Blüten

A–Z Falschgeld brachten schon die Nazis in Umlauf, und eine Ost-Mark nachzumachen, war aufwendig, aber freilich brotlos. EIn Lexikon mit Tscherwonzen, Bienen und Hawaii
Redaktion | Ausgabe 14/2017 1
Blüten

Foto: Keystone/Getty Images

A

Aufklärung Irgendwann kommt die Kinderfrage, wie das so funktioniert mit dem Kindermachen. Man könnte das nun einfach und sachlich erklären ( Zweitmeinung) oder sich Janoschs Klassiker für Kleinkindeltern Mutter sag, wer macht die Kinder? (2003) holen.

Manche Leute greifen noch immer auf einen botanischen Blödsinn der 1950er zurück: die Geschichte des fidelen Bienchens, das sich durch die Gärten der Welt summt, von Blüte zu Blüte, angelockt durch betörende Nektardüfte, und mit dem Staub der einen den Stempel der anderen bestäubt. Alles klar? Na ja, ein paar Fragen bleiben offen, zum Beispiel nach der konkreten Rollenverteilung in dieser krummen Analogie, ob das Ganze eigentlich Spaß macht und wie es mit Verhütung aussieht. Vielleicht sollte man sich einfach erst den Klassiker der R&B-Gruppe Salt ’n’ Pepa reinfahren und sich dann ein Herz für Klartext nehmen. Mit Let’s talk about sex könnte Schwung reinkommen. Benjamin Knödler

B

Bienen Die Biene, jene unermüdliche Pollensammlerin, gilt als fleißiges Insekt. Nur folgerichtig erhalten Kinder in der Schule Fleißbienchen, wenn sie eifrig sind. Marxismus-geschulte Querköpfe werden in der Biene allerdings völlig zu Recht ein Propagandavehikel erkennen, leistet sie ihren Dienst doch in Leibeigenschaft einer eigennützigen Königin. Aufklärungspotenzial, über die Mechanismen der Monarchie hinaus, hat die Sache mit den Bienen jedenfalls nicht. Die Biene produziert keinen Samen; sie und ihre fleißigen Glieder sind lediglich Vehikel zur Übertragung von Blütenstaub auf Stempel. Nonchalant betreibt sie dabei auch noch Polyamorie (Aufklärung). Einen Mehrwert erzeugt sie trotzdem, indem sie transportiert, was andere produzieren. Sie ist im Grunde ein natürliches Logistik- und Speditionsunternehmen. Deswegen auch die schwarz-gelbe Uniform. Marlen Hobrack

D

DDR-Falschgeld Das ist die spannende Geschichte von obsessiven Typen, welche die Blüten selbst zeichneten, aber auch jene von Profi-Fälschern. Aufgeschrieben hat sie Peter Leisering in Falschgeld in der DDR (2014). Die Imitate der Ost-Mark waren zum Teil aufwendige Handarbeiten, wie etwa jener Hunderter eines Jugendlichen, der sechs Wochen an dem Schein gezeichnet hatte, um sich damit eine Klarinette zu kaufen. Leider flog er auf.

Fälschungen gab es schon seit 1948 – zum Teil gefertigt mit Wasserfarben und Filzstiften. Der Wirtschaftshistoriker Peter Leisering fasst in seinem Buch die interessantesten Fälle zusammen. Manche Blüten erstaunen in ihrer dreisten, rohen Plumpheit – andere in ihrer künstlerischen Raffinesse (Stil), wie etwa die überaus akribischen Werke eines Kunstmalers aus Halle. Mittelmäßige, gedruckte Blüten gab es auch, über die zu lesen genauso interessant ist wie über obskure Münzen, die aus Lötzinn gefertigt wurden. Seit den 1950er Jahren kaprizierte man sich eher auf die Westmark. Insgesamt, so Leisering, wurden in der DDR etwa 12.000 Banknoten im Wert von 250.000 Mark gefälscht. Marc Peschke

E

Endzeit Linke Optimisten meinen, wir leben in der Endzeit des Kapitalismus. Das radikale Denkerkollektiv Tiqqun interpretiert dessen Lebensabend anders: Die Gesellschaft dämmert weg, Beliebigkeit grassiert, die klassische Politik als Aushandeln von Interessen ist tot. „Bloomifizierung“ nennen die französischen Theoretiker das, nach Leopold Bloom, dem Protagonisten von Ulysses. Dem Namen nach heißt er „blühen“, der Vater noch trug den russischen Namen für Blume. In seinem Roman lässt James Joyce Bloom durch Dublin mäandern, kopflos dem spontanen Gedankensprießen folgend. Tiqqun nimmt die Figur in Theorie vom Bloom als Beispiel für die unpolitischen identitätslose Masse. Tobias Prüwer

