Fahrradteile: Von Hydraulisch bis Marx

A–Z E-Bikes bremsen anders, die Fahrradkette dient nur noch der Kunst und Satteltaschen den Aggrofahrern: Unser Lexikon

A

Altmodisch Es wurde mal wieder geklaut. Dabei hatte mein Fahrrad diesmal ein teures Schloss ( Bolzenschneider). Im Hof stand noch das Rad meines Mannes, das er für „nur“ 80 Euro erstanden hatte. Ich fuhr los, Kind auf dem Gepäckträger. Die Ampel sprang auf Rot, Vollbremsung. ABER WAS WAR MIT DEM RÜCKTRITT? „Es hat keinen“, sagte mein Mann später cool. „Wer braucht Rücktritt?“ Ich war noch nie ohne gefahren.Auf der Suche nach einem neuen Rad verzweifelte ich beinahe: Nirgends gab es Räder mit Hinterbremse. „Ist total veraltet, fährt keiner mehr“, erklärte mir ein Verkäufer und lächelte. War es Mitleid? In Zeiten von E-Bikes würden außerdem kaum noch Modelle gebaut, die Mittelmotor mit Rücktrittbremse kombinieren. „Hydraulische Bremssysteme“ hätten sich durchgesetzt.Er überredete mich schließlich zum Modell „Sparta“. Antiker Name, dafür zwei postmoderne Bremsen. Maxi Leinkauf

B

Bolzenschneider Jede*r Fahrradfahrer*in in Großstädten dürfte das kennen: werktags, irgendwann morgens, wahrscheinlich schon zu spät zu was auch immer – Fahrrad weg. Deshalb wird auch gerne zum Kauf eines guten Fahrradschlosses geraten. Was ein gutes Schloss ist, das können Ihnen diverse Experten erzählen, meistens läuft es allerdings auf ein Kettenschloss hinaus. Ich rate Ihnen tatsächlich zum Gegenteil. Kaufen Sie das billigste Schloss, das Sie finden können. Und dann gehen Sie in den nächsten Baumarkt und kaufen sich einen hochwertigen Bolzenschneider. Das wahre Tool der Großstadt-Fahrradfahrer*innen. Vertrauen Sie mir, nichts ist schlimmer, als beim „Klau“ des eigenen Fahrrads (dessen Schloss-Zahlenkombi man vergessen hat oder dessen Schlüssel man verloren hat) von der Polizei erwischt zu werden. Wie wollen Sie beweisen, dass es sich tatsächlich um Ihr eigenes Fahrrad handelt? Deswegen: billiges Schloss und Bolzenschneider, immerhin geht es dann schnell. Clara von Rauch

F

Flagge Die Fahrradkette, eine Erfindung des 19. Jahrhunderts, taugt auch noch im digitalen, nachmodernen Zeitalter. Nicht nur ganz praktisch, beim Fahrradfahren, sondern auch in der Kunst.Stef Heidhues etwa baut Flaggen aus Fahrradketten. Die 1975 in Washington D.C. geborene und in Berlin lebende Künstlerin lässt die Fahnen wie ausgefransten Stoff aussehen, oder wie einen Vorhang. Sie seien „ein Symbol für Macht, für Hierarchie und territoriale Ansprüche“, sagt sie. „Um dieses Zeichen geht es, mit seinen unterschiedlichen Auswirkungen und Besetzungen.“ Ihre Flaggen verunsichern, weil sie die Erwartungen brechen. Hier weht nichts leicht flatternd im Wind (➝ Panne) – stattdessen hängen die Ketten schwer und massiv von der Fahnenstange, die an der Wand befestigt ist.

In Kriegszeiten wie diesen, in denen Flaggen wieder omnipräsent sind (blau-gelb), scheinen diese Werke besonders prägnant, denn sie stellen die Symbolik und Macht von Fahnen generell infrage. „Für mich wird es da spannend, wo Reibung und Widerspruch ist, wenn aus dem Objekt ein Subjekt wird“, sagt Stef Heidhues, deren spannungsreich-gegensätzliches Werk man auch in der Monografie Trespassers Only (dt. „Nur für Unbefugte“) von 2013 nachspüren kann. Marc Peschke

