Beziehungspflege statt Anti-Terror-Kampf

Im Gespräch II Der Buch-Autor Christoph Hörstel über verkehrte Geheimdienst-Welten in Pakistan und Taliban-Führer mit Verhandlungsmandat

FREITAG: Sind die Übergriffe von US-Truppen auf pakistanisches Territorium ein Indikator für die Ausweitung des Afghanistan-Krieges?
CHRISTOPH HÖERSTEL: Die Amerikaner folgen sowohl in Pakistan wie in Afghanistan einer Eskalationsstrategie, um die Region zu beherrschen. Sie haben kein Interesse an der Stärkung der Zentralmacht, weder in Kabul noch in Islamabad. Denn die könnte dann ja auf die Idee kommen, mehr Wert auf eigene Souveränitätsrechte zu legen und das Verbleiben der USA in der Region in Frage zu stellen. Deshalb werden Afghanistan und Pakistan unterminiert. Zu dieser Strategie gehört, dass die CIA über pakistanische Geheimdienste die Taliban wie auch al-Qaida unterstützt.

Das klingt wenig glaubwürdig.
Wird aber durch eine hochrangige Quelle im Berliner Kanzleramt vollauf bestätigt. Wer die Erscheinungsformen des Terrormanagements betrachtet, wird alles besser verstehen: Beispielsweise werden absichtlich Führer von Taliban und al-Qaida nicht verhaftet. Große britische und US-Medien berichten häufig darüber - in Deiutschland hören wir fast nichts darüber. Oder: In Afghanistan stützt sich die NATO besonders auf die Luftwaffe, obwohl Kollateralschäden wegen des paschtunischen Rachegebots zwangsläufig die Bevölkerung in den Widerstand treiben. Schließlich gibt es glaubwürdig berichtete Unterstützungsleistungen des pakistanischen Geheimdienstes ISI für die Taliban - bis hin zu Aufklärung, Nachschub und Unterschlupf. Deren wachsender Widerstand macht es dann leichter, in der Bevölkerung der NATO-Staaten die Motivation für eine steigende Truppenpräsenz am Hindukusch zu erhöhen.

Und die pakistanischen Geheimdienste spielen mit, bei dem, was sie eingangs geschildert haben?
Ja, und zwar sowohl der mächtige Militärgeheimdienst ISI wie auch das zivile IB, das Intelligence Bureau (IB), eigentlich ein Inlandsdienst. Beide unterstützen die islamische Bewegung, darunter auch al-Qaida-Gruppen. Keiner von beiden - weder der ISI noch das IB - kann viel unternehmen, ohne dass die US-Geheimdienste davon erfahren. Das heißt jedoch nicht, dass alles nur im Interesse der USA geschieht. Pakistanische Militärs und Geheimdienste vertreten durchaus auch Eigeninteressen, ebenso wie manche ihrer Agenten. Das führt immer wieder zu Konflikten, so gab es Anfang der neunziger Jahre und nach dem 11. September 2001 mehrere von der CIA initiierte und vom britischen MI 6 begleitete Säuberungen beim ISI.

Gibt es keinen pakistanischen Politiker, der sich dem entgegen stellt?
Nein, weder der gerade gewählte Präsident Alif Ali Zardari von der Volkspartei noch sein Kontrahent Nawaz Sharif von der Muslimliga werden sich je grundsätzlich den Interessen der USA widersetzen können, was Konflikte nicht ausschließt. Beide sind durch ihre Vorstrafen erpressbar. Sharif, der lange Jahre im saudi-arabischen Exil lebte, gilt auch als Anwalt saudischer Interessen.

Welche Rolle spielen in diesem Interessengeflecht die pakistanischen Taliban, von denen man jetzt immer häufiger hört?
Die traten 2006 in der Bewegung TTP zunächst als Mitunterzeichner des Nord-Waziristan-Abkommens an die Öffentlichkeit. Dieser Vertrag wurde von der pakistanischen Regierung mit den Taliban und lokalen Kräften geschlossen, angeblich um die Kämpfe in der Region zu beenden, tatsächlich erhielten die ermatteten Afghanistankämpfer ein ruhiges Winterquartier. Inzwischen ist der pakistanische Talibanführer Beitullah Mehsud zum Verhandlungspartner der Regierung aufgestiegen. Dabei geht es offiziell um die Stabilität im Land, doch wollen das die USA nicht und raten zur Gewalt. Die Attentate, die im Augenblick Pakistan erschüttern, gehen oft auf das Konto der TTP. Die New York Times hat jüngst über die Verbindung Beitullah Mehsuds zum ISI offen berichtet.

Wie ist das Verhältnis der pakistanischen zu den afghanischen Taliban?
Als die TTP erstmals auftrat, gab es Differenzen mit dem afghanischen Pendant. Die dürften ausgeräumt sein, seit Beitullah Mehsud die Oberhoheit von Mullah Omar, des Oberhauptes der afghanischen Taliban, ausdrücklich anerkannt hat.

Das Gespräch führte Peter Nowak

Christoph Hörstel war über viele Jahre Fernsehkorrespondent für Afghanistan sowie Pakistan. Er war Coach für ISAF-Führungskräfte und Gastdozent am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik (IFSH) in Hamburg. In dieser Woche erscheint im Kai Homilius Verlag sein neuestes Buch: Brandherd Pakistan - wie der Terrorkrieg nach Deutschland kommt.

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