„Auch wir sind das Volk“

Interview Wolfgang Berghofer spricht im Herbst 1989 als erster SED-Politiker mit der Oppostion. Der „Sonntag“ befragt ihn für die Ausgabe vom 26. November 1989
„Auch wir sind das Volk“
Eine Eskalation wollte er um jeden Preis verhindern: Berghofer im Gespräch mit Demonstranten

Foto: Ulrich Hässler/Imago Images

Sonntag: Herr Berghofer, was genau geschah am 8. Oktober in Dresden?

Wolfgang Berghofer: Abends hatten sich Demonstranten auf der Prager Straße versammelt und waren von Kräften der Volkspolizei umstellt worden. Es kam zu einem Disput mit Einsatzoffizieren, von denen gab es das Signal an mich: Hier sind Leute, die mit Ihnen reden wollen, sind Sie bereit dazu? Vielleicht könnte man den Konflikt auf diese Weise lösen. Parallel dazu meldeten sich bei mir Bischof Hempel und Superintendent Ziemer mit dem Angebot, als Vermittler in Erscheinung zu treten, und der Bitte, diese Vermittlerrolle zu ermöglichen. Das hat sich alles in wenigen Minuten abgespielt. Ich habe gesagt, ich bin bereit dazu, habe mein Dienstauto zur Verfügung gestellt und ein Polizeifahrzeug an die Spitze gesetzt, um die Herren – es war noch ein dritter Kirchenvertreter dabei – auf die Prager Straße fahren zu lassen. Herr Ziemer hat die Demonstranten angesprochen und die Gesprächsbereitschaft für den kommenden Morgen signalisiert. Die Demonstranten wählten spontan eine Gruppe von 20 Vertretern, und am 9. Oktober begann hier im Rathaus der Dialog.

Sie waren der erste DDR-Politiker, der Gesprächsbereitschaft mit den friedlichen Demonstranten signalisiert hat. Sie waren damit auch der erste Politiker, der gegen die Ohnmacht der SED-Führung antrat. War das der Rebell oder der Reformer Berghofer?

Das war der Mensch, der begriffen hat, dass man Gewalt um jeden Preis verhindern muss, und die Gefahr, dass sie eskaliert, war ja akut. Das war der Beginn, ohne dass ich bis zum Ende überblickt hätte, wo dieser Beginn politisch hinführen würde. Jetzt sind wir alle klüger. Natürlich war ich mir bewusst, dass ich eine große Verantwortung übernehme – ich teile sie mit Hans Modrow, wir hatten uns dazu verständigt. Ich war mir klar darüber, dass ich damit auch meine politische Existenz aufs Spiel setze. Allerdings möchte ich nicht beanspruchen, da der Erste und Einzige zu sein, das würde mich in falschem Licht darstellen.

Wie wird man Reformpolitiker? Dieser Prozess hat sich doch sicher über längere Zeit vollzogen.

Ich bin ja erst recht kurze Zeit im Amt, doch ich habe immer den Weg zu den Bürgern gesucht – natürlich konnte ich nicht für alle 520.000 Dresdner Gesprächspartner sein, obwohl das viele erwartet haben. Durch den engen Kontakt bin ich sehr hart mit Realitäten konfrontiert worden. Sehen Sie sich die Stadt an: Es gab ein großartiges Wohnungsbauprogramm, das ja niemand zerreden will, aber mehr als 50 Prozent der Bausubstanz sind so stark verschlissen, dass diese absolut gefährdet ist. Ganze Viertel verfallen. Solchen Realitäten kann ein Kommunalpolitiker nicht ausweichen. Das Erste, was ich dann versucht habe, war, mit ehrlichen Analysen Realitätssinn in die Stadtverordnetenversammlung zu tragen. Das hat mir sehr viel Kritik im Land eingebracht. Ich will es bei diesen Beispielen bewenden lassen. Hinzu kommt, dass ich bei Hans Modrow auf einen Menschen gestoßen war, der einen ähnlichen Blick hatte wie ich.

Er hat Ihnen geholfen.

Vor allem hat auch er sich für Dresden stark engagiert. Nicht vergessen dürfen Sie, dass in einer Stadt, wo Arbeiter und Intellektuelle so konzentriert sind wie hier, also sehr kritische Haltungen bei der Mehrheit der Bevölkerung existieren, man zu Veränderungen gezwungen wird. Ob man die schon immer als Reformen deklarieren sollte, sei dahingestellt. Ich bin natürlich auch eingebunden in politische Realitäten. Ich habe nicht an jeder Stelle und nicht immer laut gesagt, womit ich nicht einverstanden bin, dazu gehören viel Mut und Zivilcourage. Und manches erkennt man im Nachhinein besser als in der konkreten Situation.

Letztlich haben die Ereignisse Anfang Oktober Sie gezwungen, eine Entscheidung zu treffen, einen Mut aufzubringen, den Sie in der Konsequenz zuvor nicht bei sich vermutet hatten.

Alles trieb einem Kulminationspunkt entgegen. Man musste sich entscheiden: entweder Blutvergießen oder ein vernünftiger Weg zu politischen Lösungen. Ich halte nichts vom chinesischen Weg. Konflikte mit Gewalt zu lösen, ist im Jahr 1989 kein Weg, schon gar nicht im Herzen Europas.

Die Panzer waren schon aufgefahren?

Ja.