K

Klammern Hosenklammern sind nötig, damit ein zu lockeres Beinkleid nicht in die Fahrradkette gerät ( Riemenantrieb). Vor Jahren habe ich das mal vergessen und hatte nach einem Sturz das gesamte Fahrrad am Bein hängen. Das ist lange her und ich vergaß die Hosenklammern für immer, weil ich nie wieder Fahrrad fuhr. Durch Zufall kam ich jetzt erneut auf diese kleinen Utensilien. Und ich sah: Es hat sich eine enorme Entwicklung vollzogen. Eine Menge unterschiedlichster Exemplare macht die Auswahl schwer. Verschiedene Metalle, z. B. Chrom oder Nickel, aber auch echtes Leder als „Hosenschutz statt Klammer“ sind im Angebot. Und es gibt farbig-reflektierende elastische Bänder. Noch mehr PR und die Hosenklammer wird zum Must-have. Es sollte auf die Farbe des Beinkleides abgestimmt werden, sonst ist es nicht wirklich „stylisch“. Magda Geisler

L

Lenkung Das Fahrrad wird mit der Lenkstange und gegebenenfalls noch mit der Rücktrittbremse ( Altmodisch) gelenkt. Es ist insofern exemplarisch, denn natürlich haben alle Maschinen, auch alle Automaten, eine Lenkung. Nun ist aber auch die kapitalistische Marktwirtschaft ein Automat; ihre Schöpfer wollten es so. Marx und später Polanyi haben es hervorgehoben. Diese Maschine indessen hat keine Lenkstange: Das von ihr erzeugte ökonomische „Wachstum“ kann selbst dann nicht ausgebremst werden, wenn alles in Scherben fällt. Michael Jäger

N

Nabendynamo Vor hundert Jahren patentiert, zeigt sich der Nabendynamo bis heute als höchst patent. Der Begriff ist irreführend, denn der Dynamo ist nicht an einer Nabe angebracht, sondern selbst die Nabe. Im Grunde funktioniert er wie ein Wechselstromgenerator: Die Drehbewegung des Rads wandelt die mechanische Leistung in elektrischen Strom um. Ein elektrisches Feld innerhalb der Nabe macht das möglich. Dadurch versorgt er die Beleuchtung ( Panne) bei jedem Wetter mit Strom, während ein Seitenläuferdynamo etwa bei Regen aufgibt. Der Wirkungsgrad schwankt nicht, der Verschleiß ist gering und der Dynamo läuft leise. Leider ist er vergleichsweise teuer und der Einbau recht kompliziert. Vergessen, läuft er erst einmal. Tobias Prüwer

P

Panne Ich erinnere mich zwar gern an jenen Frühling im Jahr 2011, in dem ich mit flatternden Kleidern auf meinem Fahrrad durch Berlin gefahren bin, aber nicht so sehr an diesen einen Abend im Mai, den ich mit Freunden im Park verbracht hatte. Es war schon dunkel. Ich hatte diese brandneuen Anstecklämpchen für Vorder- und Hinterlicht, die man mit einem USB-Kabel wieder aufladen konnte. Man musste sie nur mit einem Klick anmontieren. Genau das hatte ich allerdings an jenem Abend vergessen. Es fiel mir erst während der Fahrt auf. Ich griff in meine Tasche und befestigte nebenbei die Lämpchen an ihrer vorgesehenen Position. In dem Moment wurde die Straße abschüssig und mein Rad kam in Schwung. Ich fuhr rasant auf eine rote Ampel zu und bremste mit der freien Hand, die nicht mit den Lämpchen beschäftigt war. Ein kapitaler Fehler. Mein Rad zog nach links und ich stieg über den Lenker ab.

Als ich wieder zu mir kam, fragte mich ein netter Späti-Verkäufer, ob alles in Ordnung sei, und reichte mir eine Flasche Wasser. Der Schreck saß mir noch in den Gliedern und so merkte ich erst daheim, dass ich mir den Fuß aufgeschlitzt hatte und die rechte Schulter wehtat. Der Abend endete schließlich im Krankenhaus: Ich wurde genäht und ein Oberarmbruch festgestellt. Die Anstecklämpchen habe ich nie mehr benutzt. Elke Allenstein

