Angst vor der Mine

Spanien Das abgeschiedene Zahínos lebt seit Jahrhunderten von der Schweinezucht. Plötzlich soll dort Uran gesucht werden – trotz Atomausstieg

Das Rattern von Rotorblättern eines Hubschraubers lässt José Gata aufschauen. An den Himmel über der Sierra Suroeste in der südlichen Extremadura verirren sich Helikopter nur selten. Dieser hier fliegt ungewöhnlich tief, noch ungewöhnlicher wirkt, was am langen Seil herabhängt und durch die Luft befördert wird. „Es war eine Art riesiger Ring“, erzählt Gata seine seltsame Beobachtung aus dem Sommer 2018. Der Georadar, wie er später herausfand, war ein Vorbote all dessen, was schon bald über seinen Heimatort Zahínos hereinbrechen und viel Unruhe auslösen sollte .

Der Vater dreier Kinder ist Präsident der Sociedad Civil Cabra Alta y Baja, einer Kooperative, die eine 2.500 Hektar große Fläche zwischen Zahínos und Villanueva del Fresno bewirtschaftet. Die Finca liegt inmitten der Dehesa, einer steppenartigen Landschaft, die im Mittelalter kultiviert wurde. Typisch für die überaus trockene Gegend sind kleinwüchsige Stein- und Korkeichen, von denen manche bis zu sieben Jahrhunderte alt werden können. Fast täglich ist José Gata mit dem Allrad-Pick-up unterwegs, um nach dem Rechten zu sehen. Neben Schafen und Rindern hält die Kooperative vor allem Schweine, die in Freilauf leben und von November bis Februar ausschließlich von herabgefallenen Eicheln leben. So liefern den Rohstoff für den bei Feinschmeckern weltweit beliebten iberischen Eichelrohschinken und sind wesentlich schlanker als das in Mitteleuropa verbreitete Hausschwein.

Blutiger Husten

Doch reicht das Einkommen aus der Weidewirtschaft allein nicht unbedingt für den Lebensunterhalt. Auf Abruf, das heißt, nur unregelmäßig, arbeitet José Gata deshalb zusätzlich in einer Metallfabrik. Die Arbeitslosigkeit liegt in der Region Extremadura bei 19 Prozent und damit über dem Landesdurchschnitt von 14. Laut Auskunft der Steuerbehörde ist Zahínos überdies der Ort in Spanien mit den niedrigsten Einkommen: 2019 lag hier ein Jahresverdienst im Schnitt bei 11.480 Euro. Die karge Landschaft gibt nicht mehr her, und eine Industrialisierung hat nie wirklich stattgefunden. Jahrzehntelang war diese Kargheit ein Nachteil für die Region, der zu massiver Abwanderung führte. Heute könnte sie sich als Vorteil erweisen. Auf der Tourismusmesse in Madrid wirbt man für die Extremadura mit dem Slogan „Slow Tourism, Clean Air included“.

Der Bürgermeister von Zahínos ist von Journalisten genervt, die einmal im Jahr in seine Gemeinde pilgern, um über den „ärmsten Ort des Landes“ zu schreiben. Weswegen sich Gregorio Gallego Borrego auf Anfrage zunächst weigert, ein Interview zu geben. Dabei kann er durchaus stolz auf den Ort sein: Zahínos wirkt alles andere als arm – die steilen Straßen sind gut befahrbar und aufgeräumt, ein historischer Stadtkern thront auf dem Hügel und erlaubt einen weiten Blick in die umliegenden Hügelketten der Dehesa: So heißen die ausgedehnten Eichenhaine der Region, die traditionell gemeinschaftlich bewirtschaftet werden. Im Ort gibt es alles, was man zum Leben braucht. Es gibt Schulen, Herbergen, Gasthäuser und Geschäfte. Am späten Nachmittag, als sich der Geruch von verkohltem Holz aus den umliegenden Kohlenmeilern über Zahínos legt, kommt Bewegung in die engen Gassen. Allenthalben sind knallgelbe Stofftücher mit der Aufschrift „Nein zur Uranmine“ zu sehen.

Sechs Monate nachdem Gata den Hubschrauber bei seinem Erkundungsflug gesichtet hatte, wurde bekannt, dass die Firma Qbis Resources eine Konzession erhalten hat, um auf einer Fläche von 8.500 Hektar nach Uran zu suchen. Davon betroffen sind fünf Orte – Higuera de Vargas, Jerez de los Caballeros, Oliva de la Frontera, Villanueva del Fresno und Zahínos – mit über 22.000 Einwohnern.

Dass Uran unter der Erde liegt, daran zweifelt hier niemand. Zwischen 1956 und 1965 wurden auf der Finca Cabra Alta rund 65.000 Tonnen abgebaut. Vom ehemaligen Bergwerk zeugen nicht nur drei versiegelte Stolleneingänge. Auch die Erinnerung an den vorzeitigen Tod vieler Arbeiter ist gegenwärtig. Gearbeitet wurde ohne Schutzbekleidung, ohne Belüftung, zum Teil mit bloßen Händen das giftige Schwermetall abgebaut. Die alte Mine liegt etwa drei Kilometer Luftlinie von Zahínos entfernt. „Jetzt wieder Uran abzubauen, das wird unsere Region zerstören, Krankheit und Tod bringen“, sagt Jose Carlos Costillo von der Bürgerplattform „Dehesa sin Uranio“. Mitte der 1960er Jahre litten viele Arbeiter an Lungenerkrankungen, deren Symptom blutiger Husten gewesen sei, erinnert sich der Dorfchronist Francisco Bobadilla. Das Radongas, das beim Uranabbau freigesetzt werde, habe dies bewirkt.

