#allesdichtmachen

53 Schauspieler mit ironischen Videos zu Corona-Politik und -berichterstattung
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Als Kaiser Heinrich IV sich im Investiturstreit gegen den Papst auflehnte, wurde er exkommuniziert. Er hatte ein Jahr Zeit, um den Bann zu brechen, sonst hätte er Ansehen und Macht verloren. Also pilgerte er zum Papst nach Canossa, stand dort barfuß im Schnee und leistete Abbitte. Wenn Jan Josef Liefers von seinem „Dienstherren“, dem WDR, zur Klärung des Sachverhaltes heran zitiert wird und in mehreren Videoschalten der Verunglimpfung der Presse und Sender beschuldigt wird, sieht das auch wie ein Gang nach Canossa aus. Er bleibt standhaft, aber er muß schon ein wenig Reue zeigen, Rundfunkrat Garrelt Duin hat auf Twitter sogar mit Rausschmiß der Schauspieler gedroht.

Offensichtlich haben die Schauspieler in ein Wespennest gestochen, denn die Reaktionen sind überaus heftig. „Jan Josef Liefers und Tukur u.a.“, schrieb WDR-Rundfunkrat Garrelt Duin auf Twitter, „verdienen sehr viel Geld bei der ARD, sind deren Aushängeschilder. Auch in der Pandemie durften sie ihrer Arbeit z.B. für den Tatort unter bestem Schutz nachgehen. Durch ihre undifferenzierte Kritik an ,den Medien‘ und demokratisch legitimierten Entscheidungen von Parlament und Regierung, leisten sie denen Vorschub, die gerade auch den öffentlich-rechtlichen Sendern gerne den Garaus machen wollen.“ Und weil das so sei, sagt Duin weiter, müssten „die zuständigen Gremien“ die Zusammenarbeit – „auch aus Solidarität mit denen, die wirklich unter Corona und den Folgen leiden – schnellstens beenden. Viele Grüße, ein Rundfunkrat“.

Die Schauspieler haben heftige Reaktionen mit ihren Youtube-videos ausgelöst. Aber warum sollte ein Schauspieler kein ironisches Satire-video machen dürfen, das ist künstlerische Freiheit. Es ist eigentlich sogar die Pflicht eines Künstlers, der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten, er muß ein Störkörper sein. Der Rest ist seichte Unterhaltung und nennt sich „Bauer sucht Frau“. Der Rundfunkrat zeigt doch genau jene totalitäre Haltung, die in einigen clips angeprangert wird. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat ja gerade die Aufgabe Meinungsvielfalt abzubilden. Deshalb ist der Einzige, der wohl entlassen werden sollte, der Rundfunkrat Garrelt Duin.

.. es gehört Mut dazu, sich damit vorzuwagen und es ist richtig, daß im letzten Jahr die Medien wie gleichgeschaltet wirkten, wenn auch beim dritten Sender hintereinander wieder Infektionszahlen präsentiert wurden. Im übrigen hat der Regisseur einiger clips, Dietrich Brüggemann, darauf hingewiesen, daß die clips ähnlich den „wir bleiben zuHause“-Videos der Bundesregierung aufgebaut sind. Er meint, das die Filmchen der Bundesregierung eben jene extremen Kollateralschäden der Maßnahmen außer acht lassen, denn sie zeigen Leute die priviligiert, gemütlich zuHause sitzen, Chips knabbern und sagen: „wir bleiben zuHause“. Das ZDF schreibt „die Aktion spaltet“, daß ist aber Unsinn, denn die Spaltung besteht ja schon längst, wie man unschwer an den extremen Kommentaren sehen kann.

Marietta Slomka im „heute-journal“ höhnt, dass all die Corona-Diskussionen „an 53 mehr oder weniger bekannten deutschen Schauspielern und Schauspielerinnen irgendwie vorbeigegangen“ seien. WDR-Moderator Martin von Mauschwitz eröffnet das Gespräch mit Liefers: „Wir haben uns heute über Sie geärgert. Seit 14 Monaten arbeitet hier ein Riesenteam..., um über die Pandemie möglichst gut zu informieren. Heute kommen Sie, so was wie ein WDR-Kollege, und sagen: Alles gleichgeschaltet und alarmistisch …“ Er sei enttäuscht von Liefers. Wenn man sich die Interviews anschaut, kann man eigentlich nur Partei für Liefers ergreifen. Die Moderatoren fragen nicht einmal, was mit der Aktion bezweckt worden sei, keine Einleitung in Form einer Vorstellung, nein sofort kommt das vernichtende Urteil. Dabei sieht Liefers ohnehin schon wie geprügelt aus, nur daß die Moderatoren mit ihrem Verhalten seine These von den gleichgeschalteten Medien gerade bestätigen.

Häufig gibt es noch den Vorwurf: „die Rechten würden applaudieren“; nur wird ein Argument ja nicht falsch allein dadurch, daß Beifall von der „falschen Seite“ kommt.

Jan Böhmermanns Antwort mit Hinweis auf die Intensivstation ist besonders dämlich, denn dann wäre eine Kritik an der Gesundheitspolitik und der Verbesserung der Situation der Pflegekräfte angebracht, oder arbeiten Jan Josef Liefers und Ulrich Tukur neuerdings auf der Station? Im übrigen hat doch gerade Böhmermann mit seinem „Schmähgedicht“ die Meinungsfreiheit eingefordert, da ist die Aktion der Schauspieler ja geradezu gemäßigt im Vergleich. Es sieht so aus, als wenn in Böhmermanns Vorstellungswelt nur er selbst diese Freiheit in Anspruch nehmen darf, so etwas nennt man borniert.

Liefers sagt: "...Medien... die Angst ganz oben zu halten..." - dafür 2 Beispiele: 1. die "Infektionszahlen" zeigen überall sämtliche jemals Testpositive seit 2019, die Zahl der derzeit Infizierten, um die es eigentlich geht, ist weitaus geringer, bei welchem Sender wird die doch gleich gezeigt? 2. Wenn ich in einer Kleinstadt mit 5000 Einwohnern, 10 Testpositive in der Woche habe, klingt das nach sehr wenig, fast alle gesund, oder? Tja, das ist aber eine Inzidenz von 200, da sind alle Läden, Theater und auch die Schule zu. Und 200 klingt ja auch ziemlich bedrohlich.

Meret Becker bekam Morddrohungen nach ihrem Beitrag; das ist keine Spaltung der Gesellschaft und da steht nicht die Angst dahinter? Einige haben ihre Videos wieder zurückgezogen. Regisseur Brüggemann meint, diese Aggression kann auch nicht jeder aushalten oder sie wollten ihre Familien schützen. Jan Josef Liefers hat sogar eine Schicht im medizinischen Bereich zugesagt, obwohl es nicht nur die entrüstete Doc Caro gab, vielleicht doch noch Canossa. Man findet aber auch eine #Ärzte machen mit-Unterstützungsaktion.

Armin Laschet zeigt Verständnis für die Aktion, Günter Jauch, auch Jens Spahn und bietet ein Gespräch an.

Die Schauspieler haben mit ihrer Aktion einen Debattenraum aufgestoßen, es wäre also nicht lynchen, sondern eine offene Diskussion gefragt.

Danke

02:30 30.04.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Daniel Jens

Daniel Jens studierte ursprünglich Kunst. Reisen und Tourneen bis nach Südamerika, Iran und Indonesien schärften den Blick auf die Welt.
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