Bald sind sie leer, die Getreidespeicher

Im Gespräch Die kenianische Friedensnobelpreisträgerin Wangari Maathai über ihren Kontinent im Sog der Klimawende, über Prognosen für das Jahr 2100 und ein Wort Mahatma Gandhis

FREITAG: Ein UN-Report besagt, der Klimawandel habe weltweit bereits 25 Millionen Menschen aus ihrer Heimat vertrieben. Können Sie das mit dem Blick auf Afrika bestätigen?
WANGARI MAATHAI: Die Menschen fliehen in Afrika - und das schon länger - weniger vor dem Klimawandel als vor Armut, Misswirtschaft und korrupten Regierungen. Natürlich verlassen Menschen auch ihr Land, wenn es verdorrt, versandet oder überschwemmt wird und so die Ernten immer dürftiger ausfallen. Gerade im Süden und Westen Afrikas ist damit zu rechnen, dass es noch trockener wird: Wenn die Temperaturen weiter steigen, verdampft mehr Wasser, mehr Flüsse und Brunnen versiegen. In anderen Regionen des Kontinentes, vorrangig im Osten, wird es künftig eher mehr regnen, wie wir das gerade in Uganda, im Sudan, in Burundi oder auch im Norden Kenias erleben.

Welche ökonomischen Konsequenzen könnte dies haben?
Schon bis 2020 könnte in einigen sehr stark vom Klimawandel betroffenen afrikanischen Staaten die Agrarproduktion um 40 bis 50 Prozent zurückgehen. Bis 2100 sind in einigen Regionen Einbußen um die 90 Prozent nicht ausgeschlossen. Vorzugsweise die Kleinbauern, das Rückgrat der hiesigen Agrarproduktion, werden betroffen sein. Seit Mitte der achtziger Jahren verknappen sich die verfügbaren Nahrungsmittel rapide. Außerdem dürfte sich die Malaria wieder ausbreiten und 80 Millionen Menschen oder mehr bedrohen. Sogar im kenianischen Hochland werden vermutlich wieder Moskitos fliegen. Unter diesen Umständen werden in den subsaharischen Staaten Afrikas Bürgerkriege wahrscheinlicher, in denen sich zugespitzte Verteilungskonflikte entladen. Wir müssen handeln.

Ihre Organisation "Green Belt Movement" hat gehandelt, indem sie während der vergangenen drei Jahrzehnte in Kenia gut 40 Millionen Bäume pflanzte. In welchen Zonen Ihres Land ist der Erhalt von Wäldern unabdingbar?
Genau dort, wo wir unter allen Umständen die Ökosysteme schützen müssen, die den Regen und das Grundwasser speichern. Die fünf Wassertürme - wie ich sie nenne - sind die Aberdare Range, die Cherengani Hills, der Mau Komplex, der Mount Kenia und der Mount Elgon. Wenn dort keine Bäume mehr stehen, wird das Wasser versiegen, die Ernten ausfallen, werden Tiere und Pflanzen verschwinden.

Elf afrikanische Staaten folgen Ihrem Beispiel und pflanzen derzeit gemeinsam einen mehrere tausend Kilometer breiten Waldgürtel, um die Sahara dabei aufzuhalten, weiter südwärts zu wandern. Entsteht hier so etwas wie eine Notgemeinschaft?
Auf jeden Fall eine hervorragende Partnerschaft: Die Staaten, die an die Sahelzone grenzen, pflanzen von Senegal im Westen bis Djibouti im Osten Millionen von Bäumen. Die Wüstengebiete breiten sich freilich nicht nur aus, weil die Sahara nach Süden wandert, sondern weil auch in den betroffenen Staaten selbst die Erde von Wasser und Wind abgetragen wird. Um so mehr müssen die Wälder geschützt werden - ob mit oder ohne Klimawandel. Der beschleunigt diesen Verlust an Vegetationszonen natürlich zusätzlich. Ich habe daher eine Kampagne für das Aufforsten von einer Milliarde Bäume gestartet - jeder sechste Erdenbewohner müsste einen Baum pflanzen. Leider werde ich da nur teilweise erhört: Es beteiligen sich zu wenige Regierungen aus Afrika.

In einigen Gegenden werden Wälder nicht aufgeforstet, sondern abgeholzt. In Zentralafrika etwa, auch in Indonesien und Brasilien. China hingegen forstet auf ...
Was nützt es, wenn die Chinesen bei sich zu Hause Bäume pflanzen und chinesische Firmen am Holzeinschlag im kongolesischen Urwald oder in Südostasien verdienen. Als Weltgemeinschaft müssen wir noch lernen, unsere Gier und unsere Selbstsucht zu zügeln. Mahatma Gandhi hat einmal gesagt: Wir haben genug für das, was jeder Mensch braucht, aber nicht genug für das, was jeder Mensch gern hätte.

Und Sie haben erklärt, die Umwelt könne nur geschützt werden, wenn sich die Lebensbedingungen der Menschen verbessern.
Ja, weil Menschen die Natur zerstören, um überhaupt leben zu können: Sie brauchen Energie - sprich: Feuerholz - deswegen fällen sie Bäume. Andererseits ist Afrika - nimmt man nur die CO2-Emission - am wenigsten für die Klimaverwerfungen verantwortlich, hat aber schon jetzt mehr als andere Kontinente damit zu tun. Für uns ist das eine existenzielle Herausforderung.

Das Gespräch führte Dirk Friedrich Schneider

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