1989: Glasnost in Weiß

Zeitgeschichte Wie überall in der DDR fegt auch in der Psychiatrie ein Sturm der Erneuerung durch alte Strukturen. Zentrum des Aufbruchs ist einmal mehr Leipzig

Es war am 3. November 1989, als sich in Leipzig innerhalb des Neuen Forums die Basisgruppe Psychiatrie-Betroffene gründete. Man ging mit dem Flugblatt Glasnost auch in der Psychiatrie! an die Öffentlichkeit und hatte mit dem Physiker Peter Melcher eine Kontaktperson für Bedürftige und Interessierte nominiert. „Wir glaubten, etwas tun zu müssen und etwas erreichen zu können. Einige waren leicht euphorisch. Es wurde sich zusammengesetzt, es kamen Forderungen auf den Tisch. Diese vervielfältigte einer und klebte sie in der Stadt an Säulen. Es war ja völlig neu, das öffentlich zu machen“, erinnert sich die damalige Aktivistin Margit Rauch. Besagtes Flugblatt richtete sich an „ehemalige und derzeitige Psycho-Behandelte, an Angehörige von Behandelten, noch zu Behandelnde und Behandlungsverweigerer“. Die Autoren beklagten verletzte Menschenrechte bei Patienten und verlangten ein sofortiges Verbot der Behandlung mit Elektroschocks, dazu eine Rechtsvertretung bei Zwangsbehandlungen sowie das Recht auf eine von Psychopharmaka freie Therapie.

Dass sich in Psychiatrie erfahrene Bürger 1989 gerade in Leipzig zusammenfanden, war kein Zufall. Die Stadt galt in der DDR als ein Leuchtturm der Reformpsychiatrie, weil hier mit den „Rodewischer Thesen“ Ernst gemacht wurde. Diese zielten auf eine Öffnung der Anstalten und den Aufbau gemeindepsychiatrischer Strukturen. Das bereits 1963 – zehn Jahre vor der westdeutschen Psychiatrie-Enquete – verabschiedete Reformpapier gilt als erstes deutschsprachiges sozialpsychiatrisches Dokument. Obwohl vom Gesundheitsministerium in Ostberlin gebilligt, wurden die „Rodewischer Thesen“ allerdings vielerorts von einer mehrheitlich konservativen Psychiatrie ignoriert.

Ab Mitte der 1980er Jahre entwickelten sich auf dem Nährboden der liberalen Leipziger Universitätspsychiatrie informelle Initiativen wie die „Schizeria“, eine privat organisierte Selbsthilfegruppe. Man traf sich im legendären Café Corsoin der Innenstadt, wo der „Schizofürst“, ein ehemaliger Staatsbürgerkundelehrer, residierte und Menschen in psychischen Krisen zum Umgang mit Medikamenten beriet. Auch gab es Kontakte nach „drüben“. Betroffene, die wegen ihrer Erkrankung bereits im Ruhestand waren und daher in den Westen reisen durften, besuchten die „Irren-Offensive“ in Westberlin. Über einen Zirkel, den die Künstlerin Rosi Haase unter den argwöhnischen Blicken des Personals auf einer geschlossenen Station des psychiatrischen Bezirkskrankenhauses Leipzig-Dösen organisierte, bestanden Beziehungen zur Leipziger Künstlerszene.

Im Leipziger Archiv Bürgerbewegung, das über eine umfangreiche Sammlung von Dokumenten zum Neuen Forum verfügt, findet sich heute neben anderem die Einladung zu einer Vollversammlung der Basisgruppe Psychiatrie-Betroffene. Am 30. November 1989 wurde im Gemeindesaal der Thomaskirche ein Programm verabschiedet. Neben psychiatriepolitischen Forderungen plante man eine Publikation von Erfahrungsberichten, die auf Patienten wie medizinisches Personal zurückgingen, weiterhin die Gründung einer Schizo-Galerie, einer Bibliothek und einer Kabarettgruppe.

