Unrecht im Namen des Rechts

Un/Gerechtigkeit ..... Wie viel Unrecht wird Tag für Tag im Namen des Gesetzes und der Gerechtigkeit begangen? Ist nicht die Liebe sehr viel edler?
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Recht impliziert Unrecht. Recht steht im Dienst der Macht. Macht negiert die Liebe. Ohne Liebe aber ist alles nichts. – Gedanken aus der Theologie Paulus, der es wie kein anderer wissen musste – der Mann, der sein halbes Leben an verbohrte und kalte Gesetzesgläubigkeit verlor.

Am Abend werden ein paar mehr im Knast hocken, ein paar Outsider/innen aus den Melting Pots mehr, Gefangene in Armut, gesellschaftlich Ausgesperrte werden eingesperrt sein und zu Insassen/innen, und der bzw. die saturierte Richter/in setzt sich in seinen oder ihren Wagen und fährt davon, macht sich aus dem Staub. Hinter dem 18-Liter-Auto kippen in Reihen die Bäume aus den Latschen, Vögel fallen tot vom Himmel und Blut und ErdÖl tropft aus den Wolken und sammelt sich zu Bächen und Strömen und quillt überall aus den Gullys, Staaten liefern sich Schlachten. Der Rückspiegel zeigt nur eine sterile Asphalt- und Betonwüste, ein paar Leuchtreklamen funkeln in der aufziehenden Nacht. Später schiebt er/sie schnaufend den Einkaufswagen durch die Supermarktgänge. Die langen roten SchleifSpuren hinter den vollgeladenen Wägen – keine/r sieht etwas. Durch die Gänge kreischt es. Schreie verstummen. Ein Schatten nähert sich. Der Richter sieht sich kurz um, eine Frau mit Panikattacken wird von Sanitätern abgeführt, sie sah etwas Verdächtiges. Die Richterin schüttelt den Kopf und bepackt mit beiden Händen den Einkaufswagen. Der Richter, er kann alles an der Kasse bezahlen. Der obdachlose Ladendieb mit der Flasche unter dem Mantel fuchtelt wild um sich, während er vom Detektiv fortgerissen wird. Die Lautsprecher spielen Verkaufsschlager. An den bunten Packungen kleben Haare und etwas - wie verbrannte Haut. Der Richter beschwert sich beim Personal. Als er ein paar Gänge weiter nach einem der Sträuße in Zellophan greift flehen verschrundete Frauenhände. Das Reklameschild über den Plastikeimern flackert grell und hell, so hell auf und zahllose Neonröhren strahlen. Nein, da war nichts – außer billig, das perfekte Verbrechen der Rechtschaffenden. Man kauft sich an der Kasse frei vom Blut der Kinder in den Fabrikhallen anderswo – der Kinder, die den super-super-günstig Technikkram zusammenschraubten. Der Wagen biegt um die Ecke. Im Obstabteil schwimmen die Kisten. Soldaten schießen auf die Wasserkrüge von Frauen und lachen laut auf, auf Brettern treiben Verdurstende vorbei. Wellen überströmen Wüstenböden und Palmen schlagen aus. Der Einkaufswagen erweist sich nützlicher Weise als taugliches Boot und an der Fleischtheke zieht es automatisch seine Flossen ein und fährt die Räder aus. Und es ist angenehm kühl. Das Steak in der Tüte wandert über den Tresen. Rind aus Argentinien, garantiert BSE frei. Man arbeitet schließlich mit dem Gehirn, dem Verstand und will ihn auch behalten, den Verstand. Ein paar Straßen weiter nur ein paar Flugstunden entfernt zieht der Gerichtsmediziner ein Tuch von der Bahre, die Augen des Mannes in der gelben Robe füllen sich mit Tränen und er nickt stumm, der Pathologe sieht über die Reihen verhüllter Bahren, minütlich werden neue Wägen hereingeschoben - er flüstert: „Vom Rumpf des Opfers fehlt bisher jede Spur.“ Der Mann in Gelb fährt sanft über den blutleeren Kopf und spricht ein Gebet. „Dieser Clip mit diesem sonderbaren Code im Ohr des Opfers könnte einen Hinweis auf die Täter geben.“, konstatiert der Mann in Weiß. Türen gehen auf und zu, immer schneller immer öfter… …die Bahren stapeln sich… …alles voll, alles eng, immer enger, der Weg zum Ausgang ist versperrt. Die freundliche Verkäuferin reicht dem Kind ein Stückchen Wurst über die Theke und lächelt. Zuvor hatte das Kind einen Kelch umgestoßen, den ein Händler zur Verkostung anbot. Ein Priester mit Weihrauchfass flitzte aufgeregt durch die Gänge. Das ist nur Wein, das ist nur Wein. Das Kind schrie, weil es auf dem Plakat über der Fleischtheke ein Tier zu erkennen glaubte. Völlig absurd, diese Kinder von heute. Das servicefreundliche Personal wirkte beruhigend auf das Kind ein. Das ist nur Fleisch, nur Fleisch. „Guck mal - und was wir hier noch haben, ein kleines buntes Plastikauto. Siehst Du, jetzt lächelst Du wieder“. Freudig rennt das Kind durch die Gänge: „Brum, Brum“ Schwarze Rauchschwaden zogen auf. Am Brotstand duftet es nach frischen Brezeln und Kaffee. Leichtgängig, immer leichter rollt der Wagen. Vom Süßigkeitenstand her tritt Palmöl aus den Plastikverpackungen, läuft über die Regalkanten, über die Ufer, schwappt durch die Flure. Versengte Palmwedel hängen von der Decke. Es rieselt glühende Asche. Mehr, mehr Schokolade, mehr Zucker, mehr Süßes, mehr, die Richterin greift zu und zu, keucht und wischt sich den Schweiß von der Stirn und beschließt den Termin beim Kardiologen um ein paar Tage vorzuziehen. Ha. Abgeholzter Regenwald, atmet was ihr wollt - irgendwann. Und die, die um ihr Zuhause und um ihre Kultur betrogen wurden, sitzen jetzt in den Vorstadtslums der noblen Megacitys und ihre Kinder wühlen im Konsummüll. Der Priester jagt um die Ecke: „Wir schicken Kinderhilfswerke, wir helfen! Wir bauen Schulen. Wir schicken Missionare! Der Wohlstand kommt! Wir helfen!“ Das Kind jagt ihm hinterher und ruft: „Lügner, nur Fleisch, nur Fleisch, nur Wein, nur Wein…“ Der Richter sieht auf die Uhr, die Zeit wird knapp, er muss heim, sich umziehen und dann muss sie zum Abendtermin. Der Bon an der Kasse - meterlang. „Das macht 4 Jahre auf Bewährung.“ als die Kassiererin aufsieht grinst ihn das Mädchen an, das er am Nachmittag verurteilt hat, wegen ein paar Graffitis, Beleidigungen und einer Schlägerei mit einem Türsteher bei einem Club, aus dem sie ihre Freundin holen wollte, ehe die Polizei kam, weil die Freundin dort nicht arbeiten durfte – eigentlich, und woanders auch nicht, nirgends genaugenommen, und überhaupt nicht da sein durfte nach Gesetz, aber hier war und wo sie her kam - auch nicht bleiben konnte.

