Bei Kaffee und Tilsiter

Sachlich richtig Von der Autobahnraststätte nach Sizilien, um bei der Modegrafik der DDR zu landen: Sechs Bücher auf einmal besprechen, das kann nur einer: unser Prof. Dr. Schütz
Bei Kaffee und Tilsiter
Eine ebenso überraschende wie opulente Zeitreise in die DDR, genauer zu deren Modegrafik zwischen 1960 und 1990, bietet der Band „Zwischen Schein und Sein. Ostdeutsche Modegrafik 1960 – 1990“

Foto: Frank Sorge/IMAGO

Wer rastet, rostet. Oder oxidiert. Oder gibt zu viel Geld für Ungenießbares aus. Jedenfalls sagt man das über viele deutsche Autobahnraststätten. Auch Florian Werner ist mit dem Gebot aufgewachsen, dort das Speisen zu meiden. Nun hat er sich als Kundschafter dorthin aufgemacht. Seit dem ersten Rasthof in frühen Nazizeiten, am Chiemsee, für den „Führer“ parat gelegen, ist die Zahl auf heute circa 450 angewachsen, von denen 95 Prozent in der Privathand von Tank&Rast sind, aber infrastrukturell von Steuerzahlenden alimentiert werden. Denn der Staat bekommt weniger raus, als der Sanifair-Benutzer auf seinem Bon vorfindet. Nun hat der Autor sich nicht der Mühsal unterzogen, über sie alle einen Raststätten-Führer zu liefern, sondern hat sich eine herausgepickt: Garbsen Nord (an der A2 bei Hannover), ein lokaler Nicht-Ort von „hinreißender Durchschnittlichkeit“. Und siehe da, von hier aus, vom Motel und der Küche über Toiletten, Parkplätze bis zu Lkw-Fahrern und Autobahnpolizisten, entfaltet sich ein ganzer Kosmos. So werden wir die Geschichte der deutschen Raststätten von damals bis heute ebenso gewahr wie die erstaunlich vielfältige Zusammensetzung der Biotope von Garbsen.

Solange man nicht nach Sizilien hinkommt, kann man über die lesen, die von dort nur durch Tod oder Emigration entkamen: Leonardo Sciascias Tag der Eule, 1964 auf Deutsch erschienen, noch immer bei Wagenbach lieferbar, gilt als erster Mafia-Krimi. Er hat bis heute nichts an Wucht verloren. „Beunruhigungsromane“ schrieb er, in denen Sizilien so präsent war wie die Aussichten düster; am Ende ging es gegen die Verquickung von Politik und Mafia nie gut aus. Auch in seinen Berichten und Erzählungen, entstanden aus seinen Erlebnissen als Volksschullehrer, nüchtern wie ein Rapport, doch umso leidenschaftlicher, ist die Insel eine spröde Geliebte, die er selbst mit Widerspenstigkeit umwarb. Die fiktive Gemeinde Regalpetra ist Ort seiner Erzählungen, die erstmals 1956 erschienen, 2002 deutsch als Salz, Messer und Brot, nun in einer Auswahl: Einmal in Sizilien. Könnte ebenso meinen: Einmal und für immer wie „Es war einmal“. Kein von den Besuchern idealisiertes Sizilien, eine Gegend von Kinder- und Elendsarbeit in Schwefelgruben, bei kargen Löhnen, Krankheit, zwangsweiser Emigration einerseits, ungerührte und unfähige Obrigkeiten, pompöse Verlogenheiten, ja, und die Mafia.

