„Andrea Nahles müsste mehr lesen“

Interview Elke Heidenreich ist Deutschlands erfolgreichste Literaturvermittlerin. Fernsehen ist für sie kein Medium der Kritik
„Andrea Nahles müsste mehr lesen“
"Das Buch, die Stille. Man taucht da ein und findet sich selbst“

Foto: Adam Berry/AFP/Getty Images

der Freitag: Frau Heidenreich, Ihre Sendung „Lesen!“ lief zwischen 2003 und 2008 im ZDF und ist bis heute das erfolgreichste Literaturformat in der Geschichte des deutschen Fernsehens. Wie viele Leute haben Sie schon reich und berühmt gemacht?

Elke Heideneich: Keine Ahnung, aber darauf kommt es mir auch gar nicht an. Wichtiger ist mir, Autorinnen und Autoren einem breiten Publikum bekannt zu machen, damit die was Gutes lesen. Da waren zum Beispiel Tannöd von Andrea Maria Schenkel, Robert Seethaler mit Der Trafikant, Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? von Richard David Precht, und auch Die Vermessung der Welt von Daniel Kehlmann ist nach meiner Empfehlung durch die Decke gegangen. Offenbar habe ich ein Händchen für die Außenseiter, für Bücher jenseits des Mainstreams. Gerade war ich wieder beim Schweizer Literaturclub, da hat mich die Moderatorin Nicola Steiner als „Trüffelschwein“ bezeichnet.

Welche unentdeckte literarische Rakete haben Sie in der Sendung vorgestellt?

Lempi, das heißt Liebe von Minna Rytisalo. Das Debüt einer fantastischen finnischen Autorin. Eine Liebesgeschichte auf der Folie des Zweiten Weltkriegs in den baltischen Staaten. Was für ein poetisches Buch! Zum Glück fanden es auch alle meine drei Mitstreiter in der Sendung ganz wunderbar. Und jetzt hoffe ich, dass dieses tolle Werk eine ganz große Leserschaft findet.

Früher war fast alles, was Sie in „Lesen!“ oder Marcel Reich-Ranicki im „Literarischen Quartett“ gelobt haben, am Tag danach ein Bestseller. Das gelingt heutigen Sendungen immer seltener. Was hat sich da verändert?

Viele Leute, die Literatur im Fernsehen behandeln, rücken sich zu stark selbst ins Rampenlicht. Da spielt die Eitelkeit eine große Rolle. Man braucht fürs Lesen aber in erster Linie Demut und Leidenschaft. Selbstdarstellung stört da nur.

Können Sie …

… Nein, versuchen Sie es gar nicht erst, ich werde jetzt keine Namen nennen.

Schade. Dabei wäre es hilfreich, zu wissen, bei wem wir abschalten sollten.

Wichtig ist doch: Wir hatten die Chance, Germanistik zu studieren. Wir haben die Möglichkeit, beliefert zu werden von den Verlagen. Wir konnten es zu unserem Beruf machen, Bücher zu lesen. Und da haben wir dann auch die Verpflichtung, mitzuteilen, was wir gelesen haben, anstatt zu demonstrieren, wie schlau wir sind. Wir müssen den Lesern, die sich im Wust der Neuerscheinungen nicht zurechtfinden können, mit klaren Urteilen zeigen, was sich zu lesen lohnt und was nicht. Wer da elaborierte Elogen hält, der erreicht sein Publikum nicht.

Bedeutet Literaturkritik nicht mehr als nur Daumen hoch oder Daumen runter?

Ich habe mich im Fernsehen nie als Literaturkritikerin empfunden, denn dafür ist es das falsche Medium. Sie haben ja recht: Literaturkritik bedeutet, sich mit einem Text intensiv auseinanderzusetzen, Sprache und Inhalt zu analysieren. So etwas geht aber nur schriftlich. Sogar Marcel Reich-Ranicki war als Autor der FAZ immer Literaturkritiker, aber im Fernsehen hat er empfohlen oder verrissen. Da hat man nur wenige Minuten zur Verfügung.

Zur Person

Elke Heidenreich, Jahrgang 1943, ist Autorin und Kritikerin. Mit ihrer Sendung Lesen! erreichte sie ein Millionenpublikum. Heute ist sie im Schweizer Literaturclub zu sehen. Sie lebt in Köln. Aktuell ist ihr Buch Alles fließt. Der Rhein im Corso Verlag erschienen

Foto: imago/Strussfoto

Aktuelle Studien legen nahe, dass in Deutschland immer weniger Menschen zum Buch greifen. Könnte das Fernsehen daran überhaupt etwas ändern?

Natürlich. Es liegt eben auch am Angebot. Ich bin vor zehn Jahren beim ZDF rausgeflogen, weil ich Marcel Reich-Ranicki in seiner Kritik unterstützt habe an all dem Schrott, der im deutschen Fernsehen läuft. Dazu stehe ich immer noch. In der Form war ich damals sicher sehr heftig.

Sie wurden schon oft als „Krawallschachtel“ bezeichnet.