Dieser Stress, der Abendtermin gestern, womöglich ist er auch erst heute… Auf dem Nachtisch des Hotelzimmer, in dem er aufwachte, liegt ein Zettel mit dem Namen der Stadt, den hat sie gestern noch vorsorglich aufgeschrieben, wegen der Erinnerung, weil an den vom Richteramt freigestellten Tagen für das politische Amt, fliegt sie, rast sie von Termin zu Termin zur Rettung der Welt. Die Gedanken im Kopf flattern und stöben auseinander. Noch während sie zitternd nach ihren Ausweispapieren kramt, schluckt sie ein paar von den karriereförderlichen Pillen. Als er den Namen ließt, erinnert sie sich, wer er war: Sascha Verbraucher/in. Die Wahlveranstaltung nach dem Frühstück, vielleicht war es das Abendessen, man vergisst die Zeit über die Flugstunden, das kann schon passieren, der Assistent brachte ihn hin, wohin er musste, und danach zum Arzt wegen der KarrierePillen, es werden immer mehr - Pillen, auch die Unterschriften unter den Gesetzestexten immer mehr, zahllose juristische Personen, ähm Stimmen im Kopf, ähm Gesetzestexte – ein Wirrwarrr für die Freiheit, das alles festlegt – für die Freiheit der Märkte. Die Rede war ergreifend: Er sprach die Wähler/innen aller Lager an, und er ist ein rhetorischer Virtuose auf ihrem Gebiet, die gesamte Palette von links bis konservativ in einem Aufwasch: Kapitalismus und wir führen Krieg in Afghanistan, Kommunismus und wir waren auch schon da – mit Krieg in Afghanistan, Kapitalismus – wir werden uns durchsetzen mit Krieg, Kommunismus - wir werden uns durchsetzen mit Krieg, in Stellvertreterkriegen, verstehen sie, sie können sich sicher sein, wählen sie Krieg, Freiheit und Märkte, Freiheit und NSA für die Freiheit, Freiheit und Stasi für die Freiheit, Freiheit und InternetHackerangriffe für die Freiheit, Freiheit und Soldaten/innen für die Freiheit, Freiheit und Märtyrer/innen für die Freiheit, Freiheit und Internet, Freiheit und Vorbilder, Freiheit und Helden/innen, Freiheit braucht einen Zusatz, nur eines ganz bestimmt nicht: die Freiheit der Menschen. Melden sie sich an – wir geben ihnen eine Ideologie – irgendeine, Hauptsache sie wählen eine, ganz gleich welche, ein Programm, ein System, in das sie sich einloggen können, sie sind gefragt und wir sprechen für sie, falls sie sich melden würden und irgendeiner Partei unterstellen, gleich welcher sie sich verschreiben möchten und für den Krieg für mehr Demokratie, das lehren wir der Welt mit Bomben, überall und mit einem Wort: Das parteiübergreifende Programm – sie können wählen, wen sie wollen, sie können sich sicher sein: die Kriege werden nicht aufhören. Wir stehen für Sicherheit. Wählen sie uns, wen immer sie wollen – wir versprechen Ihnen – es wird ganz garantiert Krieg geben. Wir, der Westen – wir überzogen die Welt mit Kolonialismus, Imperialismus, zwei blutigen Weltkriegen und weiteren Kriegen und jetzt bringen wir die Freiheit der Märkte für alle, wir wissen – wie das geht: Krieg.