Doch nicht nur Patienten nutzten die neuen Freiräume, um Veränderungen in der Psychiatrie herbeizuführen. Im Dezember 1989 drängten junge Mitarbeiter des Bezirkskrankenhauses Leipzig-Dösen in einem Offenen Brief darauf, dass ihren Patienten grundlegende Menschenrechte nicht verwehrt sein dürften. Sie schrieben: „Wir fordern die konsequente Erneuerung unserer Gesellschaft, die ihre Humanität daran messen kann, wie sie ihre Schwächsten behandelt.“

Die Basisgruppe Psychiatrie-Betroffene organisierte in den folgenden Monaten turbulente Hearings in einem Hörsaal der Leipziger Universität. Patienten erzählten von ihren Erfahrungen in der Psychiatrie, beschwerten sich über Behandlungsmethoden und soziale Ausgrenzung. Auch Medien griffen das auf, und es schien so, als gäbe es nun einen Zugang zur Tabuzone Psychiatrie und eine Chance zur Debatte über notwendige Reformen. Im Februar 1990 übergaben Vertreter der Basisgruppe der Staatsanwaltschaft Leipzig Dokumente zu Misshandlungen an Patienten der Nervenklinik Waldheim. In einer Artikelserie im Magazin Stern, publiziert im April und Mai 1990 unter der Titelzeile Wo die Stasi foltern ließ. Was hinter den Mauern der Nervenklinik Waldheim geschah, traten allerdings die teils überzogenen Vorwürfe eines politischen Missbrauchs allzu sehr in den Vordergrund. Freilich bestimmten sie für Jahre den Blick auf die Psychiatrie in der DDR.

Noch von der DDR-Volkskammer, später dann in den neuen Bundesländern wurden Untersuchungskommissionen eingesetzt. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass es einen systematischen Missbrauch der Psychiatrie in der DDR gegenüber politischen Gegnern und Andersdenkenden nicht gegeben hatte. Gleichzeitig wurden Einzelfälle politisch intendierter forensisch-psychiatrischer Gutachten dokumentiert.

Die vom Bundesgesundheitsministerium in Auftrag gegebene und von Experten aus Ost und West erarbeitete Bestandsaufnahme Zur Lage der Psychiatrie in der ehemaligen DDR von 1991 beklagte die teilweise menschenunwürdigen Zustände sowie die materiellen und personellen Defizite in den psychiatrischen Kliniken. In der Folge brachte die Anpassung an die westdeutsche Versorgungslandschaft spürbare Verbesserungen, doch wurde damit auch Bewahrenswertes wie das System der Polikliniken und die Praxis einer beruflichen Wiedereingliederung nach der Therapie aufgegeben. Die Chance, sich mit den strukturellen Defiziten des psychiatrischen Systems in beiden deutschen Staaten zu befassen und grundlegendere Reformen zu wagen, wurde verpasst. Einige der in der Wendezeit entstandenen Initiativen engagierten sich weiterhin für alternative Ideen und ließen sich durch fortschrittliche europäische Reformprojekte inspirieren.

Nach Auflösung der Basisgruppe gründete sich am 30. Mai 1990 der Verein Durchblick e. V. Bis heute betreibt die Betroffenen-Initiative eine Kontakt- und Beratungsstelle – ein vitaler und widerständiger Ort kultureller Vielfalt. Bei Lesungen, Filmabenden und Begegnungen kommen Menschen zu Wort, die sich als Psychiatriepatienten, Psychose-Erfahrene oder als Unangepasste und Lebenskünstler verstehen. Als Träger des Sächsischen Psychiatriemuseums ist der Verein in der Leipziger Kulturlandschaft verankert. Dessen Dauerausstellung zeigt Psychiatrie nicht nur als medizinische Disziplin, sondern auch als Teil der Kultur- und Sozialgeschichte: Das Konzept des Museums bemüht sich um einen differenzierten Blick auf die DDR-Psychiatrie. Ein Abschnitt der Ausstellung ist der Zeit des Aufbruchs 1989/90 gewidmet, als Psychiatrie-Betroffene als Teil der Bürgerbewegung in Leipzig mutig, streitbar und kreativ ihre Anliegen öffentlich machten. Die kurzen bewegten Wendejahre haben erkennen lassen, wie sehr ihre gemeinhin marginalisierte Lage durch gesellschaftliche, politische und kulturelle Faktoren bedingt war.

Mit der Gründung des Museums im Jahr 2000 wurde ein Bewusstsein für den Umgang mit psychischen Leiden und mit dem Anderssein, für die Kritik an Ausgrenzung und das Recht auf eine achtsame Behandlung geschaffen. Die 1989 auf dem Flugblatt Glasnost auch in der Psychiatrie! erhobenen Forderungen wie Verhinderung von Zwang und Gewalt in der Psychiatrie, nach einem kritischen Umgang mit Medikamenten und einem Aufbruch aus der Isolation haben nichts von ihrer Aktualität eingebüßt.

Kirsten Düsberg ist Soziologin. Sie lebt in Udine und forscht zur italienischen und deutschen Psychiatriegeschichte

Thomas Müller ist Germanist und leitet das Sächsische Psychiatriemuseum in Leipzig

06:00 27.11.2019

Ausgabe 14/2020

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