R

Rechthaber Der Radler an sich ist stets der unerschütterlichen Überzeugung, zu den noblen Wesen auf der Erde zu zählen. Gut fürs Klima, fit – und definitiv nicht so verbohrt und aggressiv wie Autofahrer. Letzteres darf allerdings angezweifelt werden. Vielmehr sind deutsche Verkehrsteilnehmer eben auch auf dem Rad oft rechthaberisch und unangenehm. Da wird schon aus weiter Ferne durchdringend geklingelt, geschnaubt und der Kopf geschüttelt, gedrängelt und haarscharf überholt. Immerhin sind solche Radler recht gut zu erkennen. Erster Hinweis: die Satteltasche. Die Wahrscheinlichkeit, dass man von einem Satteltaschenradler selbstgewiss aus der Bahn geklingelt wird, ist überaus hoch, bei zwei Satteltaschen ist es geradezu unvermeidlich. Und wenn noch ein reflektierendes Clipbändchen am Hosenbein klemmt, können Sie sich auf eine Zurechtweisung an der nächsten Ampel gefasst machen. Wirklich hüten sollten Sie sich vor Warnwesten und Außenspiegeln am Fahrradlenker. Da ist alles möglich. Natürlich handelt es sich nicht um Kausalität – eher eine auffällige Korrelation. Verurteilen Sie Satteltaschenradlerinen und Warnwestenträger also in Zukunft erst nach dem ersten Wortgefecht. Benjamin Knödler

Riemenantrieb Ein Fahrrad ohne Kette? Wie soll das denn funktionieren? Der Riemenantrieb ist eine recht neue Alternative zur Kette und spaltet noch immer die Radler-Gemüter. Wer aber einmal auf ihn gewechselt hat, will nicht zum scheifend-klackernden Metallband ( Flagge) zurück. Der Zahnriemen aus Carbonfasern läuft über zwei Riemenscheiben, auf die er stramm gespannt ist. Weil der Verschleiß gering ist, fällt die Lebensdauer viel höher aus. Während eine Kette sich ausleiert und neu gespannt werden muss, bleibt der Riemen unverändert am Platz. Eine Kette hält etwa 10.000 Kilometer, der Riemen drei Mal so lang. Er ist zudem absolut geräuschlos und muss nicht geölt und gefettet werden. Das schont auch die Hosenbeine (➝ Klamern); die Gefahr, in ein Ritzel eingeklemmt und zerfetzt zu werden, besteht nicht. Mit etwas Wasser ist er leicht zu reinigen. Leider können Riemen nicht in Kombination mit einer Kettenschaltung montiert werden. Und auch selbst Hand anlegen ist beim geschlossenen Riemen als System kompliziert. Dafür ist das Fahrrad dank Riemen etwas leichter. Und die Geräuschlosigkeit stellt einen großen Gewinn dar: Man kann ungestört dem Vogelkonzert unterwegs lauschen. Tobias Prüwer

S

Scharnier Wer mich wirklich kennt, der kennt WolfgangOne. Mein Fahrrad, aber nicht irgendeins. Es muss zu mir passen. Und wer zu mir passen will, der muss flexibel sein. WolfgangOne, mangofarben, ist flexibel. So flexibel, dass er in meinen Kofferraum passt; einen Coupékofferraum. Jaja, Sie haben richtig gelesen, Zeit für moralische Aufregung. Doch wenn ich das Coupé parke und WolfgangOne aufklappe, um im maßgeschneiderten Dreiteiler zum Kunden in den fünfzigsten Stock zu düsen, glätten sich die Wogen der Entrüstung. Und alles nur möglich gemacht durch ein Scharnier. Nun kennen Sie die Wahrheit. Jan C. Behmann

Z

Zwei Räder Der befrackte und üppig pomadisierte Max Raabe, bekannt durch seine Liebe zum Schlager der 1920er und 1930er Jahre, ist auch ein großer Fahrradliebhaber. Mit seinem Palastorchester, blasiertem Mienenspiel und mörderisch rollendem „R“ frönt er dem Evergreen –auf seinem klassischen Herrenrad aus den 60ern (ohne Gangschaltung) kurvt er durch Berlin-Mitte. Und so hat der ausgebildete Bariton-Opernsänger auch ein schönes Lied darüber geschrieben, wie zeitlos herrlich es ist, sich mit dem Rad durch die Stadt zu bewegen. Dafür braucht man gar nicht viel, singt er in Fahrrad fahr’n, erschienen auf seinem 2017er-Album Der perfekte Moment ... wird heut verpennt: „Manchmal ist das Leben ganz schön leicht. Zwei Räder und ein Lenker (Lenkung), das reicht. Wenn ich mit meinem Fahrrad fahr, dann ist die Welt ganz einfach. Die Autos steh’n im Stau, ich fahr vorbei … Wenn ich mit meinem Fahrrad fahr, mitten durch die Stadt ... Max Raabe wurde dann zur „Fahrradfreundlichsten Persönlichkeit 2019“ gewählt. Marc Peschke

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