Diese Körper zählen nicht

Mittelmeer An Gewalt gewöhnt man sich. Der Tod, der alte Meister, wird zum Vertrauten, solange er dort wütet, wo man nicht ist. Zum Beispiel auf der anderen Seite der Grenze

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Diese Körper zählen nicht

Bild: Marco Di Lauro/Getty Images

Herrscht eine neue Gleichgültigkeit gegenüber Flüchtlingstoten im Mittelmeer? Seit gestern sind es wieder 400 mehr. Während die Europäische Union 2013 die Toten noch betrauerte, sieht man sich jetzt ausserstande, irgendetwas zu tun, ausser vielleicht die Grenzpatrouille Frontex aufzurüsten. An der Politik ist also nichts neu. Das Menschenmaterial, was da anflutet, ist nicht verwertbar, also kann es ertrinken.

Der Mord im Mittelmeer wird immer noch als schicksalshafte Tragödie hingestellt, nur hat man sich an ihre Wiederkehr gewöhnt. Die Gleichgültigkeit, mit der die EU ihre Grenztoten mittlerweile quittiert, ist politisch machbar geworden. Denn selbst wenn die EU eine Demokratie wäre, ihre Politik den Meinungststand der europäischen Staatsmenschen reflektieren würde, dann wäre diese Politik nicht anders, denn Europa ist rassistisch. Deutschland, Europas Hegemon, ist rassistisch. Man weint nicht über Flüchtlingstote – oder, was die richtige Reaktion wäre, empfindet Wut – man weint über das, was tatsächlich im eigentlichsten Wortsinne tragisch ist.

Wenn ein Pilot seine Maschine gegen einen Berg steuert, und alle Insassen sterben, ist das tragisch. Dann aber schlägt Staatstunde. Dann stapfen Merkel und Gauck durch die Alpen, suchen den europäischen Schulterschluss, schauen ernst in die Kamera und machen Deutsche. Menschen auf Fernsehsesseln weinen, weil sie Deutsche sind, weil die Toten am Berg Deutsche sind. Die Anderen können ersaufen. Trauer, Wut, das braucht man nicht empfinden, denn es herrschen hier zwei gewaltige Unterschiede.

Erstens sind das keine Deutschen, dort unten, oder vielleicht noch andere Nordeuropäer, sondern es sind Schwarze, sie kommen aus diesen Höllen, diesen überquellenden Gebieten, dem Grenzland. Zweitens handelt es sich bei diesen Toten nicht um eine Tragödie, der man sich hingeben kann. Es sind Opfer politischer Gewalt, einer Gewalt, von der man selbst beherrscht wird. Aber solange wir auf der richtigen Seite des Zaunes stehen, fragen wir nicht, wer diesen Zaun baut, und warum.

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