Allein unter Mutlosen

Porträt Bernhard von Grünberg ist ein SPD-Basisheld, die Stimme der Armen in Bonn – und der ganzen Welt. Fast wie ein Sozialist aus alter Zeit
Allein unter Mutlosen
Bernhard von Grünberg ist aus einem stabilen Holz geschnitzt

Foto: Max Slobodda für der Freitag

Die Bank, auf der Bernhard von Grünberg sitzt, steht vor einem Grab. Es ist ein sonniger Tag. Auf dem Alten Friedhof, mitten im Zentrum von Bonn, hört man nur die Vögel zwitschern. Grünberg redet über seinen verstorbenen Freund, der an dieser Stelle begraben liegt. „Er war ein wunderbarer Politiker“, sagt er. Und meint Norbert Blüm, das soziale Gewissen der CDU, der im April dieses Jahres gestorben ist.

Blüm war einer, der sich für die Menschen einsetzte, pragmatisch war, ungefiltert, dem die Leute abnahmen, dass er es ehrlich meinte. Manchmal kommt Grünberg ihn hier besuchen. Er ist selbst so einer.

Einmal in der Woche empfängt er zur Sprechstunde im Rathaus. Meistens kommen so 25 Leute dorthin, um sich bei ihm über Miet-, Sozial- und Ausländerrecht zu informieren und beraten zu lassen. Doch heute wird er woanders gebraucht. Karstadt Kaufhof will ein Drittel seiner Filialen in Deutschland dichtmachen. Bonn ist darunter. Grünberg eilt durch das Friedhofstor in Richtung des hiesigen Karstadt-Hauses. Davor stehen schon ein Gewerkschafter sowie der Chef der nordrhein-westfälischen SPD, Sebastian Hartmann, der den Termin kurzfristig anberaumt hat. Der 42-Jährige, adrett gekleidet, will den geschockten Mitarbeitern beistehen. „Weil Service und menschlicher Kontakt niemals out sein werden“, sagte er.

Den „Felix“ kennt man hier. So lautet seit Uni-Tagen in Genf, wo er in den 60ern Jura studiert hat, Grünbergs Spitzname. „Felix“ ist Lateinisch und heißt „glücklich“. Auf einer Party sei ihm das mal angedichtet worden. „Weil ich so gestrahlt habe“, sagt er.

Erst mal zu Karstadt

Grünberg ist an diesem Tag jedoch alles andere als happy mit der bevorstehenden Schließung. Zusammen mit Hartmann und dem Gewerkschafter bahnt er sich einen Weg durch das Kaufhaus. Rein in den Aufzug. Oben warten die Angestellten in einem Konferenzraum. Auf dem Gang kommt das Gespräch auf Horst Seehofer. Grünberg verachtet ihn. Er, der stellvertretende Vorsitzende der UNO-Flüchtlingshilfe, wirft dem Innenminister vor, mit seinem „Geordnete-Rückkehr-Gesetz“ einer unabhängigen Beratung von Geflüchteten den Garaus gemacht zu haben. „Das ist ein Drecksack!“

Hat er das jetzt wirklich gesagt? Einem Berufspolitiker würde so ein Satz heute um die Ohren fliegen. So wie Andrea Nahles im September 2017, als die frisch gewählte SPD-Fraktionschefin den CDU-Kollegen „in die Fresse“ geben wollte. Als der Bundestagsabgeordnete Hartmann sieht, dass ich alles mitschreibe, ruft er schnell über den Gang: „Das Zitat kommt aber nicht von mir!“ Vielleicht ist es das, was Grünberg von der heutigen Politiker-Generation unterscheidet: Es juckt ihn alles nicht so sehr. Dabei saß er selbst bis 2017 für die SPD im Landtag von Nordrhein-Westfalen.

Mit seinem herzförmigen Gesicht und dem Henriquatre-Bart sieht er aus wie ein Sozialist längst vergangener Tage. Er redet leise, mit Kopfstimme, manchmal nuschelt er ein wenig. Grünberg wurde am 5. Juli 1945 in Halle an der Saale geboren. Zu jener Zeit übernahmen die Sowjets dort die Kontrolle von den Amerikanern. Und sein Vater, ein Nazi, war in russischer Kriegsgefangenschaft. Die Mutter floh mit ihren fünf Kindern, darunter der kleine Bernhard, in ein Flüchtlingslager bei Hannover. Von dort aus weiter ins Weserbergland, wo sie bei einem Bauern unterkamen. „Der hat uns fünf Jahre durchgefüttert“, erzählt Grünberg.

Kein „Marsmännchen“

In die SPD trat er 1970 ein. Seit 1971 macht er die Sprechstunde im Rathaus. Damals habe Herbert Wehner die ganzen „Sozialfälle“ zu ihm geschickt, erklärt er. Die Bonner Republik. Eine andere Zeit. „Das war alles offener als in Berlin.“ Heute kann man sich kaum vorstellen, dass sogenannte „sozial Schwache“ beim Vorsitzenden der SPD-Bundestagsfraktion ein und aus gehen – Wehners damalige Position.