Dies Buch hat im Zentrum eine in ihrer Zeit schillernde, angefeindete Figur, Kosmopolit, der Chauvinismus für ignorant hielt, Mann des medizinischen Fortschritts, der die Gynäkologie zu einem ernst zu nehmenden Fach machte. Franzose, kein Katholik, Kunstsammler, Ästhet: Dr. Samuel Pozzi (1846 – 1918). Den chauvinistischen, antisemitischen Zeitgenossen ob seiner Weltläufigkeit ein Dorn im Auge, als Frauenarzt ihnen im Verdacht eines notorischen Verführers. Ein Porträt zeigt ihn im knallroten Hausrock, mit weißen Spitzenjabots und dekorativ arrangierten Künstlerfingern. Davon ausgehend, unternimmt Julian Barnes eine Zeitreise in die Belle Epoque, durch die Literatur, zu Autoren, ihren Figuren und deren realen Vorbildern. Oscar Wilde, Robert de Montesquiou, Joris-Karl Huysmans, Marcel Proust, George Sand, Sarah Bernhardt, Colette u.v.a. An einer Zeit, in der exzentrische Figuren zu solchen der Weltliteratur wurden, studiert er, wie große Literatur sich aus der Beobachtung realer Figuren speist, deren Leben von Gerüchten, über ihre sexuellen Vorlieben zumal, unablösbar umwoben war, sich von ihren fiktiven Widergängern kaum noch scheiden ließ.

In Rekonstruktion der Beziehungen und Behauptungen, spekulativer Füllung der Lücken bei unentwegter Prüfung von Fakten auf Fiktionen, von Fiktionen, die zu Fakten wurden, erzeugt er selbst virtuos ein Gewebe, das zeigt, wie unsere Realität funktioniert – als Konstruktion aus angenommenen Wirklichkeiten und hingenommenen Fiktionen. Merksatz: „Wer zu Verallgemeinerungen über die conditio humana neigt, sieht seine Wahrheiten oft durch den störrischen Individualismus der Realität umgestoßen.“

Getreulich sammelt Christoph Dieckmann seine Reportagen für die Zeit und übergibt sie dem Publikum zur dauerhafteren Aufbewahrung im eigenen Inneren, auf dass es nachdenklicher und Gott und der Welt wohlgefälliger werde. Diesmal, in seinem elften Buch, sind es die Stationen zweier Wege, auf die er verlockt: Der eine führt in – zumindest zeitlich – aufsteigender Linie von Aachen und Karl, dem eisernen Einiger, über Wittenberg zum Judenhasser Luther, Münster und Osnabrück zum Westfälischen Frieden, zur Walhalla bei Regensburg, zur Siegessäule in Berlin, zur „Kolonialhauptstadt“ Hamburg und das München der Räterepublik, schließlich – was die lange Bauzeit angeht – zum „Kölner Dom des Kommunismus“, der MEGA. Der zweite Weg geht gen Osten. Beginnend mit einer bedrückenden Winterreise ins polnische Chełmno, führt nach Moskau, St. Petersburg, Georgien, Albanien, um im Tross von Winfried Kretschmann Japan und Korea zu besuchen. Das sind historische wie landeskundliche Crashkurse ebenso wie wohltuend wägende Menschenbeobachtungen. Vorher muss man allerdings einen dritten Weg gehen – entlang am Lebensweg des Autors. Der umfasst die Hälfte des Bandes. Hatte doch sein voriger Band, Mein Abendland, schon eine ebenso lange autobiografische Einführung gehabt, fragt man sich bang, was da noch zu erzählen wäre. Tatsächlich sind alle Zutaten wieder dabei, das heimische Pfarrhaus, das Leben als Filmvorführer, nebst Filmreminiszenzen, natürlich Fußball, Rockmusik und der Osten, der vergangene Osten, der jetzige Osten. Aber man liest es wieder gern, weil es von einem ebenso klugen wie anteilnehmenden Menschen- und Umweltbeobachter stammt. Gäbe es die DDR, wäre er dort vom Alter her jetzt „reisemündig“; möge er es noch lange auch ohne diese bleiben!