Die Bewohner der fünf Orte, deren Bürgermeister unterschiedlichen Parteien angehören, zögerten nicht lange und organisierten die wohl größten Proteste, die Extremadura je gesehen hat. Der Druck der Straße und die Beschwerden der Gemeinden hinterließen Eindruck in der Landeshauptstadt Mérida. Im Juli 2019 zog die Bergbaubehörde ihre Genehmigung zurück. Doch währte die Freude darüber nur kurz: Im Oktober wurde bekannt, dass Qbis Resources gegen die Entscheidung vor Gericht zieht.

Cesar Ayllón hat kein Verständnis für den Widerstand der Bürger. Der Geschäftsführer von Qbis Resources beklagt fehlende Rechtssicherheit. „Hier findet Gehör, wer am lautesten schreit“, regt er sich auf. Der Leiter der Bergbaubehörde befand im Nachhinein, dass radiologische Gutachten für das Projekt fehlten. Ein Umstand, der noch Ende 2018 einer Genehmigung nicht im Wege stand. „Alle haben dem Projekt zugestimmt. Und eine Exploration hat ohnehin so gut wie keine Auswirkungen auf die Umwelt“, meint Ayllón.

Der Anthropologe Santiago Amaya, der 2002 eine Monografie über Zahínos verfasst hat, ist überzeugt, dass eine Uranmine für die Gegend einer Katastrophe gleichkäme. Viele fragen sich, warum die Bergbaubehörde den Abbau von Uran überhaupt erwogen hat. Die Antwort besteht im Verweis auf ein Bergbaugesetz, das noch auf die Franco-Diktatur zurückgeht. Danach sind Bodenschätze ein öffentliches Gut, sie abzubauen, bedient ein öffentliches Interesse.

„Wie kann das bei Uran der Fall sein, wenn der Atomausstieg Spaniens spätestens für 2035 geplant ist und der Preis in der Zerstörung einer Landschaft besteht?“, fragt die Umweltanwältin Maria Ángeles López Lax. Für sie ist klar, dass in diesem Gebiet gewonnenes Uran für den Export ins Ausland, nach China oder Indien, bestimmt wäre. Um die Emission von Kohlendioxid bei zugleich wachsendem Energiebedarf zu reduzieren, investieren beide Länder in den Bau von Kernkraftwerken, die es auch in der EU vermehrt geben wird. Erst Ende November verabschiedete das EU-Parlament eine Resolution zu den Klimazielen. Atomkraft wird darin explizit nicht ausgeschlossen.

Alles für die Spekulanten

Samuel Ruiz, Leiter der Bergbaubehörde, musste vor Kurzem einer Parlamentskommission Rede und Antwort stehen. „Es gibt kein Uranminenprojekt“, versuchte er alles herunterzuspielen. Die Podemos-Abgeordnete Irene de Miguel widersprach – über die Angelegenheit würden Gerichte entscheiden. Sie wirft der Bergbaubehörde vor, keine klare Strategie zu haben. Wie die Umweltanwältin verlangt auch sie, das Bergbaugesetz zu novellieren, das ihr zufolge nur Bergbaufirmen Rechtssicherheit bietet, nicht aber den Bürgern.

Das Gesetz ermöglicht dem Staat, Grundbesitz zu enteignen. Gata weiß das. Auf die Frage, was er tun wird, käme es so weit, schaut er nachdenklich in die Ferne, zuckt ratlos mit den Schultern. Jesús Rodríguez von der Kooperative El Progreso, in der alle erwachsenen Bewohner von Zahínos Mitglied sind, fürchtet, dass die Hälfte ihres Bodens verloren geht und so ein Teil der Erträge. „Welche Arbeit werden sie uns geben? Hier geht es doch nur um Börsenspekulation“, glaubt er.

Der Ökonom Santiago Lopez von der Universität Salamanca bestätigt diesen Verdacht. Im Bergbausektor, sagt er, gehe es oft nicht um den tatsächlichen Abbau, sondern die Erwartungen an der Börse. „Wichtiger als jetzt ein Mineral abzubauen, ist für Unternehmen die Tatsache, dass sie es in Zukunft tun könnten, weil sie die Konzession haben. Allein damit lassen sich Gewinne machen.“ Lopez verfolgt seit Jahren ein anderes Uranminenprojekt. Nahe Salamanca plant der kanadische Konzern Berkeley Energia eine Uranmine in Tagebau. Das Vorhaben ist weit fortgeschritten. Es fehlen nur mehr wenige Genehmigungen, um den Betrieb aufzunehmen. Allerdings ist dort der öffentliche Widerstand gegen den Uranabbau weitaus schwächer als in der Sierra Suroeste.

Cesar Ayllón, der Geschäftsführer von Qbis Resources, war bis 2014 für Berkeley Energia tätig. Er findet es egoistisch, anmaßend und rücksichtslos von den Bewohnern, sich gegen die geplante Uranmine zu stellen, schließlich benötige man Uran gerade in der Strahlenmedizin. „Die Schweinezüchter, die hohe Agrarsubventionen erhalten, verhindern, dass hier Bodenschätze abgebaut werden, die Milliardengewinne und Arbeitsplätze bringen. Das ist nicht wirtschaftlich“, wettert Ayllón und übersieht dabei etwas Entscheidendes: dass für die Menschen in Zahínos eine gesicherte Umwelt mehr als Geld bedeutet. „Gewisse Dinge scheinen in der Steuererklärung nicht auf, obwohl sie von großem Wert sind. Wie etwa die Dehesa, die uns allen gehört“, sagt Costillo.

Linda Osusky ist freie Autorin. Sie lebt und arbeitet in Barcelona

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06:00 03.03.2020
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