BürgermeisterIn

A–Z Kein Stich gelingt ohne neuen Spaten. In Halle fing die ehemalige Oberbürgermeisterin Dagmar Szabados an, die Dinger zu sammeln. Unser Wochenlexikon der Stadtobersten
Redaktion | Ausgabe 08/2018

A

Ada Colau Ein Sturm tobt auf der iberischen Halbinsel. Politisches Chaos ist in Katalonien dieser Tage die Regel. Das Unabhängigkeitsreferendum und seine Folgen haben die Region erschüttert und Präsident Puigdemont in politisches Exil gezwungen. Doch eine Frau trotzt diesen Widrigkeiten auf ihre Art. Barcelonas Bürgermeisterin Ada Colau. Die ehemalige Aktivistin verfolgt klar ihre Linie: keine Linie. Vor der Übernahme ihres jetzigen Amtes noch eindeutig pro Unabhängigkeit positioniert, ist ihre Meinung nun umso ambivalenter. Sie bewegt sich zwischen den starren Fronten.

Während Colau zwar weiterhin für ein Unabhängigkeitsreferendum eintritt, möchte sie das bestehende nicht anerkennen. Sie fordert Verhandlungen der beiden Regierungen. Das kompromissbereite Stadtoberhaupt (Bruno Presssack) setzt in Zeiten des Disputs auf Diplomatie, frei nach ihrem Mantra: „Barcelona ist eine Stadt des Friedens und Dialogs.“ Diese merkeleske Haltung ist für manche die große Hoffnung auf ein friedliches Ende des Konflikts. Ada Colau, der katalonische Fels in der Brandung. Malte Thie

Augsburg Für die Augsburger Allgemeine war diese ewige Suche nach einer neuen Bundesregierung ein Glücksfall: Sowohl während der Jamaika-Verhandlungen als auch in den Unions-Gesprächen mit der SPD war der einzig vertretene Chef einer größeren Stadt Augsburgs Bürgermeister Kurt Gribl, CSU-Vorstandsmitglied und Liebling Horst Seehofers. Die Augsburger Allgemeine, deren Druckerschwärze die politische Ausrichtung anzeigt unddie sich Gribls ersten Wahlsieg 2008 über den SPD-Amtsinhaber ( Machtprobe) auf die publizistischen Fahnen schreiben darf, hatte das Ohr ganz nah an Berlin. Heiße Schlagzeilen wie „Kanzlerin lässt Oberbürgermeister Gribl nicht nach Hause“, „Gribl benötigt nach langer Nacht einen Mittagsschlaf“ oder „Gribl unterzeichnet den Koalitionsvertrag in Berlin“ waren garantiert. Inhaltlich verantwortet Gribl übrigens das völlig ambitionslose schwarz-rote Kapitel zu Mietenpolitik und Wohnungsbau mit. Sebastian Puschner

B

Bruno Presssack Dr. Dr. Bruno Presssack regiert Neustadt – die Stadt, in der die kleine Hexe Bibi Blocksberg lebt. Das Stadtoberhaupt steht für all die Presssäcke dieser Welt: Der Bürgermeister (Esel) macht viele Versprechen und hält sich an keines. Da er vor allem auf den eigenen Vorteil bedacht ist, sind seine Entscheidungen oft ungerecht. Sein Markenzeichen: Größenwahn. Neustadts Bürger nennt er versehentlich, aber regelmäßig seine „Untertanen“. Er schikaniert seinen gutmütigen Sekretär. Sieht er die kleine Hexe, nennt er sie meist „Bibi Blocksbergi“. Den Sprachfehler hat er, seit er von einer Zauberlimo getrunken hat. Sie markiert Lügner mit der i-Krankheit. Dennoch: Presssack hat einen guten Kern – der tief, tief verborgen liegt unter seinem mächtigen Wanst. An seinem Beispiel lernen Kinder, dass Politiker oft faul und inkompetent sind. Bibi Blocksberg wurde 1980 zum Leben erweckt. Die Generation, die unter Presssack groß geworden ist, ist heute wahlberechtigt. Ob ihre Politikverdrossenheit mit den Enttäuschungen in der Kindheit zusammenhängt, ist schwer zu sagen. Hex! Hex! Pling! Pling! Marlen Brey