Welch Welten liegen zwischen dem Robert Walser in Carl Seeligs Buch über seine Wanderungen mit diesem, das 1957 zuerst erschien, und dem Robert Walser aus heutiger Sicht: damals ein geheimes Erkennungszeichen von wenigen Literaturenthusiasten, zumal seit er bis zu seinem Tode 1956 für Jahrzehnte in der Anstalt Herisau sekretiert blieb, und dem, der in keiner Literaturgeschichte mehr fehlt, dessen Werk kaum noch zu zählende Dissertationen stimuliert hat und dem sich die wohl regsamste Literaturgesellschaft der Schweiz widmet, dessen Werke derzeit in zwei unterschiedlichen, je für sich höchst gediegenen Ausgaben herausgebracht werden. Nun ist Seeligs Wander-Buch neuerlich erschienen, zurückversetzt in seine ursprüngliche, dank seiner angenehmen Helvetismen zugleich knorrigere Form, durch Fotos, Kommentare und ein brillantes Nachwort ergänzt.

Seelig, der dank eines großzügigen Erbes seit 1917 seinen literarischen Neigungen nachgehen konnte, hat sich um Werkeditionen etwa von Büchner oder Novalis gekümmert, besonders in den Vierzigern um mittellose Emigranten, half zum Beispiel Alfred Polgar finanziell aus. Robert Walser war er schon früh auf der Spur, traf ihn aber erst 1936 in Herisau. Nach und nach wurde Seelig zu Walsers Werkverwalter, der freilich für das, was uns heute noch immer begeistert, für das feuilletonistische Werk, weniger Gespür hatte.

Seelig begleitet den rastlosen Wanderer auf unzähligen Gängen. Walser hatte ohnehin keinen Grund für sich mehr gesehen, die Heilstätte zu verlassen, denn, sagte er Seelig 1944, seine Welt sei von den Nazis zerstört worden, die Zeitungen, die ihn druckten, eingegangen, die Redakteure verjagt oder verstorben. Beim gemeinsamen Spazieren und Gespräch, bei gelegentlich „vorzügliche(m) Kaffee und rezente(m) Tilsiter“, entwickeln beide Walser als einen Autor, der keineswegs der versponnene afterromantische Kleinpoet, sondern ein höchst selbstreflexiver Moderner war.

Diese Buchvorstellung ist jetzt eine Unverschämtheit, nämlich ein notgedrungen karger Buchstabenhinweis auf unglaubliche Bildschätze, sprühende Einfälle, kühne Formen und überwältigende Farben. Doch ist das hier ein geradezu flehentlicher Hinweis auf ein im mehrfachen Sinne gewichtiges Buch, eine ebenso überraschende wie opulente Zeitreise in die DDR, genauer zu deren Modegrafik zwischen 1960 und 1990. Hochbegabte Entwürfe. Welch Utopie! Unglaublich, dass das überhaupt möglich war. Wenn nur ein Hauch davon auf die Wirklichkeit abgefärbt hätte …

Info

Die Raststätte. Eine Liebeserklärung Florian Werner Hanser 2021, 192 S., 22 €

Einmal in Sizilien Leonardo Sciascia Sigrid Vagt (Übers.), Wagenbach 2021, 144 S., 18 €

Der Mann im roten Rock Julian Barnes Getraude Krueger (Übers.), Kiepenheuer & Witsch 2021, 304 S., 24 €

Woher sind wir geboren. Deutsche Welt- und Heimreisen Christoph Dieckmann Ch. Links 2021, 272 S., 22 €

Wanderungen mit Robert Walser Carl Seelig Lukas Gloor, Reto Sorg und Peter Utz (Hrsg.), Suhrkamp 2021, 253 S., 22 €

Zwischen Schein und Sein. Ostdeutsche Modegrafik 1960 – 1990 Ute Lindner (Hrsg.) Lehmstedt 2020, 240 S., 58 €

Erhard Schütz war bis 2011 Professor für Neue Deutsche Literatur an der Berliner Humboldt-Universität. Für den Freitag schreibt er einmal im Monat die Kolumne Sachlich richtig, eine konsequent verknappte, höchst subjektive Auswahl von Sachbüchern, die man unbedingt lesen sollte

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

06:00 20.03.2021

Ausgabe 31/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 1