Zur Person

Wolfgang Berghofer, geb. 1943 in Bautzen, ist gelernter Maschinenbauer, arbeitet als Sportlehrer und studiert ab 1969 Geschichte in Berlin. Danach ist er im Zentralrat der FDJ (unter Krenz) und wird 1986 als Oberbürgermeister Dresdens eingesetzt

Und jetzt ist die Gefahr einer Katastrophe ausgeschaltet?

Gewalt erzeugt immer Gegengewalt, und dieser Prozess bleibt immer unberechenbar. Es entstehen eigene Gesetzmäßigkeiten, auf die verliert der Politiker den Einfluss. Bei aller Referenz an die Hunderttausenden, die friedlich und klar ihre Meinung zum Ausdruck bringen, ist doch nicht zu übersehen, dass es einige wenige sind – und die sind da –, die zu Gewalt auffordern. Mit Worten zunächst, die Emotionen anheizen, die zu unkontrollierten Handlungen führen. Also ich bin nicht sicher, ob nicht eine Handvoll Leute, die überhaupt nicht überblicken, was passiert, auch eine friedliche Kundgebung umfunktionieren können. Ich nutze darum jede Gelegenheit, um zu Besonnenheit zu ermuntern.

Hatten Sie ein Gefühl von Angst in diesen Tagen?

Natürlich.

In welche Richtung ging die?

Wenn man sieht, dass sich Hunderttausende mit dem Ruf „Wir sind das Volk“ auf die Straße begeben, entstehen Sorgen darüber, wohin das führt. Und wenn man dann noch erlebt, wie die Führung des Landes darauf reagiert hat, entsteht Betroffenheit, auch Angst. Dazu kommt: Man hat als Kommunalpolitiker auch Angst um das, was so mühevoll in der Stadt errichtet wurde, Aber es war nie Angst um den Sessel. Die hatte ich schon bei Amtsantritt nicht.

War es auch existenzielle Angst?

Modrow und ich sind durch die Menge auf dem Theaterplatz Gegangen, ohne Begleitung. Um uns Leute, die uns erkannt haben: mit Anerkennung, mit Kritik, mit Schimpf und Schande, mit allem, was das Leben in dieser Stunde hervorgebracht hat. Wir haben uns entschieden: Auch wir sind das Volk. Warum sollen wir abseits stehen? Darum sind wir an der Spitze der Demonstranten marschiert.

Wie bewerten Sie die Geschichte des Sozialismus unter Führung der SED?

Wir stehen erst am Anfang einer ehrlichen Geschichtsbewältigung. Fakt ist, die Führung unter Honecker hat uns in eine schlimme Lage geführt. Und wir sind nicht frei von Verantwortung, auf keiner Ebene. Wir können eines machen: durch unserer Hände Arbeit schnell die Folgen korrigieren und alles so in Gesetzeskraft bringen, dass ein solches Geschehen für alle Zeiten unwiederholbar wird.

Sehen Sie die jetzigen Ereignisse als revolutionäre Bewegung?

Ja, es ist für mich eine revolutionäre Volksbewegung, denn sie verändert Qualitäten. Das hat es doch auch noch nicht gegeben, dass sich Politiker auf die Bühne stellen und mit Hunderttausenden reden und nicht Reden halten. Das spricht doch dafür, dass eine ungeheure politische Kultur vorhanden ist.

Sie sind Mitglied der SED und wollen es bleiben?

Das ist heute vielleicht für ein Mitglied der SED die schmerzhafteste Frage. Die muss sich jeder selbst vorlegen. Und darüber wird nicht jeder in der Öffentlichkeit Rechenschaft ablegen – aus vielerlei menschlichen Erwägungen. Ich bin als Arbeiterjunge in die SED gegangen in der tiefen Überzeugung, da musst du rein, um etwas zu verändern. Ich habe auch lange in der FDJ gearbeitet, dazu bekenne ich mich. Es waren interessante und schöne Jahre. Ich hatte nicht das Gefühl von Unwahrheiten, ich bin auch mit der Fackel in der Hand über die Linden demonstriert und hatte nicht das Gefühl, manipuliert worden zu sein. Ich habe das aus tiefer Überzeugung getan. Und ich will weiterhin Mitglied der SED mit Leib und Seele bleiben, auch wenn ich weiß, wir gehen noch schweren Zeiten entgegen.

Wie stehen Sie zum Führungsanspruch Ihrer Partei?

Im Sinne einer Avantgarde – ja; im Sinne von Gewinnen durch Überzeugen – ja. Eine Partei aber, die einen Allmachtsanspruch formuliert, wird am Ende bei Fehlern allein zur Kasse gebeten. Führung, die sich am Ende der Volkskontrolle entzieht, ist nicht tragfähig. Wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass die SED – auch in so manchem Stadtparlament – in der Minderheit sein wird.

Was lieben Sie an Dresden?

Den ungeheuren Lebensmut und Lebenswillen, die Art der Menschen, sich Problemen zu stellen, kritisch zu sein. Hier lebt ein Sechstel der DDR-Wissenschaftler. Das ist eine Stadt der Kultur und Kunst, die für moralische und ästhetische Fragen hochsensibel ist.

Info

Das hier gekürzt wiedergegebene Gespräch führten Leonore und Ernst-Michael Brandt

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Dieser Beitrag ist Teil unserer Wende-Serie 1989 – Jetzt!

06:00 06.11.2019
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