Schwäche -- nicht diskutiert, wie das relationale Verhältnis zwischen Mensch und Natur ist.

Relationen oder Liebe?

Die Oma von einer japanisch Lehrerin, die ich sehr schätze, erklärte ihrer Enkelin das japanische Zeichen (Kanji) für "Mensch", indem sie sagte -- es sehe aus wie zwei Menschen, die sich wechselseitig im Leben Halt schenken.

Wozu Brüste, wenn es Tetra-Packs gibt?

Wie geht man/frau mit den neuen Bio-Technologien um? Ein ethischer Diskurs ist gefragt, aber auch ein Diskurs mit Blick auf Weltbilder, Menschenbilder und die Frage nach Natur?

Wozu Natur, wenn es Kunstwelten geben könnte?

Es geht auch um die Frage nach der Natur und nach Tieren und Pflanzen? Sind Tiere und Pflanzen Labor-Versuchskaninchen und Gen-Soja-Objekte -- Nahrungslieferanten/innen und Rohstofflieferanten/innen?

Oder sind sie nicht viel mehr Lebewesen mit Würde?

Und darf die Natur geopfert werden für technische Kunstwelten? Ist die Natur nur ein Sprungbrett in ein technisches und künstliches Zeitalter? Irgendwann obosolet?

Hat die Natur eine unantastbare Würde?

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Kleine Meeresblume

Hängt nicht an den kleinsten und unscheinbarsten Lebewesen – den Blumen, unser Atem? Wenn das Plankton und Phytoplankton in den Meeren stirbt, dann stirbt auch der Mensch.

Menschen sind Teil der Natur

Und was ist die Natur – der Mensch tut so als stünde er außerhalb, als wäre sie ein Objekt, sein/ihr Objekt, über das er/sie verfügen kann, aber die Natur ist unser Atem, wir sind Teil der Natur, wir leben und sterben mit ihr.

Neutral könnte man/frau formulieren uns verbinden Beziehungen, alles ist miteinander verwoben, ein Leben mit dem anderen und allen. Es ist nicht wie in einem Supermarktregal und da stehen die Suppenwürfel für die Meere und dort das Puddingpulver für die Wälder. Genauso wenig wie man/frau Liebe machen kann, kann man/frau Natur produzieren, denn der Mensch ist Teil der Natur, analog so wie in unserem menschlichen Leben, der Mensch über Beziehungen nicht einfach verfügen kann wie über ein Objekt, einen Gegenstand, weil sie mehr sind, weil Liebe mehr ist, ist auch die Natur mehr als ein Objekt der Verfügbarkeit. Wenn die Verwobenheit durchschnitten wird, fällt der Mensch selbst durch das Netz, das er auftrennt, denn es trägt ihn. Die Meere und Wälder, die Luft, die wir atmen, sie sind keine Objekte.

Eine Diskussion über Vor- und Nachteile von technischen und biotechnologischen Kunstwelten genügt nicht, wir brauchen einen echten ethischen Diskurs, und mehr noch einen Diskurs über unser Selbstverständnis und Naturverständnis.

Wer sind wir? Was ist die Natur?

Wir denken, wir fühlen, wir essen wir schlafen, trinken, berühren und küssen?

Wer ist es, der/der die denkt, fühlt, liebt usw.?

Wer ist der/die andere, die/den wir küssen?

Und was gibt uns Atem? Die Natur? Was ist die Natur?

Objekt? Nein. Wir sind Teil der Natur.

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Mit den kleinsten, den unscheinbarsten Lebewesen – den Blumen gehen auch wir.


Liebe Grüße

Daniela Waldmann

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Dieser Blog bedeutet mir inhaltlich sehr, da er Fragen betrifft, die unsere Zukunft betreffen und die Zukunft unserer Kinder.

Ich bitte um eine inhaltliche Diskussion -- darum, dass der Blog nicht zerschossen wird. Ich bitte um Diskurskultur und ein gutes Miteinander.

……….

Seit Monaten habe ich (trotz Reparaturen und Ursachenforschung) wiederkehrende Computerprobleme mit Internet und Emailkonten.

Ich weiß nicht, ob ich Kommentare immer beantworten kann, ich bitte im Voraus um Verzeihung.

…………………………………….

ps

Dieser Beitrag gibt die Meinung der Autorin wieder. Die Autorin dieses Beitrags ist eine Frau, auch wenn in der Zeile darunter das Gegenteil behauptet wird.


06:49 06.08.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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