Anne Kuhlmeyer
Ausgabe 4615 | 16.11.2015 | 06:00

Alte Drahtseile

Südafrika In Charlotte Otters „Karkloof Blue“ legt sich die ruppige Reporterin Maggie mit einem Papierkonzern an

Karkloof Blue heißt der seltene Schmetterling, dessen Habitat durch die geplante Rodung eines Naturwaldes inmitten von Plantagen rund um die Hauptstadt Pietermaritzburg in der Provinz KwaZulu-Natal bedroht ist.

Ein Schmetterlingsroman? Diverse Vorurteile gegenüber „Frauenkrimis“ müssen bei jenen aufploppen, die welche haben, es sei denn, sie sind durch das rasante Debüt Balthasars Vermächtnis (2013) der aus Südafrika stammenden Autorin Charlotte Otter positiv voreingenommen.

Als Nachrichtenredakteurin müsste Maggie eigentlich an ihrem Schreibtisch sitzen bleiben, während ein Trüppchen Umweltaktivisten dem Papierkonzern Sentinel zu trotzen sucht. Sie tut es aber nicht, und mit von der Partie ist ihr Bruder Christo, um den sie sich kümmert, unzureichend aus ihrer Sicht, hyperprotektiv und herablassend aus seiner. Christos Psyche ist gezeichnet vom Apartheidregime, denn keiner entkommt einem barbarischen System, auch Privilegierte nicht. Traumatisiert desertierte er nach seinem Einsatz bei Grenzkriegen, landete im Knast, später in der Psychiatrie. Nach Jahren genesen, rettet Christo Schmetterlinge, durchaus nicht naiv und weltfremd, wie sich später herausstellen wird. Zunächst lehnt Christo sich gegen die humanzentrische Hybris auf, die jeden Weitblick auf den Fortbestand der Welt infrage stellt.

Der Fund eines Massengrabs gewährt dem Schmetterling Aufschub – die Bulldozer und Bagger des Sentinel-Konzerns müssen stoppen. Wer waren die Menschen, die man im Wald verscharrt hat? Die Wahrheits- und Aussöhnungskommission, nach dem Ende der Apartheid vom ANC ins Leben gerufen, hat viele Verbrechen zur Sprache gebracht, andere sind nie ans Tageslicht gekommen.

Ein Sentinel-Mitarbeiter stürzt zu Tode. Selbstmord? Maggie zweifelt. Eine Wissenschaftlerin wird brutal zusammengeschlagen, ihre Geliebte bedroht. Maggie sucht weiter, rast zornig auf ihrem Motorrad durch die Nacht, bis sie sich, an ihren Sohn denkend, bezähmt. Ja, sie ist Mutter, repräsentiert aber eher das moderne Ideal von Mutterschaft und Weiblichkeit. Während Maggie die Verstrickungen eines greengewashten Konzerns aufdröselt, weilt das Kind sicher beim Vater. Man versteht sich nicht mehr als Paar, jedoch als Eltern.

Charlotte Otter gestaltet eine Frauenfigur, die nicht einfach nur stark oder etwa heldenhaft ist, sondern mutig, engagiert und verletzlich. Maggie will sich nicht als Opfer verstehen, obwohl sie reichlich einstecken muss. Sie lehnt es ab, ihre gut recherchierten Artikel zugunsten von Verhandlungsinteressen der Lokalzeitung um Papierpreise entwerten zu lassen. Sie lehnt es ab, unsichtbar vor sich hin zu wurschteln, weil man nichts tun kann gegen die kapitalgesicherte Konzernmacht, deren Profitinteressen von feigenblättriger Umweltpublicity verhüllt sind.

Den Handschlag verweigern

Charlotte Otter, die heute mit ihrer Familie in Heidelberg lebt, seziert eine Gesellschaft im Aufbruch und im Kampf mit ihrer Vergangenheit. Sie zeigt die Unsicherheit in einem Land mit massivem sozialen Gefälle – stacheldrahtbewehrte Zäune bewachen die Häuser der Bessergestellten, die Verlierer vegetieren in Hütten. Und sie spiegelt die kleinen Demütigungen, denen frau alltäglich ausgesetzt ist, nicht nur in Südafrika. Da steht der Name eines Reporters an erster Stelle über Maggies Artikel, obwohl der Mann ein journalistischer Blindgänger ist. Stammesführer verweigern ihr den Handschlag. Selbst die völlig unpolitische Wissenschaftlerin muss lernen: „Frauen mit Meinung sind gefährlich“.

Karkloof Blue verhandelt relevante Zusammenhänge zwischen Wirtschaft und Exekutive in Südafrika, zwischen institutioneller Gewalt und medialer Berichterstattung, zwischen patriarchalem Machtanspruch und ökologischer Notwendigkeit. Auf den Flügelschlag eines Falters heruntergebrochen: komplex, ruppig, ironisch.

Info

Karkloof Blue Charlotte Otter Katrin Kremmler, Else Laudan (Übers.), Argument 2015, 288 S., 13 €

Anne Kuhlmeyer ist Psychotherapeutin und Krimiautorin. Ihr letzter Roman Night Train erschien im Frühjahr beim KBV-Verlag

* Bilder der Beilage

Wenn es Nacht wird. Verbrechen in New York zeigt Fotografien von realen Verbrechen im New York der Nullerjahre des vergangenen Jahrtausends. Um 1900 revolutionierte die noch junge Fotografie die Aufklärung von Kriminalfällen. Die Tatortfotografie hatte zu dokumentieren, was vorgefallen war. Die Angehörigen der Opfer, Täter und die beteiligten Ermittler sind verstorben, die Akten vernichtet. Zu einigen der etwa 200 Schwarz-Weiß-Fotografien und original Zeitungsartikel finden sich noch Notizen.

Herausgeber sind der Kölner Filmproduzent und Kameramann Wilfried Kaute und Joe Bausch, der Rechtsmediziner aus dem Kölner Tatort. Die Autoren recherchierten die Kriminalfälle in den Archiven, schrieben die Geschichten dazu und ergänzten so die eigentümliche Dramatik der Bilder. Der Band ist bei Emons erschienen und kostet 39,95 Euro.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 46/15.