C

Champagnerlaune Amsterdam hat seit 2003 einen „Nachtburgemeester“, der im Auftrag der Stadt für die Feierkultur verantwortlich ist. Auch in Paris und Zürich gibt es solche Bürgermeister der Nacht. Amy Lamé soll London im Auftrag der Stadt in eine „24-Stunden-wach-Metropole“ verwandeln. In Berlin fehlt so eine Institution, dafür hatte die Stadt mal einen Party-Bürgermeister (➝ Zitrone). Und dann gibt es noch die Hamburger Elektropopband Der Bürgermeister der Nacht, die 2015 mit dem Album In Champagnerlaune debütierte. Die Band veranstaltete auch ohne offizielles Mandat kürzlich ein 24-Stunden-Konzert, um ihr nächstes Album zu finanzieren. Arbeitstitel: Viel Spaß in der Zukunft. Christine Käppeler

D

Dorf Viele sind gegangen, manche wegen der Politik, die meisten, weil sich hier nichts verdienen ließ. In aller Welt müssen noch Dörflinge leben, die dem Nest auf der damals jugoslawischen Insel den Rücken gekehrt haben. Ein Cousin meines Vaters ging nach Argentinien, dann nach Australien, arbeitete dies und das, fand an Sportwetten Gefallen. Er gewann so zweimal nicht unbeträchtliche Summen. Zurück, fand er per Annonce eine Frau, baute zwei Häuser mit Ferienwohnungen und pastellfarbenem Anstrich, wurde Ortsvorsteher. Einmal hatte ich Streit mit seinem Sohn, schubste Marin ins ölige Hafenwasser. Der Bürgermeister hat mir das nie verziehen. Mladen Gladić

E

Esel Es gibt die militante Form des Anarchismus, Barrikaden stürmen, Steine schmeißen, you name it. Und dann gibt es einen stilleren, zoologisch fundierten Anarchismus. Er besteht darin, dass man ein Tier zum Bürgermeister wählt. In der Kleinstadt Talkeetna in Alaska, so wird berichtet, habe der Kater Stubbs von 1997 bis zu seinem Tod im Jahre 2017 als Bürgermeister amtiert. Eine von Stubbs regierte Bürgerin erklärte gegenüber CNN, Stubbs sei ehrlich (Bruno Presssack) und erhöhe die Steuern nicht. Derartiges mag auch 2014 den Ausschlag für die Wahl von Duke The Dog zum Bürgermeister von Cormorant, Minnesota, gegeben haben. Der Spitzmaulnashornkuh Cacareco wurde 1958 die Wahl in São Paulo zwar verwehrt, Cacareco gewann trotzdem mehr als 100.000 Stimmen. In Mexiko kandidierten ein Huhn und ein Hund, in Russland ein Kater. Stets gilt: Lieber ein Tier zum Bürgermeister als einen Esel! Pepe Egger

F

Freiburg Oberbürgermeister haben in Freiburg eine ziemlich lange Halbwertszeit, wenn sie einmal auf dem Thron (Bruno Presssack) im historischen Rathaus sitzen. In meiner Kindheit machte sich Eugen Keidel einen Namen, indem er im Westen der Stadt Trabantenstädte bauen ließ, wo sich sozial Schwache zwischen Zentralheizung und fließend Warmwasser privilegierter erleben durftenals die in den Altbauten ansässigen Bürger, die Keidel trotzdem 20 Jahre lang wählten.

Sein Nachfolger Rolf Böhme, in den bewegten siebziger Jahren als Juso eher in der politischen Etappe als auf den Barrikaden, hielt sich ebenfalls zwei Jahrzehnte und setzte sich mit einem umstrittenen Konzertklotz ein Denkmal. Und Dieter Salomon, seit 2002 im Amt? Setzt sein Dissertationsthema um: „Grüne Theorie und graue Wirklichkeit“. Alkoholverbot in der Stadt, Zoff mit streikenden Erzieherinnen und null Toleranz für „junge Männer aus den Maghreb-Staaten“. Ebenfalls rekordverdächtig. Ulrike Baureithel

G

Gans Der Hahn, die Gans, ein harmonisches Duo. Wäre da nicht der Jäger – und die Bitte einer Veganerin aus Limburg, die ihrem Bürgermeister Marius Hahn (SPD) viel Spott einbrachte. Der Bürgermeister hatte auf Wunsch das Kinderlied „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“ aus dem Repertoire des städtischen Glockenspiels genommen. Ein nett gemeinter Gefallen, eigentlich ideologiefrei, Kritiker wüteten: „Vegan-Wahn!“ Zugegeben: Blauäugig war Hahn schon, der Bitte ohne Weiteres nachzukommen. Doch diese Reaktion? Ähnlich überzogen ist da nur der Rummel um die Umbenennung des Weihnachtsmarktes. Erklärt hat sich Hahn, wie es ihm für dieses Thema angemessen schien, in einer humorvollen Büttenrede. Rebekka Gottl