G

Gourmet Blüten sind lecker und gesund. Gänseblümchen, Holunder und Mohn sind den meisten bekannt. Sowie Jasmin, Lavendel und Löwenzahn. Aber auch Chrysanthemen, Rosen, Stiefmütterchen und Veilchen verwenden Gourmets gern. Ob karamellisiert oder getrocknet, sie eignen sie sich nicht nur zur Verzierung (Hawaii), sondern sind nahrhaft und schmecken hervorragend.

Bei der Experimentierfreude ist allerdings Vorsicht geboten, denn nicht alle Blumen können getrost verspeist werden. Bei einigen droht Vergiftungsgefahr, wie beim Fingerhut. Von Maiglöckchen, Oleander und Tollkirschen sollte man auch die Zunge lassen. Katharina Fink

H

Hawaii Sechs verschiedene Arten gibt es, wie man auf Hawaii Blüten zu Leis – Blütenkränzen – binden kann: winden, flechten, knoten, nähen. Als eine Art blumengewordene Pralinenschachtel wird eine frischgeknüpfte Lei Gästen und Freunden als Symbol von Harmonie und auch zum Dank überreicht. Bis zu 1000 Blüten werden für eine einzige Lei verwendet.

Jede der sechs Inseln hat eine Hauptblüte, Maui etwa die „Himmelsrose“ Lokelani. Die taufeuchten Blumen wiegen schwer wie ein Joch und der Blütenduft kann betäubend wirken. Doch eine Lei abzulehnen ist ein grober Verstoß gegen den guten Ton (Stil). Immer am 1. Mai wird auf Hawaii der „Lei Day“ begangen: der Feiertag der Blumenkette. Doch die lokale Blütenernte erlebt historische Tiefstände, die Blumenfarmen auf den Inseln schließen. Vor allem die Orchideen für die traditionellen Kränze werden inzwischen aus Asien importiert – obwohl sie dort viel weniger duften. Susann Sitzler

N

Novalis Das berühmteste Sinnbild der Romantik schuf Novalis mit der blauen Blume. Sie taucht im Heinrich von Ofterdingen auf, dem Jüngling erscheint sie im Traum, sie wird gesucht und zum Symbol für Ich-Bildung. Die Blume ist bekanntlich die Metapher für das dichterische Wort. Dass es flüchtig ist (Endzeit), fragil und dem Zerfall preisgegeben, darauf deutet der Titel seiner Fragment-Sammlung Blüthenstaub. Philosophie und Poetik in einem. Es strebt der Mensch, solang er lebt, und zwar nach dem Willen der Romantik ins unendliche Welt- und Selbstverhältnis: Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren / Sind Schlüssel aller Kreaturen / Wenn die, so singen oder küssen, / Mehr als die Tiefgelehrten wissen“.

Liebeszauber statt leerem Wissen, schöne Blumenstücke. Im Realen jedoch gerieten Novalis diese Blumen zum dornigen Pfad. Seine erste Liebe verschied mit 15 Jahren. Ebenso war Novalis dieses Spiel des Lebens und Liebens nur kurz vergönnt. Er starb mit 28. Lars Hartmann

O

Ominös Es sollte vermutlich ein besonderer rhetorischer Kniff sein, als der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl im Juli 1990 von „blühenden Landschaften“ (Hawaii) sprach, in die sich die neuen Bundesländer verwandeln würden und in denen es sich wieder „zu leben und zu arbeiten“ lohnen werde. So blumig die Worte, so ominös blieben die blühenden Landschaften. Wohl längst nicht alle Bürger Ostdeutschlands dürften die Jahre danach als sonderlich florierend empfunden haben. Immerhin reichte es für einige schöne Fotos restaurierter Städte, die 1998 die CDU-Wahlkampfplakate zierten – Motto: „Blühende Landschaften wählen“. Genützt hat es Kohl nicht. Doch sein Sprachbild ist seitdem ein Bezugspunkt der politischen Rede in Deutschland. Benjamin Knödler