So bin ich eben. Aber das ist doch viel besser als viele, die heute im Programm herumgeistern. Wie viele Kochsendungen laufen eigentlich die Sender rauf und runter? Gäbe es nur ein paar mehr Literatursendungen, dann würde das Lesen auch schnell wieder beliebter sein. Die dürften dann aber nicht so kompliziert sein.

Angenommen, es gäbe drei Literatursendungen in Ihrem Sinne im Fernsehen. Würden die wirklich ein Massenpublikum kriegen? Die Zeiten haben sich doch geändert. Bei all den Anforderungen und Angeboten kommen viele kaum noch zum Lesen.

So ein Quatsch. Wir waschen unser Auto und kommen im Alltag zu den idiotischsten Tätigkeiten. Auch ich sehe mir nächtelang US-amerikanische Serien an, und trotzdem bin ich süchtig nach Literatur. Wer sagt, er komme nicht zum Lesen, der will in Wahrheit gar nicht lesen. Da fehlt bei vielen das Bedürfnis. Wenn man liest, sind da nur die Lampe, der Mensch, die Stille und das Buch. Dieses Bedürfnis nach dem Eintauchen in eine Sprache, um zu sich selbst zu finden, das müssen wir wieder anstacheln.

Warum kehren Sie dann nicht mit einer eigenen Sendung ins Fernsehen zurück?

Da verspüre ich keinen Drang. Was meinen Sie denn, wie ich damals schon bei Lesen! um einen besseren Sendeplatz gestritten habe? Wir liefen am Dienstagabend um viertel nach zehn, später haben sie mich auf den Freitag gegen 23 Uhr gelegt, obwohl ich zuvor schon vom Chefarzt bis zur Friseurin alle fürs Lesen begeistert habe. Heute werden die Kultursendungen in den Öffentlich-Rechtlichen noch später gesendet oder zu Arte und 3sat abgeschoben. Diese Kämpfe will ich mir nicht mehr antun.

Jemand anders scheint Ihre Stelle nicht einnehmen zu können. Sie sind als Marke etabliert.

In Köln veranstalte ich seit sechs Jahren einen literarischen Salon. Die Leute kaufen dort immer die Büchertische leer, weil sie wissen wollen, wo es langgeht. Und ich weiß, wo es langgeht. Vor ein paar Tagen bin ich im Zug von jemandem angesprochen worden, der sagte: „Ich will Sie nicht stören, aber mir fehlen Ihre Buchtipps im Fernsehen. Ich weiß gar nicht mehr, was ich lesen soll.“ Wie jämmerlich ist das denn bitte, dass so jemand Normales wie ich die Ausnahme ist und fehlt?

Was glauben Sie, woran das liegt?

Am Wandel der Öffentlichkeit. Und es ist anscheinend generell ein Trend. Schauen Sie doch nur in die Politik: Da gibt es keine Biografien mehr, sondern nur noch Karrieren. Willy Brandt oder Franz Josef Strauß legten Wert auf kulturelle Bildung, ohne dass sie damit angeben mussten. Heute sitzen an den entscheidenden Stellen fast nur noch Menschen, die einen Karriereplan verfolgen. Dann werden sie zu Leuten, die denken, mit Kraftausdrücken ließe sich gute Politik machen.

Sie meinen Andrea Nahles.

Ja, oder Martin Schulz, der sich auch gern wichtigmacht. Aber so wie Sahra Wagenknecht will ich es dann auch nicht haben. Als die gefragt wurde, was sie gemacht habe, als die Mauer fiel, da sagte sie: „Ich habe Kant gelesen.“ Was ist das denn für eine Antwort?

Dabei ist Wagenknecht doch ein rares Beispiel für eine belesene Politikerin. Sie hat schon mehrmals in Interviews gesagt, sie könne den „Faust“ auswendig.

Ich kann den Faust auch auswendig, weil ich als Kind so lange krank war. Aber ich prahle damit nicht. Ein Gegenpol ist da – tut mir leid, dass ich das ausgerechnet dem Freitag sagen muss –, Angela Merkel. Das ist eine sehr redliche Person, die sich auch für Kunst interessiert.

Sie sind also ein Fan der Bundeskanzlerin. Galten Sie nicht mal als gemäßigte Linke?

Ich bin keine CDU-Wählerin. Als Arbeiterkind war ich immer der SPD verbunden. Meine SPD-Gläubigkeit ist mir aber schon vor längerer Zeit verloren gegangen, und eine Politikerin wie Andrea Nahles wird sie mir auch nicht mehr zurückbringen. Die müsste wirklich mal mehr lesen und ihren Bildungsstand geraderücken. Schon allein, um eine Sprache zu finden, die auf Debatte und Dialog ausgerichtet ist, denn das brauchen wir in diesen Zeiten mehr denn je. Wenn ich mir die Leute in der zweiten Reihe der CDU wiederum so ansehe, dann bin ich glücklich, dass eine Frau wie Angela Merkel noch am Ruder ist. Sie legt, auch wenn ihr Fehler passieren wie jedem anderen auch, immer eine überwältigende Menschlichkeit und Geradlinigkeit an den Tag.

06:00 11.10.2018

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