Alle doof

A–Z Man kann so manche Gesichter kaum mehr ertragen, die einen im Wahlkampf von allen Plakaten anstarren. Ein Lexikon der Politiker, die wir lieber nicht mehr sehen möchten

A

Angie Von der Verschärfung des Asylrechts bis zum Klüngeln mit der Autolobby: Vieles an Angela Merkels Politik ist kritikwürdig. Dass mit Merkel eine ehemalige Hausbesetzerin auf bürgerlich und Kanzlerin macht, sollte man ihr nicht durchgehen lassen. Ihren Rechtsbruch im sogenannten Unrechtsstaat DDR – definiert, was das genau ist, hat niemand – nimmt sie auf die leichte Schulter. „Als ich mich von meinem ersten Mann getrennt habe, brauchte ich eine Wohnung“, erklärte sie vor einer Schulklasse. Das war im Ostberlin der 1970er. Sie sei dann einfach in eine „leerstehende Wohnung eingebrochen mit einem Schlüssel – nein, mit einem Schlüssel eben nicht. Ich habe das Schloss aufgebrochen“. Und dann ist sie dort eingezogen. Das habe jeder so gemacht und die DDR hätte kreative Lösungen von ihren Bürgern geradezu erwartet. Keine Sympathie hat die Kanzlerin mit heutigen Hausbesetzern. Über die Rigaer Straße in Berlin sagte sie, man müsse sich an Gesetze halten. Tobias Prüwer

H

Hofreiter Ich habe nichts gegen lange Haare. Einige meiner besten Freunde haben lange Haare. Als Heavy-Metal-Fan hege ich sogar eine echte Präferenz für langhaarige Männer. Und trotzdem bin ich sehr intolerant, was die Haarpracht von Anton Hofreiter anbelangt. Ist es das Otto-Blond oder das an den Spitzen ausgedünnte Haar, das mich so stört? Ist es die Stirnglatze (Ziemiak)? Nein, lange Haare sind nicht unmännlich, aber die in 1970er Schlagerstarmanier auf Schulterhöhe nach außen ondulierten Haarspitzen schreien förmlich nach einem Barbershop-Besuch. Der „Toni“, wie Parteigenossen ihn nennen, wurde wahrscheinlich geprägt von den feschen frizzy Fußballer-Sturmfrisuren à la Beckenbauer und Breitner, insofern mag man es ihm nicht verdenken, wenn er in der Ästhetik seiner Kindertage festhängt. „Mensch, es geht um Politik, nicht um Frisuren!“ Nur sagt der Umgang mit dem eigenen Schopf viel über den Bezug zur Wirklichkeit aus. Und der ist bekanntermaßen vonnöten, wenn man so etwas wie Realpolitik machen will. Also, Toni, sei mutig und mach „schnipp“! Marlen Hobrack

Höcke Ich hatte mal einen grandiosen Geschichtslehrer, mit dem wir im Leistungskurs zwei Themen kritisch untersuchten: Machiavelli und Faschismustheorien. Ob Björn Höcke das mit seinen Schülern auch gemacht hat? Zwar ist er als Lehrer inzwischen beurlaubt, weil er als Fraktionsvorsitzender der AfD im Thüringer Landtag sitzt – doch von seinem Fach kann er einfach nicht lassen. Immer wieder hebt er den Arm, hinter ihm die Fahnen hoch und die Reihen dicht geschlossen, und mahnt, die deutsche Geschichte nicht auf die zwölf Jahre zu reduzieren, aus denen er sein Heil schöpft.

Ein Beispiel: Anfang 2017 nannte der völkische Beobachter aus der Provinz das Holocaust-Mahnmal in Berlin ein „Denkmal der Schande“ und bezeichnete die Demokratisierung und Entnazifizierung nach 1945 als „Rodung der deutschen Wurzeln“. Seien wir gewarnt. Solche „Vaterlandsretter“ gab es schon einmal. Dem Joebbels widmete Theobald Tiger 1931 folgende Zeilen: „Du bist mit irgendwat zu kurz gekomm. / Nu rächste dir, nu lechste los. / Dir hamm se woll zu früh aus Nest jenomm! / Du bist keen Heros, det markierste bloß.“ Behrang Samsami