S

Staatskohle Im Amtsdeutsch steht „Blüten“ nicht für Falschgeld, sondern für Spielgeld wie in Gesellschaftsspielen. Amtlich wurde auch Geld gefälscht. Blüten im Staatsauftrag ließen beispielsweise die Nationalsozialisten herstellen. In der sogenannten Aktion Bernhard sollten Pfundnoten der Bank of England produziert werden. Man zog hierzu Zwangsarbeiter in Konzentrationslagern heran. Einerseits konnte das „Dritte Reich“ seine Devisennot lindern. Andererseits sollte der Markt in Großbritannien überflutet werden, was zu einer Inflation geführt hätte. Um kurz vor Einrücken der alliierten Armeen alle Spuren zu beseitigen, wurden die Blüten im österreichischen Toplitzsee versenkt. Staatliches Geldverfälschen ist weitverbreitet: Die von Notenbanken vorgenommene Abwertung (ominös) eines Geldwerts ist im Grunde genommen nichts anderes. Nur, dass das legale Praxis ist. Tobias Prüwer

Stil hat man oder man hat ihn nicht. Als Stilblüte bezeichnet man die tolpatschige Verwendung von Plattitüden. Idiome, dialektale Einfärbungen und simple Fehler formen das, was man individuellen „Stil“ zu nennen pflegt.

Sie, lieber Leser, ahnen das kaum, aber die redigierende Redakteurin dieser Zeilen muss allerhand Sprachschludrigkeiten beheben, glätten und einebnen. Zwischen genialischer Wortschöpfung und schlechtem Sprachgebrauch verläuft meist nur eine dünne, also sehr feine Linie. Ist halt so, kommt freilich vor, man kennt das, you name it. Apropos: Wer kennte noch den korrekten Konjunktiv (Novalis)? Und sind wir nicht alle facebook-versaut vom ständigen Posten und Liken? Vor allem wird anglifiziert, bis sich die Balken biegen, auch da, wo es keinen Sinn macht. Tschuldigung: Ergibt. Marlen Hobrack

T

Tscherwonzen Wie kann man ein Regime stürzen? Georgische Nationalisten hatten eine ungewöhnliche Idee: 1927 wollten sie die junge Sowjetunion mit Falschgeld (Staatskohle) überschwemmen, eine Inflation auslösen und so das Land schwächen. Die Falschmünzer arbeiteten von Deutschland aus und ließen hier Tscherwonzen (10-Rubel-Scheine) drucken. Das Ganze flog aber schon auf, als erst um die 13.000 Blüten im Umlauf waren. Moskau forderte Aufklärung – für Berlin ein heikles Unterfangen. Die Exilanten kooperierten mit der politischen Rechten. Außerdem gab es 1926 mehrere Treffen mit dem deutschen General Hoffmann, der einen Aufmarschplan gegen die Sowjetunion konzipiert hatte, und Henri Deterding, dem Chef der Royal Dutch Shell Company, der am Öl von Baku interessiert war. Der Fall beschäftigte mehrere Jahre die deutsche Öffentlichkeit und die Gerichte. Die Georgier wurden verurteilt. Wie weit die Unterstützung durch deutsche Offiziere und den Ölmagnaten ging – das sollte im Unklaren bleiben. Behrang Samsami

Z

Zweitmeinung Eine Zweitmeinung einzuholen, ist nicht verkehrt. Gerade in medizinischen Belangen, aber eine Fachmeinung sollte es schon sein.

Kürzlich schlugen die Wellen öffentlicher Empörung hoch, als bekannt wurde, dass einige Krankenkassen Homöopathie bezahlen. Der Tweet eines TKK-Mitarbeiters setzte der Sache die Krone auf. Ähnliche wissenschaftlich unbewiesene Heilungserfolge behauptet die Bachblütentherapie. Die Stiefschwester der Homöopathie erfuhr in den 1990ern unkritische mediale Beachtung. Bei diesem nach dem Arzt Edward Bach benannten, angeblichen alternativmedizinischen Heilverfahren sollen Pflanzenblüten Informationen ans Wasser abgeben, diese Essenzen dann Gemütszustände ändern (ominös). Der aufgewärmte Quatsch stimmt immerhin ärgerlich: Auch ihn tragen ein paar Krankenkassen. Tobias Prüwer

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06:00 10.04.2017

Ausgabe 43/2020

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