M

Machtprobe Während Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz als neue SPD-Hoffnung aufgebaut wird, wagt eine andere sozialdemokratische Oberbürgermeisterin die Machtprobe. Die Flensburger Simone Lange tritt als Gegenkandidatin zu Andrea Nahles für den Parteivorsitz an. „Es ist nichts Persönliches!“, betonte Lange, die vor ihrer Funktion in der Stadtspitze im Landtag von Schleswig-Holstein saß.

Die SPD habe Besseres, nämlich Transparenz und ein ordentliches Wahlverfahren, verdient. Dass nun ausgerechnet jene in Berlin (Athen, Augsburg Freiburg, Dorf) Simone Lange das Anzetteln einer Personaldebatte vorwerfen, die mit Außenminister- und Vorsitzbesetzung vorpreschten, macht die Machtprobe sympathisch. Tobias Prüwer

P

Polizeischutz Bürgernähe gilt unter Lokalpolitikern als Erfolgsgarant. Hände schütteln hier, Ballons verteilen dort. Zum Nachteil wird diese Nähe, wo sich das Volk wie eine Gruppe Brülläffchen vom Affenfelsen geriert.

Das musste auch Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert im vergangenen Jahr erfahren. Unter Polizeischutz stellte man ihn und seine Familie, nachdem seine Haltung zum Gedenken an die Bombardierung Dresdens netzaffine Pöbler bis aufs Messer gereizt hatte. Ach, würden sich die Netzhasser, wütenden Affen (Gans) gleich, doch mit dem Werfen von Kot begnügen! Aber wo Wutbürger zürnen, ist auch der tätliche Angriff nicht mehr weit. Marlen Hobrack

V

Van Bett heißt der eitle, beflissene, leicht dusslige, aber anmaßende Bürgermeister der kleinen holländischen Stadt Saardam, der in Lortzings Zar und Zimmermann vorgeführt wird. Der Zar soll in die Stadt (Dorf) kommen – huch, ist er gar schon da? Flugs lässt er seine Bürger in der Singschule üben: „Heil sei dem Tag, an welchem Du bei uns erschienen.“

Weil er selbst aus dem Tritt ist – wird daraus eine Kakophonie wie bei der gegenwärtigen GroKo. Die Revolte ist da, die Sänger wollen es allein stemmen – von unten her wie bei der SPD. Da hat er ein Einsehen: „Darin bin ich Eurer Meinung, jeder singe, wie er kann, fanget ohne meine Leitung, noch einmal von vorne an.“ Manche denken dabei jetzt vielleicht an Angela Merkel. Bürgermeister streben meist nach Höherem. Aber sie können behaupten: Nur zum Wohl der Stadt, wie Van Bett im schönsten Bass betont, dass es ihn – Oh sancta Justitia – noch einmal umbringt, aber er sei ja klug und weise. Ein Prototyp mit musikalischen Glanznummern. Magda Geisler

Z

Zitrone „Der Bürgermeister“, erschienen auf dem 2006 veröffentlichten Album Lenin, ist ein klassisches Goldene-Zitronen-Stück: Wenn Schorsch Kamerun singt, klingt das schon immer wie eine Meldung aus dringendem Anlass. Fordernd und rhythmisch-vertrackt wird hier von dem „Bürgermeister der alten Hansestadt“ erzählt, den man, aha!, auf dem Tocotronic-Konzert gesehen habe.

Die „Goldies“ waren immer schon gut, wenn sie die eigene Szene beleuchteten. „Der verdiente Independentmusiker am Hof des Königs des unbeugsamen Theaters“, das ist ein Blick in den Spiegel, das Eingeständnis, dass der Bürgermeister, der König, der Kaiser Karl und der Prinz von Denmark schon längst da sind, wo wir alle gerne selbst rumstehen: auf Tocotronic-Konzerten, Vernissagen und den schöneren Bars (Champagnerlaune) der Stadt. Marc Peschke

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06:00 24.03.2018

Ausgabe 48/2020

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