Ein kleines Kind reißt sich von seiner beigeistert Beifall jubelnden Mutter los. Mit ausgebreiteten Armen läuft es Richtung Rednerpult. „Großer Bruder, ich will aber Frieden. Alle Menschen können doch einfach mit den Kriegen aufhören, einander verzeihen und wieder gut miteinander sein.“ Die Leute im Saal, welche eben noch rauschend Applaus klatschten, brachen parteiübergreifend von schwarz - über rot und grün in schallendes Gelächter aus. Die Saaltür ging auf und eine sanfte Brise ging durch den Raum, Blumen wehten herein und Vögel zwitscherten, Kinder aus aller Welt liefen herbei. Die Mutter zwängte sich an den grölend lachenden Menschenmassen vorbei und lief zu ihrem Kind. Sie zerrte das Kind vom Gang und wies es zurecht: „Räum sofort Deine Spielsachen weg, und hör mit dem Unsinn auf. Hörst Du!? Du sollst still sein, das ist hier nicht Dein Kinderzimmer!“ Das Kind hielt Tränen überströmt seinen kleinen Bären und eine Puppe hoch und zwei Gänseblümchen, die es vom Rasenstreifen am Eingang zu Beginn der Veranstaltung gepflückt hatte. „Das sind keine Spielsachen, das sind die Kinder der Welt, das sind die Blumen der Welt und alle Vögel der Welt. Sieh wie sie fliegen!“ Der Teddy flog im großen Bogen zum Rednerpult Saschas, der lauthals die Mutter anwies, das Kind aus dem Saal zu entfernen. Schüsse fallen, die kleine Hand öffnet sich, die Puppe entgleitet, die Gänseblümchen fallen zur Erde. Die Mutter umfängt das blutüberströmte Kind. Als die Bodyguards den Saal evakuiert hatten und den TeddyBären und die Puppe unter strengen Sicherheitsvorkehrungen geöffnet wurden, rieselte Sägemehl, nichts als Sägemehl aus ihrem Inneren.

11:57 31.07.2013
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