Zu Grünberg kommen sie nach wie vor: die Armen und Marginalisierten. Bei der Landtagswahl 2012 gelang es ihm erneut, in seinem Wahlkreis gegen den Direktkandidaten der CDU zu gewinnen. Der hieß damals Norbert Röttgen und wollte Ministerpräsident werden. Jetzt sogar Kanzler. „Röttgen ist so von oben eingeschwebt“, sagt Grünberg, „für unsere Stadt hat der sich doch gar nicht interessiert.“ So sieht sie aus, die freundliche Oberflächlichkeit der politischen Eliten: Man absolviert Termine im Wahlkreis, täuscht Anteilnahme vor, nur solange es der Karriere förderlich ist.

Zurück in die Karstadt-Filiale. Dort sitzen die niedergeschlagenen Angestellten unter einem Pop-Art-Bild von Beethoven. Man ist ja in Bonn, dem Geburtsort des Komponisten. Einer der Mitarbeiter kaut nervös auf seinen Fingernägeln. Er zittert. Kämpft mit den Tränen. Grünberg will gerade etwas sagen, da fällt ihm Sebastian Hartmann ins Wort. „Felix, lass mich mal zuerst.“ Dann feuert der Landeschef der Genossen mit leeren Worthülsen um sich. Er versichert den Mitarbeitern, die vor dem beruflichen Nichts stehen, die „Solidarität der SPD“. Kein „Marsmännchen“ irgendwo aus den Untiefen der Hauptstadt spreche hier zu ihnen, nein, er wohne ja ganz um die Ecke, in Bornheim!

Aus dem Schatten des Vater

Es war ihm nicht in die Wiege gelegt, sich sozialdemokratisch zu engagieren: Bernhard von Grünberg wuchs mit einem Vater auf, der im Dritten Reich Gauamtsleiter in Ostpreußen war. Während des Kriegs kam Hans-Bernhard von Grünberg in russische Gefangenschaft.

In der Nachkriegszeit hat der alte Grünberg zusammen mit anderen versucht, den Nationalsozialismus wiederzubeleben, zunächst über die Deutsche Reichspartei (DRP), dann über die NPD, deren Gründungsvorstand er angehörte. Später wurde er sogar Mitglied im Bundesvorstand. Dennoch habe sein Vater es mit Wohlwollen gesehen, als Grünberg vor 50 Jahren in die SPD eingetreten ist und 1975 Stadtverordneter in Bonn wurde. Auch der ehemalige SPD-Chef Sigmar Gabriel sprach in einem Zeit-Artikel über die „Schuld meines Vaters“ – der bis zu seinem Tod im Jahr 2012 ein „unverbesserlicher Nazi und Holocaust-Leugner“ geblieben sei. Bernhard von Grünberg hat Rechtswissenschaften in Bochum, Genf und Bonn studiert. Zunächst arbeitete er in den 1970er Jahren als Anwalt in Bonn. Er war lange Chef des Verbandes gemeinwirtschaftlicher Unternehmen für Städtebau und Wohnungswesen. Von 2000 bis 2005 und von 2010 bis 2017 saß er als Abgeordneter im Düsseldorfer Landtag. Der 74-Jährige ist seit 2005 Ehrenprofessor der Universität Jinan/China.

Grünberg hat am Integrationsgesetz mitgewirkt und saß zuletzt mit im Amri-Untersuchungsausschuss, der den Terroranschlag durch Anis Amri auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz und die Verantwortung der Landesregierung NRW untersuchte. Im Jahr 2009 wurde ihm das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen.

Dann ist Grünberg an der Reihe. „Gibt es schon eine Auffanggesellschaft?“, will er von den Mitarbeitern wissen. Offenbar nicht. Er habe einen Freund in Essen, der da was in die Wege leiten könne. Der würde bestimmt auch mit René Benko reden, dem Eigentümer des Konzerns. Ein Oberkapitalist. Aber gerade deswegen müsse der ja ein Interesse an einem neuen Investor haben. Einem, der die gut qualifizierten Leute hier übernimmt – und ihm, Benko, das Zahlen von Abfindungen erspart. „Ich hab gehört, hier sollen Büroräume rein“, sagt eine der Angestellten. Das hätte sie im Internet gelesen. Grünberg kommt in Fahrt: „Das ist doch alles Quatsch!“ Es gebe gar nicht genug Parkplätze in der City für noch mehr Büros. Er bietet Gespräche mit dem Vermieter Aachener Grund an.

Anschließend eilt er weiter in seine Wohnung in der Bonner Nordstadt. Er nimmt sich jetzt Zeit für ein Gespräch. Von hier aus kann er alles fußläufig erreichen: das Rathaus, den Alten Friedhof, Karstadt – den Mieterbund, bei dem er Vorsitzender ist. Er bewegt sich in seinem Mikrokosmos, aber da ist nichts Piefiges an ihm.

