„Charme linker Vielfalt“

Interview Daniela Dahn erklärt, wie der „Freitag“ in den nächsten 30 Jahren noch wirkmächtiger werden kann

Sie ist eine engagierte, nie bequeme Begleiterin des Freitag. Daniela Dahn will, dass der Zeitung zugutekommt, wofür sie als Autorin steht. Das sind keine intellektuellen Moden, sondern Haltungen, die auf Unbestechlichkeit, Moral und Charakter gründen.

der Freitag: Frau Dahn, von Anfang an schrieben Sie für den „Freitag“. Wie sind Sie 1990 auf das Blatt aufmerksam geworden?

Daniela Dahn: Ich war Leserin des Sonntag und verfolgte mit Neugier, welchen Weg die neue Wochenzeitung nehmen würde. Zumal die Herausgeber vielversprechend waren, besonders Günter Gaus, der für das Blatt in der Anfangszeit sehr prägend wurde.

Warum war Ihnen die Zeitung damals wichtig?

Weil sie sich von der anderen Presse unterschied. Es handelte sich nach dem Gaus’schen Verständnis um ein linksintellektuelles Blatt, wobei das Linkssein bei ihm stets auch ein konservatives, werterhaltendes Moment hatte. Wer im Freitag schrieb, näherte sich einem Thema in der Regel auf argumentative Weise und verfiel nicht empörtem Geraune. Wie der Freitag die Einheit begleitete und zeigte, wie sehr sie als Geschäft betrieben wurde, das entsprach meinen Erfahrungen.

Hatte das Label Ost-West-Zeitung darauf Einfluss?

Sicher, es gab ja in den 1990ern nicht so viele Ost-West-Projekte, die das im Titel auswiesen und vor allem einhielten.

Würde der „Freitag“ heute noch mit diesem Label auftreten, wäre das anachronistisch oder angebracht?

Label hin oder her – wichtig ist, dass die Zeitung inhaltlich nicht auf das Thema verzichtet. Nach 30 Jahren übernimmt die Zeitgeschichte. Es hat, wenn auch halbherzig, eine Verschiebung der Perspektive eingesetzt. Jetzt wird gefragt, was in den letzten 30 Jahren schiefgelaufen ist, wenn das Berliner Institut Policy Matters herausfindet, dass 74 Prozent der Ostdeutschen sich heute nicht wohler fühlen als in der DDR, und weit über die Hälfte sogar meint, die staatliche Willkür in der DDR war auch nicht schlimmer. Da greift das zu simple Narrativ von Diktatur versus Freiheit nicht mehr. Der Freitag bleibt dran, könnte aber mehr machen. Es geht ums Heute.

Als man 2005 mit der Bitte an Sie herantrat, Herausgeberin zu werden, haben Sie der weshalb entsprochen?

Zunächst einmal aus Anhänglichkeit, andererseits war mir nicht ganz klar: Wie viel Arbeit ist mit diesem Ehrenamt verbunden? Wie viel Einmischung ist erwünscht? Als 2008 Jakob Augstein das Blatt übernahm, war das natürlich eine Zäsur, er wollte zu Recht mehr jüngere Leser und ins Digitale gehen. Ob damit der linksintellektuelle Charakter zugunsten von Beliebigkeit verlorengehen könne, war eine Befürchtung. Da ich unter den damaligen Herausgebern die einzige war, die einst aus dem Journalismus kam, habe ich vielleicht auch etwas mehr genervt, beratend ein erkennbares Profil zu verteidigen. Streit zu einzelnen Beiträgen gab es, aber das ist normal. Letztlich ist es dem Freitag unter Jakob Augstein gelungen, ob mit der Ost-West-Redaktion oder durch Kooperationen wie mit dem Guardian, den Charme linker Vielfalt zu bewahren und mit breiter angelegten Themen Leser zu gewinnen.

Weshalb er im Unterschied zu anderen Publikationen überlebte.

Und allein das ist schon ein Kompliment wert.

Wenn Sie 30 Jahre „Freitag“ überblicken, worin hat sich das Blatt am stärksten verändert, worin ist es sich treu geblieben?

Die Überlebensformel war ja, die Identität bewahren und sich trotzdem erneuern. So öffnete sich das Blatt, wurde bunter, thematisch und auch im Layout, aber blieb ein Stück Gegenöffentlichkeit.

Wenn Sie sagen, die Zeitung hat sich verändert, gilt das auch für Ihr Schreiben im „Freitag“?

Ich habe mehr über internationale Begegnungen schreiben können, ob über Weltsozialforen in Porto Alegre und Mumbai oder Autorentreffen in Havanna und Sanaa. In meiner Grundhaltung bin ich durch diese Erfahrungen eher bestärkt worden. Es spricht ja für das Blatt, wenn man keinen Anpassungszwängen ausgesetzt war.

Der „Freitag“ hatte eine Zeit lang ein Privileg, er vertrat den Widerspruch. Etwa beim NATO-Krieg gegen Serbien 1999 oder beim Thema Russland, inzwischen hat sich das verändert ...

