Aus dem Stadion, aus dem Sinn

Fifa Bei aller Freude über den Titel: Die grundsätzlichen Probleme der Massenveranstaltung Fußballweltmeisterschaft sind noch lange nicht gelöst
Aus dem Stadion, aus dem Sinn
Foto: Mario Tama/ AFP/ Getty Images

Deutschland ist wieder mal „Weltmeister“. Für vier Jahre. Mit diesem – mindestens – globalen Anspruch gemeint ist der Sieger der alle vier Jahre stattfindenden Endrunde des Fußball-World-Cups für die Auswahl-Mannschaften der Männer der Mitgliedsverbände der FIFA (Fédération Internationale de Football Association). Ja, es geht weder um die Welt und noch nicht einmal um Länder, sondern nur um Sportorganisationen und deren „Auswahl-Mannschaften“ – wie der portugiesische Name der Auswahl des brasilianischen Fußballverbandes deutlich macht: Seleção.

Solange der Ball rollt, wird gerne vergessen, dass eine FIFA-Weltmeisterschaft milliardenschwere Stadien und Infrastrukturen erfordert, die sich – wie inzwischen vielfach empirisch nachgewiesen ist – für das ausrichtende Land nicht rechnen, wenn sie nur im Hinblick auf eine WM gebaut werden. Und „die“ Fußball-WM ist keine nationale oder zwischenstaatliche Angelegenheit, sondern es handelt sich schlicht und einfach nur um einen Event (was durch Public Viewing in den letzten Jahren deutlicher denn je wurde) des Weltfußballverbandes FIFA. Und dieser ist – zurückhaltend ausgedrückt – eine sehr eigenwillige Institution. Ähnlich wie das Internationale Olympische Komitee (IOC) ist die FIFA im Prinzip eine gemeinnützige Organisation; die aber das Geldverdienen, einschließlich der Zahlung hoher Aufwandsentschädigungen für ihre Funktionäre, in den Mittelpunkt ihrer Aktivitäten gestellt hat. Das konnte man bei der WM unmittelbar beobachten. Die WM ist als Markenzeichen – als Trademark „TM“ – unter dem Namen „2014 FIFA World Cup BrazilTM“ geschützt. Und die Homepage der FIFA ist nicht in der Schweiz registriert (wo die FIFA sitzt) oder als internationale Organisation (mit der Extension „.org“), sondern – nomen est omen – mit der Extension „.com“ für Kommerz.

Akzeptanz in der Krise

Die FIFA verlangt enorme Investitionen und Staatsgarantien. Am Ende kassiert nur sie selbst für Eintrittskarten und vor allem – milliardenschwer – für die TV-Übertragungsrechte und verteilt dann das Geld nach Gutdünken: Deswegen musste in Brasilien zu sportlich unvernünftigen Zeiten – teilweise bereits um 12 Uhr in tropischer Schwüle – gespielt werden. Denn nur dann passten die Anstoßzeiten halbwegs in mitteleuropäische Fernsehgewohnheiten.

Es fällt der FIFA nun offenbar schwer, in westlich geprägten Demokratien noch Verbände bzw. Länder zu finden, die bereit sind, eine Fußballweltmeisterschaft für Herrenmannschaften auszurichten. Die nächsten zwei World Cups finden mit Russland und Katar in Ländern statt, die man durchaus nicht als lupenreine Demokratien bezeichnen muss. Wenn die FIFA sich nicht zunehmend isolieren will, dann wäre ein Schritt zu bescheideneren Weltmeisterschaften mit kleineren und weniger prächtigen Stadien, wie man sie in vielen Ländern mit Fußballtradition vor Ort ohnehin finden kann, ein wichtiger Schritt. Auch könnte eine WM in nur acht statt 12 Stadien gespielt werden (im superreichen Katar ist genau das im Gespräch!). Die Ausrichterländer würden dadurch viel Geld sparen und die Akzeptanz der WM in der breiten Bevölkerung des Ausrichterlandes könnte wieder größer werden. Diese Akzeptanz war ja im als „fußballverrückt“ geltenden Brasilien keineswegs gegeben. Und der Unwillen vieler Menschen lag nicht am Ausscheiden der Seleção im Halbfinale, sondern es gab bereits im Vorfeld massive Proteste.

Gert G. Wagner ist Vorstandsmitglied des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und Professor für Volkswirtschaftslehre an der TU Berlin

12:10 16.07.2014

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