Er öffnet die Tür zu seiner Wohnung, die von Kunst aus der ganzen Welt geprägt ist: Vasen aus Mykene, afrikanische Masken, das Bild eines befreundeten russischen Malers, das den Augustputsch in Moskau zeigt, bei dem Gorbatschow abgesetzt werden sollte. Seine Frau, eine griechische Literaturwissenschaftlerin, serviert Tee und Kuchen. Es ist das Zuhause eines Internationalisten.

Grünberg zieht ein Buch von Norbert Blüm aus dem langen Regal. Er zeigt eine Widmung: „Für Bernhard von Grünberg, den Anwalt der Armen“. Ein Brief von Blüm, dem Christdemokraten, flattert lose zwischen zwei Seiten. Datiert auf den 7. April 2020. Darin drückt Blüm gegenüber dem „lieben Felix“ die Hoffnung aus, „dass Corona die Gesellschaft zur Besserung bringt“. Er selbst liege krankheitsbedingt im Bett und „starre die Decke an“. Er habe jetzt mehr Zeit zum Nachdenken. „Jedenfalls habe ich nicht vor, mich nicht mehr um die Zukunft zu kümmern.“ Zwei Wochen später war er tot. Ohne große Gefühlsregungen überfliegt Grünberg ein weiteres Mal den Brief von Blüm. Er wird nicht sentimental, wenn er über den Freund redet, auch nicht vorhin auf dem Friedhof, wirkt eher nüchtern. Mit der „Poesie“ des Sozialismus, über die Dostojewski geschrieben hat, kann jemand wie Grünberg wenig anfangen. Er ist Realist. „Ich will konkrete Politik machen!“, sagt er. Und redet dann über die neuesten Zahlen der UNO-Flüchtlingshilfe. Im Moment sind weltweit 80 Millionen Menschen auf der Flucht. „Aber davon sind ja nur zweieinhalb Millionen in Europa!“ Grünberg ist nach Idomeni gereist – auch das teilt er mit Blüm. Er war in Moria. Dass Griechenland so viele Leute aufnehmen muss, findet er unerträglich. „Die sind ökonomisch sowieso schon scheiße dran.“

Über „Sozialismus“ will er nicht lange reden. Ist ja nur irgendein Wort. Wenn er dann aufs Wohnen kommt, das durch börsenorientierte Konzerne immer „merkantiler“ werde, auf den „Ausbeuterkapitalismus“, der uns mit T-Shirts aus Bil-liglohnländern überflute, auf die Lebensmittelüberschüsse, die europäische Länder nach Afrika exportieren, was die „Existenzen der Kleinbauern“ dort zerstöre – dann merkt man, dass er große Parolen nicht fürchtet. „Wir haben nach wie vor kolonialistische Handlungsweisen gegenüber vielen Ländern“, sagt er und zeigt einen „Sprecherstab“ aus Ghana, der das kapitalistische System darstellen soll. Kann sein, dass er den auf irgendeinem Markt in Ghana gekauft hat, vielleicht aber auch hier um die Ecke. Grünberg weiß es nicht mehr. Oben in den Aufsatz des Stabes sind zwei Männer eingeschnitzt, die sich gegenübersitzen: Der eine guckt ausgemergelt zu Boden, während sich der andere, aufrecht sitzend und mit einer Toga bekleidet, einen ordentlichen Happen reinschiebt. „Der Reiche isst zuerst“ soll das bedeuten. Und? Was tun seine Genossen heute gegen diese weltweiten Ungleichheiten?

Willy Brandt war einst Vorsitzender der Sozialistischen Internationale. Und der Nord-Süd-Kommission, die sich mit Entwicklungsfragen befasste. „Davon ist in der SPD nichts übrig geblieben“, glaubt Grünberg. „Sie ist mutlos geworden.“ Er hingegen hält diese alte Brandt-Tradition weiter aufrecht.

Im Oktober 2017 war er als Beobachter des Unabhängigkeitsreferendums in Katalonien. „Mitten im Polizeigeprügel.“ Letztes Jahr sagte er dann beim Separatistenprozess als Zeuge vor dem Obersten Gericht Spaniens aus. Er kramt eine Zeichnung heraus, die der damalige katalanische Außenminister Raül Romeva während der Verhandlung von ihm angefertigt hat. Zu sehen ist die Max-Stirner-Version von Grünberg: ein paar Striche, krakelig, aber erkennen kann man ihn trotzdem. Norbert Walter-Borjans habe er gebeten, den Spaniern bei der Ausarbeitung eines funktionierenden Länderfinanzausgleichs zu helfen, der die reichen Katalanen mit dem spanischen Zentralstaat versöhnt. Mit so was habe dieser doch Erfahrung als ehemaliger NRW-Finanzminister. Der SPD-Chef hat zugesagt.

Auch wenn Grünberg in ein paar Tagen 75 wird, an Ruhestand ist nicht zu denken. Nur wo er mal begraben wird, das weiß er schon: auf dem Alten Friedhof, nur wenige Schritte von Norbert Blüm entfernt. Grünberg hat dort eine Parzelle reserviert.

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06:00 03.08.2020

Ausgabe 39/2020

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