Gert G. Wagner
16.07.2014 | 12:10 5

Aus dem Stadion, aus dem Sinn

Fifa Bei aller Freude über den Titel: Die grundsätzlichen Probleme der Massenveranstaltung Fußballweltmeisterschaft sind noch lange nicht gelöst

Aus dem Stadion, aus dem Sinn

Foto: Mario Tama/ AFP/ Getty Images

Deutschland ist wieder mal „Weltmeister“. Für vier Jahre. Mit diesem – mindestens – globalen Anspruch gemeint ist der Sieger der alle vier Jahre stattfindenden Endrunde des Fußball-World-Cups für die Auswahl-Mannschaften der Männer der Mitgliedsverbände der FIFA (Fédération Internationale de Football Association). Ja, es geht weder um die Welt und noch nicht einmal um Länder, sondern nur um Sportorganisationen und deren „Auswahl-Mannschaften“ – wie der portugiesische Name der Auswahl des brasilianischen Fußballverbandes deutlich macht: Seleção.

Solange der Ball rollt, wird gerne vergessen, dass eine FIFA-Weltmeisterschaft milliardenschwere Stadien und Infrastrukturen erfordert, die sich – wie inzwischen vielfach empirisch nachgewiesen ist – für das ausrichtende Land nicht rechnen, wenn sie nur im Hinblick auf eine WM gebaut werden. Und „die“ Fußball-WM ist keine nationale oder zwischenstaatliche Angelegenheit, sondern es handelt sich schlicht und einfach nur um einen Event (was durch Public Viewing in den letzten Jahren deutlicher denn je wurde) des Weltfußballverbandes FIFA. Und dieser ist – zurückhaltend ausgedrückt – eine sehr eigenwillige Institution. Ähnlich wie das Internationale Olympische Komitee (IOC) ist die FIFA im Prinzip eine gemeinnützige Organisation; die aber das Geldverdienen, einschließlich der Zahlung hoher Aufwandsentschädigungen für ihre Funktionäre, in den Mittelpunkt ihrer Aktivitäten gestellt hat. Das konnte man bei der WM unmittelbar beobachten. Die WM ist als Markenzeichen – als Trademark „TM“ – unter dem Namen „2014 FIFA World Cup BrazilTM“ geschützt. Und die Homepage der FIFA ist nicht in der Schweiz registriert (wo die FIFA sitzt) oder als internationale Organisation (mit der Extension „.org“), sondern – nomen est omen – mit der Extension „.com“ für Kommerz.

Akzeptanz in der Krise

Die FIFA verlangt enorme Investitionen und Staatsgarantien. Am Ende kassiert nur sie selbst für Eintrittskarten und vor allem – milliardenschwer – für die TV-Übertragungsrechte und verteilt dann das Geld nach Gutdünken: Deswegen musste in Brasilien zu sportlich unvernünftigen Zeiten – teilweise bereits um 12 Uhr in tropischer Schwüle – gespielt werden. Denn nur dann passten die Anstoßzeiten halbwegs in mitteleuropäische Fernsehgewohnheiten.

Es fällt der FIFA nun offenbar schwer, in westlich geprägten Demokratien noch Verbände bzw. Länder zu finden, die bereit sind, eine Fußballweltmeisterschaft für Herrenmannschaften auszurichten. Die nächsten zwei World Cups finden mit Russland und Katar in Ländern statt, die man durchaus nicht als lupenreine Demokratien bezeichnen muss. Wenn die FIFA sich nicht zunehmend isolieren will, dann wäre ein Schritt zu bescheideneren Weltmeisterschaften mit kleineren und weniger prächtigen Stadien, wie man sie in vielen Ländern mit Fußballtradition vor Ort ohnehin finden kann, ein wichtiger Schritt. Auch könnte eine WM in nur acht statt 12 Stadien gespielt werden (im superreichen Katar ist genau das im Gespräch!). Die Ausrichterländer würden dadurch viel Geld sparen und die Akzeptanz der WM in der breiten Bevölkerung des Ausrichterlandes könnte wieder größer werden. Diese Akzeptanz war ja im als „fußballverrückt“ geltenden Brasilien keineswegs gegeben. Und der Unwillen vieler Menschen lag nicht am Ausscheiden der Seleção im Halbfinale, sondern es gab bereits im Vorfeld massive Proteste.

