Barbaren-Liebe

PUTIN UND DER WESTEN Ehrbare Erben

Warum schweigen die nimmermüden Empörer? Muss im Westen nicht kraftvoll geschrien werden? Der Tschetschenen-Schlächter, der Kriegsverbrecher, der Brandstifter, der KGB-Apparatschik wird vorerst nicht nach Den Haag vors Tribunal verbracht - Wladimir Putin darf einstweilen im Kreml Quartier nehmen. Vermag Russlands neue Barbaren nichts mehr aufzuhalten? Nicht einmal ihr Krieg im Kaukasus, dem der Westen mit einer um keinen Meter weichenden Heimatfront aus Redaktionskonferenzen, Schneideräumen, Feuilletonspalten und Sonntagsreden todesmutig Paroli bietet? - Liegt es daran, dass die neuen Barbaren um Empfehlungen nicht verlegen sind? Immerhin dankt Präsident Putin seinen unaufhaltsamen Aufstieg dem Ratschluss eines Mannes, der seit dem 31. Dezember 1999 einmal mehr als Galionsfigur der russischen Demokratie durch mediale Abschiedsweisen geistert. Überhaupt, ist hier und da außerhalb Russlands nicht ein Hauch von Trauer über den jähen Absprung - vielleicht gar Rausschmiss - des unnachahmlichen Patriarchen spürbar, der soviel für ein im Westen hochgeschätztes Russland-Bild geleistet hat? Kann es die Trauer mildern, dass der Monarch ein respektables Erbe, vor allem aber respektable Erben hinterlässt, die als neue Barbaren die Aura von Verlässlichkeit und patriotischer Hausmeisterei der alten à la Jelzin umgibt? Neue Barbaren, die der (bürgerlichen) Mitte eine Bresche schlagen, denen muss um Reputation nicht bange sein. Die Reaktionen in Washington, Berlin oder Paris auf des Premiers vorläufige Thronbesteigung durchzieht verhaltener Respekt. Reaktionen, die ihrerseits um Verlässlichkeit bemüht sind - um Signale für die unerschütterliche Kontinuität einer nur in ihrer Doppelzüngigkeit konsistenten Russland-Politik, die sich ebenfalls respektabler Erbschaften zu versichern weiß. Denn auch künftig wird sich der Westen schon um seiner selbst willen in einem von Feidseligkeit und überliefertem Antisowjetismus geprägten Russland-Bild spiegeln, das je nach Bedarf hausbacken oder denunziatorisch oder beides ist. Dient es doch - nicht zuletzt unter vielen Linken - dem heiligen Zweck, eigene kulturelle Noblesse auszukosten und in zivilisatorischer Mission auf ein Abstandsgebot zu achten: Russland führt schließlich einen "unmenschlichen Krieg" im Nordkaukasus. Für den peinlichen Pleonasmus entschädigt der "menschliche Krieg", den die NATO gegen Jugoslawien zu meistern verstand.

An diesem Sud aus moralsüchtiger Eigenliebe und abendländischem Hochmut darf sich die andere, die realitätsversessene Russlandpolitik gelegentlich die Finger verbrennen oder wärmen - je nachdem, ob gerade Präsidenten zu hofieren oder aber deren Kriege zu verdammen sind. Ausgestattet mit dem Law-and-Order-Genom ist diese Politik dem Westen nicht minder auf den Leib geschrieben als die beschriebene Bigotterie. Sie sorgt sich um Nuklearpotenziale, eine domestizierte Integration Russlands in die Weltökonomie, Reformen und Rechtsstaatlichkeit - kurzum: Sie sorgt von außen für Stabilität des um sich selbst ringenden Imperiums. Und sie kann zuweilen so deutlich sein, dass ein US-Präsident während des ersten Tschetschenien-Krieges Boris Jelzin mit Abraham Lincoln vergleicht, der sich gleichfalls staatsgefährdender Sezession zu erwehren hatte. Dieses Credo dürfen die neuen Barbaren à la Putin als Empfehlung der Gegenseite nehmen: Willkommen im Klub.

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00:00 07.01.2000

Ausgabe 42/2021

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