Adornisierungsfalle

Essays Die neueste Diagnose des Bestsellerautors Karl Paul Liessmann zeigt das Elend der gehobenen Bildungskritik
Adornisierungsfalle
„Die geschälte Banale“ heißt die Reihe der Illustratorin Jill Senft. Mehr über die Künstlerin in der Infobox

Konrad Paul Liessmann hat ein neues Buch veröffentlicht. Nach Theorie der Unbildung und Praxis der Unbildung, zwei vielgekauften Streitschriften gegen die Bildungspolitik der letzten Jahrzehnte, folgt nun Bildung als Provokation, so viel vorab: Es ist eine Mogelpackung. Der Titel suggeriert, dass uns zum wiederholten Mal erzählt wird, wie Bologna unsere Universitäten ruiniert habe, in unseren Schulen die Kompetenzen an Stelle des Denkens getreten seien, lebenslanges Lernen niemanden bilde, sondern nur auf einen flexibilisierten Arbeitsmarkt vorbereite. Wer davon nicht genug bekommen kann, sollte lieber zu den Büchern von Josef Kraus, Hans Peter Klein oder Christoph Türcke greifen.

Nur sechs kurze Texte beschäftigen sich mit Bildungsfragen, die restlichen Beiträge sind Fingerübungen zu so diversen Themen wie dem Wert des Abfalls, der „Kulturgeschichte der Hand“ oder Selfies und Narzissmus. Dazu gibt es reichlich Kritik an Kapitalismus, Kulturindustrie, Medien und an der Digitalisierung.

Bereits in Theorie der Unbildung ging es um eine Fortführung des kritischen Programms von Günther Anders und Theodor W. Adorno. Unverkennbar ist auch dieser neue Sammelband stilistisch wie thematisch ein Adorno-Pastiche, nur leider nicht so originell wie das Original. Die kurzen Essays, Reden und Zeitungsbeiträge sind Übungen im Adornisieren, wenig mehr. Sie entsprechen weder dem Stand der Forschung, noch enthalten sie Geistreiches zu jenen Sachen, denen der Geist angeblich ausgetrieben worden ist.

Es gibt allerdings eine bemerkenswerte Ausnahme, in der auch der Witz von Liessmann aufblitzt: das Kapitel zur Bildung als säkularisierter Religion. Wer heute von Bildung spricht, so Liessmann, glaube offensichtlich an Wunder. Der Bildung werde schlicht die Lösung aller Probleme und Widersprüche der Moderne zugetraut, sie sei der Religionsersatz einer säkularisierten Gesellschaft. Die neue Kompetenzorientierung an den Schulen verwandle zwar nicht Wasser zu Wein, führe aber auf dem Papier zu einer wundersamen Vervielfältigung der Fähigkeiten junger Menschen, die Individualisierung des Unterrichts mache aus Smartphone-Süchtigen neugierige Jungforscher und die Bologna-Reform aus Studienabbrechern Bachelors. Bildungsreformen können Berge versetzen, solange man die Glaubenssätze der Bildungsreligion fest im Herzen gegen jeden Zweifel verschließt.Von solchen witzigen Analysen hätte man gerne mehr gelesen, denn sie stellen einen interessanten Zusammenhang zwischen scheinbar getrennten Gegenständen her. Diese Begabung für kluge Einfälle wird leider allzu oft den Gemeinplätzen der Kulturkritik geopfert. Wie vielen anderen ehemaligen Lehrern und Hochschullehrern, die sich im Bestsellermarkt der Streitschriften gegen die Bildungsreformen tummeln, fällt auch Liessmann außer lehrbuchartigen Darstellungen von Humboldts Bildungsbegriff wenig ein. Er bleibt in der Polemik stecken.

Die Aufgabe einer aufgeklärten Bildungspolitik und auch Bildungskritik ist nicht die Konfrontation, sondern die Verschränkung der zeitgenössischen Wissensgesellschaft mit der Kultur des gelehrten und literarischen Wissens im 18. und 19. Jahrhundert. Bildung als Provokation hat außer ein paar Gedanken zur Bildungsmisere, die im Wesentlichen Wiederholungen der bereits veröffentlichten Polemiken sind, wenig zu bieten. Interessierte Leserinnen und Leser sind mit den beiden älteren Büchern zur Unbildung deutlich besser bedient. Man bekommt sie antiquarisch bereits für 1,61 Euro.

Info

Bildung als Provokation Konrad Paul Liessmann Zsolnay 2017, 240 S., 22 €

Die Bilder des Spezials

Die geschälte Banale, das sind absurde Kurzgeschichten der Berliner Illustratorin Jill Senft. „Warum einfach nur die Wirklichkeit wiedergeben?“, fragt Senft. „Illustration erlaubt es mir, mir alles vorzustellen.“ Die geschälte Banale ist eine Kombination aus dem, was sie sieht und erlebt. Bei Senft verrutschen die Größenverhältnisse, winzig klein, riesig groß, korrekte Perspektiven werden gebrochen. Senft arbeitet zuerst im Skizzenbuch mit Acrylfarben. Das lässt ihr die Freiheit, unverfänglich auszuprobieren, und fühlt sich weniger endgültig an. Danach werden die Entwürfe auf Papier oder Pappe überarbeitet.

Entstanden ist die Reihe Die geschälte Banale als Abschlussarbeit an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, Acryl auf Pappe und Papier, 2017

Harun Maye arbeitet am Internationalen Kolleg für Kulturtechnikforschung und Medienphilosophie (IKKM) der Bauhaus-Universität Weimar

06:00 15.10.2017

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