K

Kauder Vor einer Weile gab es an dieser Stelle ein A-Z über verbale Politiker-Ausfälle. Unvergessen Volker Kauders „Parteifotze“. Ja, „Parteivorsitzende“ ist schwer auszubuchstabieren, wenn die Badener Zunge von eventuellem Bierkonsum (ich schätze, bei so einem Parteitag fließt so einiges davon) beschwert ist und sich die innere Einstellung zur Parteivorsitzenden ständig in Form von Freud’schen Zungenverrenkungen Bahn bricht. Machen wir uns nichts vor, man liebt es, Kauder unsympathisch zu finden. Gäbe es eine Politiker-Filter-App, hieße die ganz sicher „ausgekaudert“. So bräsig und schlecht gelaunt ist ansonsten kein Mensch außerhalb Berlins, nur fehlt Kauder zu allem Unglück dit nette Berlinern.
Marlen Hobrack

L

Lindner Wer auf der Website der FDP nach dem Programm der Partei sucht, findet: Christian Lindner. Zwanzig Fotos prangen dort mit ihm und den „wichtigsten Forderungen“. Lindner von rechts, Lindner von links, bis zum Erbrechen. Eine One-Man-Show (Angie). „Die FDP ist seit diesem Wochenende im Wahlkampfmodus. Und das eigene Gesicht zu sehen, das ist natürlich Anlass für eine gewisse Demut“, so Lindner auf dem Parteitag in NRW. Dahinter steckt mehr als Egozentrik. Der Fokus auf die Person verdeckt unschöne Inhalte: Die FDP verteidigt den flexiblen Arbeitsmarkt. „Wir dürfen die Zeitarbeit oder Befristungen nicht weiter einschränken.“ Marlene Brey

M

Maas Das unsägliche Netzwerkdurchsetzungsgesetz: ein Wortungetüm in Rechtsform gegossen. Juristisch Unausgegorenes vom Juristen. Das gut Gemeinte ist das schlecht Gemachte. Vorauseilendes Löschen, durch Privatunternehmen, ohne Rechtsgrundlage, Tilgen von Text auf Verdacht, im schlimmsten Fall auf Denunziation hin: Das wird kaum gut gehen. Vor allem, weil es alle trifft. Denn man kann sicher sein, dass auch Rechte davon Gebrauch machen. Weg also mit Heiko Maas! Und wenn ebenso die SPD vier Jahre aus der Regierung verschwindet, tut das jener einst großen Volkspartei nur gut (Schwesig). In Berlin wirbt sie mit Willy Brandt-Plakaten. Gegenwärtig der beste Mann der SPD. So tief geht der Fall. Das „Auf zum letzten Gefecht“ bekommt eine böse Bedeutung und weist auf die kommende Agonie. Aber gut: Nennen wir es Rekreation. Lars Hartmann

De Maizière Er befürwortet Vorratsdatenspeicherung, wusste wahrscheinlich lange vor allen anderen vom NSA-Skandal, findet Drohnen super und würde das Kirchenasyl am liebsten abschaffen. Trotzdem ist Thomas de Maizière, der hugenottische Reservist, Jurist und Politikveteran kein prominentes Feindbild links-progressiver Netzaktivisten und fleißiger Social-Media-User geworden. Den NSA-Skandal hat er ausgesessen, die Euro-Hawk-Affäre während seines Ausflugs ins Verteidigungsministerium ohne Schwierigkeiten überlebt. Ich bin ziemlich sicher, dass Ursula von der Leyen da schlechtere Karten gehabt hätte. Wie kann sich dieser Mensch das erlauben?

Ich vermute: Er ist so farblos, dass ihn niemand als ernsthafte Bedrohung wahrnimmt. Ein rechtskonservativer Apparatschik, der eher als Teil des Inventars denn als wichtiger politischer Akteur wahrgenommen wird. So kann de Maizière sich ungeschoren (Oppermann) von einer problematischen Äußerung zur nächsten hangeln, Polizeigewalt gegen Flüchtlinge abstreiten und als Mitglied im Präsidium des evangelischen Kirchentages das Kirchenasyl diskreditieren. Hoffentlich nicht mehr lange. Sophie Elmenthaler

O

Oppermann Wie müdes Licht durch schlecht geschliffenen Smaragd blinzt und blinkt es krumm und schief aus Thomas Oppermanns stahlblauen Augen heraus, sobald der fraktionsvorsitzende Hundehalter aus Freckenhorst im Münsterland zu einer allgemeinen sozialdemokratischen Erklärung ansetzt: „Meine Damen und Herren, liebe Freunde und Genossen …“ und so weiter scherzt es sich leicht, wenn man Thomas Oppermann heißt (Kauder). Bei jeder zweiten Gelegenheit versteckt er seine sinistre Naivität hinter einer schelmischen Wissbegier, die vor allem eins will: blenden, täuschen, tarnen, recyceln und vergraben. Thomas Oppermann ist ein Meister der Tarnung! Wer uns durch solche Augen anblickt, der sieht keine Wähler, der sieht Opfer. Timon Karl Kaleyta

