Bataille der Bastarde

Elsa Castro, Abgeordnete der Regierungspartei "Movimiento Quinta República" (MVR), über den alltäglichen Rassismus und die "Bolivarianischen Zirkel" als soziale Basis der Chávez-Regierung

FREITAG: Empfinden Sie es als Problem, dass sich in Venezuela zur Zeit fast alles auf die Person von Präsident Chávez konzentriert?
ELSA CASTRO: Es ist ein Problem, aber ich weiß, dass ich nicht einem Mann folge, sondern bestimmten Idealen. Chávez wird von der Bevölkerung geachtet, weil er eine Ehrlichkeit verkörpert, die Vertrauen erzeugt. Die venezolanische Linke hat über Jahre versucht, sich zu vereinen, aber es fehlte stets eine Person, die diese Einheit repräsentieren konnte. Chávez besaß diese Autorität, weil er zu den Militärs gehörte, die nach 1989 oppositionell wurden, als die Armee den Befehl erhalten hatte, einen Volksaufstand niederzuschlagen. Dabei wurden fast 3.000 Menschen getötet. Aber es wird vieles unternommen, um einen Chávez-Kult zu vermeiden. Aus den "Bolivarianischen Zirkeln" sind viele Leute nachgewachsen.

Über diese Zirkel ist wenig bekannt, auf welche Idee geht ihre Gründung zurück?
Auf die Vorstellung, dass Volk als Teil der kulturellen und sozialen Balance Venezuelas zu betrachten. Deshalb wurde es auch als Subjekt in der neuen Verfassung definiert, deshalb entstanden die "Bolivarianischen Zirkel". Es gibt zur Zeit etwa 20.000, in denen mittlerweile 2,5 Millionen Venezolaner organisiert sind. Sie sollen Eigenverantwortung fördern, vor allem der Haltung entgegenwirken: "Die Regierung tut nichts, die Regierung gibt mir nichts..." Die Leute sollen fragen: "Was tue ich, damit etwas geschieht?".

Womit beschäftigen sich die Zirkel?
Zum Beispiel stellen sie fest: Wir haben keine Schule und kein Hospital im Viertel, aber Mauerer, Schreiner, Näherinnen, Lehrerinnen. Also schaffen wir uns selbst, was wir brauchen, und bilden Dienstleistungskooperativen, die der Staat finanziert, anstatt irgendwelche Unternehmen zu bezahlen. So lässt sich mit dem bürokratischen Apparat die Korruption abschmelzen, da sich alles auf der überschaubaren lokalen Ebene abspielt.

Es wird zur Zeit auch mit rassistischen Argumenten gegen Chávez und seine Anhänger mobilisiert. Sie werden als "Schwarze, Indianer und Pöbel" bezeichnet. Hinterlässt das Wirkung?
In Venezuela gab es immer eine rassistische Diskriminierung, bis in die Vorabendserien des Fernsehens hinein. Dort verkörpern eben Schwarze stets das Dienstpersonal, das setzt sich über die Werbung und Nachrichtensendungen fort. Früher hat es niemand riskiert, dagegen zu protestieren, weil dann sofort mit Repressalien zu rechnen war.

Und heute?
Heute finden beispielsweise in den Theatern Aufführungen für das Volk statt. Daraufhin geht die Oberklasse dort nicht mehr hin, weil sie nicht neben dem Pöbel sitzen will. Und dieser sozial gefärbte Rassismus richtete sich immer schon auch gegen Chávez, weil der schwarze und indígene Vorfahren hat und dazu steht. Bei den Demonstrationen der Rechten werden Anhänger der Regierung gern als "Bastarde" bezeichnet.

Warum arbeiten Sie in der Parlamentskommission für "Familie, Frauen und Jugend"?
Ich bin dort, um für ein Gleichstellungsgesetz zu streiten, das sich mit familiärer Gewalt, dem Recht auf Ausbildung, Arbeit und politische Teilhabe beschäftigt. Darin soll endlich auch Hausarbeit als Tätigkeit bewertet werden, die vom System der sozialen Sicherheit erfasst ist. Es entstand bereits eine "Frauenentwicklungsbank", die Kredite an Frauen aus ärmeren Schichten vergibt, damit die kleine Unternehmen gründen können.

Das ist nicht unumstritten.
Ja, weil wir für einen verantwortungsvollen Umgang mit Geld sorgen, den es früher kaum gab. Das ist ja einer der Gründe für die Krise, in der sich Venezuela befindet. Bisher haben die etablierten Parteien vorzugsweise ihre Gefolgschaft mit großzügigen Krediten und Geschenken versorgt.

Das Gespräch führte Dario Azzellini

00:00 20.12.2002

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