Gerhard Midding
26.09.2012 | 12:08

An den Rändern des Glücks

Kino Für ihren ersten Film hat Alma Har´el ihre Protagonisten in einer kleinen Stadt in Kalifornien gefunden: Von Verlierern der Gesellschaft und amerikanischen Tugenden

Bis zum nächsten Krankenhaus ist man im Wagen gut eine Stunde unterwegs, die nächste High School liegt 26 Meilen entfernt und bis Fresno, wo Amerika schon eher so aussieht, wie wir es im Kino gewohnt sind, muss man mehr als 390 Meilen zurücklegen. Bombay Beach ist ein abwegiges Zentrum des filmischen Kosmos, den Alma Har’el in ihrem Regiedebüt erkundet.

Der Flecken liegt am Ufer der Salton Sea, jenes Binnenmeeres in der Wüste Kaliforniens, das vor mehr als 100 Jahren durch eine Laune der Natur entstanden ist. In den restaurativen 1950er Jahren war es noch ein Ort der Verheißung, sollte zu einem Erholungsgebiet für die Bürger von Los Angeles (rund 170 Meilen entfernt) ausgebaut werden. Diese Träume von geografischer und sozialer Mobilität hat längst der unbarmherzige Wüstenwind fortgeweht. Nun verwittern hier die Leuchtreklamen, sind die Dünen mit Tierkadavern übersät und die meisten Bewohner haben die Flucht ergriffen. Wer hiergeblieben ist, gehört zu den Verlierern der Gesellschaft. Die Bewohner von Bombay Beach sind in der Regel übergewichtig, haben viele Zahnlücken und trinken und rauchen ohne erkennbare Reue. Falls sie wählen gehen sollten, stehen die Chancen allerdings nicht schlecht, dass sie ihr Kreuz bei den Republikanern machen. Das Recht auf Waffenbesitz ist ihnen heilig. Ihre Kinder legen zu Beginn des Schuljahres den Eid auf die Fahne ab, die hier so allgegenwärtig ist wie in jeder anderen Stadt der USA.

Aber selbst ein mitfühlender Konservativer würde das Figurenpersonal von Bombay Beach wohl nur als trailer trash bezeichnen, also als Absteiger, die in Campingwagen leben. Dabei verkörpern sie Tugenden, von denen man oft vergisst, dass sie zu Grundfesten Amerikas gehören: Gemeinschaftssinn, Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft.

Drei Helden einer vergessenen Stadt

Unter ihnen hat sich Alma Har’el drei ungemein einnehmende Protagonisten ausgesucht. Der Rentner Red ist als Ehemann und Vater gescheitert, aber er flirtet immer noch für sein Leben gern. Seinen Lebensunterhalt bessert er sich mit Zigarettenschmuggel auf. Er erzählt vom Leben an der Salton Sea in einem Tonfall rauer, großherziger Poesie, einer Mischung aus Mark Twain und Raymond Chandler. „Es braucht eine ganze Gemeinde, um ein Kind großzuziehen“, sagt er einmal. Damit schärft er den Zuschauerblick auf die beiden anderen Helden: Der siebenjährige, hyperaktive Benny muss mit Ritalin ruhiggestellt werden, was seine kluge Unternehmungslust jedoch kaum bremst. Auch der Teenager Cee-Jay stellt phantasievolle Fragen an das Leben. Er ist aus dem Kreislauf der Gewalt in den Gettos von Los Angeles ausgebrochen und will als Erster in seiner Familie aufs College gehen.

Die Regisseurin stellt große atmosphärische Nähe zu ihnen her. Eine verträumte Unschärfe liegt über ihren Alltagsimpressionen. Sie hat, das schadet dem Film nicht im Mindesten, mit Musikvideos angefangen und klopft das Vorgefundene auf sein utopisches Potenzial ab. Immer wieder animiert sie die Kinder zu hinreißenden Tanzeinlagen. Har’el gelingt es, dem Film einen schönen erzählerischen Bogen zu geben, indem sie insgeheim vier erstaunliche Liebesgeschichten erzählt: zwischen Benny und seinen Eltern, zwischen dem fürsorglich-schüchternen Cee-Jay und der hübschen Jessy, zwischen Red und dem Leben. Und die vierte? Sie spielt sich zwischen der Kamera und den Menschen von Bombay Beach ab.