P

Palmer „Ich rate aber dringend davon ab, beim ‚Mohrenköpfle‘ von Rassismus zu sprechen.“ Das führe „nicht zu gegenseitigem Verständnis“, sagte Boris Palmer (Grüne) vor vier Jahren der taz, „sondern zu Gegenwehr.“ Bei Rassismus denke er an KZ-Arzt Josef Mengele. Umweltschutz bedeutet für den Tübinger Oberbürgermeister auch Heimatschutz. Warum man überhaupt Verständnis für Rassismus haben soll, erklärt er nicht. Lieber solle man Nachsicht mit der AfD (Höcke) haben. Dafür stellt er ganz in Manier „besorgter Bürger“ Fotos von ihm verdächtig scheinenden Menschen bei Facebook ein, nur weil sie anderer als Palmers Hautfarbe sind. Das fordert Gegenwehr. Tobias Prüwer

R

Renner Die folgende Beschimpfung bräuchte mehr Platz! Zwei Begriffe fallen mir spontan ein: hinterhältig und böswillig. Tim Renner – ehemaliger Musikmanager und nach dem Peter-Prinzip zu hoch aufgestiegen in Berlin als Staatssekretär – will in den Bundestag. Er ist für die Schließung der Volksbühne verantwortlich. Ein Theater unter der Intendanz von Frank Castorf. 25 Jahre lang hielt es und spielte gut wie der Teufel. Es gibt kein Theater mit dieser Kontinuität und Tradition. Genauso gut hätte Renner den Abriss des Fernsehturms verfügen können. Da wenigstens wäre die Empörung übergekocht und man hätte jene Kulturinkompetenz, die auf den Namen Renner hört, einfach zum Stadttor hinausgejagt.
Lars Hartmann

S

Schwesig Ich kann nicht erklären, aus welchem Grund genau ich Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) mehr als manch anderen deutschen Spitzenpolitiker – ja, man muss es so deutlich sagen – aus vollem Herzen verachte. Ich versuchte, mir meine Initial-Empörung von vor ein paar Jahren noch einmal genau ins Gedächtnis zu rufen. So schwer konnte das doch nicht sein, dachte ich, und las mal schnell nach. Dabei kam nichts von Substanz heraus, doch meine Wut auf sie war echt, jeden Tag konnte ich sie spüren – was also war geschehen?

Nun, irgendetwas während ihrer Zeit als Familienministerin muss es gewesen sein, das weiß ich, aber reichten die Forderungen nach plumpen Netzsperren beim Thema Kinderpornografie und ein allgemeines Unverständnis des Internets aus für so viel Abneigung? Oder lasse ich mich wie stets von Oberflächlichkeiten wie der dezent traurigen Dusseligkeit in ihrem von blond gefärbten Haaren (Hofreiter) gerahmten Gesicht leiten? Ich erinnere mich, dass ich schon bei ihrer Beförderung zur Ministerpräsidentin wütend mit dem Kopf schüttelte und laut fluchte, da also war das Kind bereits in den Brunnen gefallen. Nein, beim besten Willen, ich kann mich nicht daran erinnern. Doch eins weiß ich ganz genau: Schwesig sollte gehen. Timon Karl Kaleyta

Z

Ziemiak Er ist mir noch nie aufgefallen und ich wünsche mir sehr, dass das so bleibt. Der Bundesvorsitzende der Jungen Union Paul Ziemiak ist ein Jahr älter als ich. Seine Augen hängen traurig nach außen hin runter, Geheimratsecken, Wangen, in die Großeltern gerne kneifen, Zahnlücke. Wie als Erwachsener verkleidet und gleichzeitig verbraucht. Ein junger Mann, der sich bequem in der Mitte fühlt (de Maizière) und „Wer zu uns kommt, muss sich auch anpassen“ twittert. Auf seinem Twitter-Account finde ich einen Clip, bei dem Ziemiak Lose zieht und ein dickes Plüsch-Einhorn gewinnt, aufgenommen beim Besuch der Cranger Kirmes, ein Rummel in Herne. Schreck, da war ich auch letzte Woche! Jetzt aber schnell: tschüss! Johanna Montanari

06:00 18.09.2017

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