Gert G. Wagner ist Vorstandsmitglied des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und Professor für Volkswirtschaftslehre an der TU Berlin

Kommentare (5)

Heinz Lambarth 16.07.2014 | 18:49

Lieber Herr Wagner,

vielen dank für den hoffnungsfrohen aufsatz, der aber leider das wesentliche verfehlt. Bei der herrenfussball-WM (u.ä.) geht es - wie ber fer Formel 1 - nicht um sport, sondern um geld (um viel geld) und um die geltungssucht alter herren; Blatter genauso wie Ecclestone . Beide sind gleich korrupt umd machtgeil und "vermarkten" eine show, die offenbar gern gekauft wird.

Wem es - im falle fussball - wirklich um den sport geht, der meidet den profisport, wo er nur kann (autorennen sind grundsätzlich zu meiden!) und unterstützt den kleinen fussballverein von nebenan.

Dann braucht mensch sich auch nicht zu schämen für "Gaucho-Tänze" bei angeblichen "titel-feiern"...

rioges 16.07.2014 | 22:35

Ich gebe Ihnen vollkommen Recht, es macht sehr viel Spaß zu unterklassigen Vereinen zu gehen. Ich mache das auch sehr oft, nicht nur beim Fußball - Formel 1 ist für mich no-go, auch im TV.

Hat man aber eine gewisse Leidenschaft an einer Sportart, sie vielleicht selber einmal betrieben, dann will man auch ab und an Spitzenniveau sehen. da muss dann jeder selber sehen, wo seine Schmerzgrenze ist.

Julian Schaper 17.07.2014 | 09:33

Um dem Namen Weltmeisterschaft vielleicht ein bisschen gerechter zu werden, wäre es doch auch sinnvoll nach dem Vorbild der künftig in ganz Europa gespielten EMs auch die WMs dezentral auszuspielen. Das spart ungeheur Ressourcen, ist nachhaltiger und lässt weniger Raum für Korruption, denn wo weniger Aufträge zu vergeben sind, kann auch nicht mehr so viel gemauschelt werden. Eine Idee wäre alle vier Jahre einen anderen Kontinent mit der Oragnisation der WM zu betrauen und klare Auswahlkritierien zu erarbeiten wann es einer Volkswirtschaft zuzumuten ist Investitionen dieser Art zu tätigen. Darüber hinaus gehört dieser ganze FIFA-Katalog abgeschaft, der es ihr und ihren Sponsoren erlaubt das ganze Kapital vom Bau der Infrastruktur steuerfrei außer Landes zu ziehen. So lange dieser Katalog Gültigkeit besitzt, ist Nachhaltigkeit mit der Ausrichtung einer WM nicht unter einen Hut zu bringen. Was allerdings wohl weiterhin so bleiben würde wie es ist, ist die Ablenkung der Massen von den exitenziellen Problemen auf dieser Erde. Nur um Deutschland als Beispiel zu nehmen. Diese übertriebene Emotionalität bezüglich Ereignissen wie der WM ist angesichts der Gleichgültigkeit mit der "diese Schafe" existenziellen und bedeutenden Themen gegenüberstehen einfach entsetzlich. Gegen Dinge die uns in unseren elementarsten Rechten verletzten wie TTIP, Überwachungsskandal, Macht der Banken etc. gehen, wenn es hochkommt, mal 2000 Menschen auf die Straße. Für ein paar Kerle die überdurchschnittlich gut im Fußball sind und rein zufällig innerhalb der gleichen willkürlich gezogenen Grenzen geboren wurden, kommen locker Hunderttausende…

In dem Zusammenhang kann man mal fragen was bei einer solchen Bevölkerung eigentlich aus unserer Demokratie werden soll?