… aber er ist doch kein NATO-treues Blatt geworden, wie die meisten Großmedien.

Zur Person

Daniela Dahn, 71, arbeitete, nachdem sie 1981 das Fernsehen der DDR aus Gründen der Selbstachtung verlassen hatte, als freie Autorin und engagierte sich im Herbst 1989 in der DDR-Bürgerrechtsbewegung. In ihren Büchern greift sie häufig soziale und politische Tabuthemen auf. Dahn wurde u. a. mit dem Goethe- und dem Fontane-Preis geehrt

Gemeint ist anderes. Alle sind heute dafür, Klimawandel und Ressourcenverschleiß aufzuhalten. Systemkritik ist fast schon Mainstream. In diesem Kontext muss sich der „Freitag“ abbilden. Verliert er dadurch an der Griffigkeit des Andersseins?

Es wäre ja schön, wenn andere sich dem Freitag angenähert hätten. Aber wenn zum Beispiel Systemkritik inzwischen auch heißt, denKapitalismus infrage zu stellen, ist die Charmeoffensive des Freitag ausbaufähig. Die Analyse von Eigentum und Herrschaftsstrukturen ist eher selten. Hin und wieder habe ich dazu hier geschrieben.

Ist Ihr soeben erschienenes Buch „Tamtam und Tabu“ auch ein Plädoyer gegen die verbreitete Auffassung, über die deutsche Einheit sei eigentlich alles gesagt?

Es ist natürlich vieles gesagt worden, aber als jetzt das Angebot kam, gemeinsam mit dem Kognitionsforscher Rainer Mausfeld dieses Buch zu machen, wurde mir bewusst, mich vor einem Thema in diesen 30 Jahren gedrückt zu haben: Wie erklärt sich der kolossale Meinungsumschwung von Ende 1989, als nur fünf Prozent der Ostdeutschen sagten, sie wollten einen kapitalistischen Weg gehen, und den schicksalhaften Wahlen im März 1990, wo sich das vermeintlich um 180 Grad gedreht hatte? Was ist in wenigen Wochen geschehen, dass sich eine Grundhaltung derart wendete? Um das zu rekonstruieren, habe ich neben DDR-Zeitungen auch westliche ausgewertet. Es wurde deutlich, welche Art von Desinformation seinerzeit stattgefunden hat.

In welcher Hinsicht?

Ich weise nach, wie zum einen DDR-Politiker massiv mit Fakes denunziert wurden, vor allem natürlich in der Bild-Zeitung, aber gern auch im Spiegel. Zum anderen wurde die sowieso heikle Situation in der DDR durch Panikmache bewusst weiter destabilisiert. So wurden nach dem informellen Treffen von Kohl und Modrow in Davos, dem DDR-Premier Zitate in den Mund gelegt, wonach sein Land am Ende sei und ein explosionsartiger Massenexodus bevorstünde. Nachweislich hat Modrow kein Wort davon gesagt, eine Autorisierung von Zitaten wurde nicht gewährt. Stattdessen behauptete Kanzlerberater Teltschik auf einer Pressekonferenz, die Zahlungsunfähigkeit der DDR stünde unmittelbar bevor, was ein Fake war, den aber alle Zeitungen als die Sensation brachten. Von nun an wurde erpresserisch suggeriert, wenn nicht umgehend die rettende DM käme und die Einheit zu westdeutschen Bedingungen akzeptiert würde, könne man bald keine Löhne mehr zahlen. Günter Grass bezweifelte, ob man noch von freien Wahlen sprechen könne, nach diesem Wahlkampf im „Sportpalaststil“.

Es gibt auch die Erklärung vom Nachahmungsimperativ, der sich aus der Übermacht des westdeutschen Musters ergeben habe.

Die Einheit selbst wollten so gut wie alle, die DM war verlockend und verunsichernd, es war aber eben nicht so, dass die DDR-Bürger ganz wie im Westen leben wollten. Schon die erste Umfrage nach der Wahl hat gezeigt, dass noch immer fast alle Eigenes einbringen wollten. Nicht Ampelmännchen, sondern die Kernsubstanz der DDR – ihre Eigentumsstruktur. 68 Prozent wollten auch nach der Märzwahl noch Volkseigentum erhalten und anderes mehr. Stattdessen wurde erwartet, ahmt unsere Spielregeln nach. Es zeigte sich, dies geht nicht so schnell und ist kaum erstrebenswert. Ich habe mal geschrieben, die Zweitrangigkeit von Geld ist unser Kapital. Ist es nicht eigentlich ein Glück, dass im Osten die Anpassung an die Dominanz von Geldbeziehungen nicht vollends gelang?

Wird das bei den Nachwachsenden so bleiben?

Da ist eine sehr wache Generation, die sich engagiert bei Fridays for Future oder gegen Rassismus. Sie sehen auch in der Corona-Krise, dass unsere Lebensweise das Überleben der Gattung nicht wahrscheinlicher macht. Der völlig falsche Sicherheitsbegriff mit hochgerüsteten Armeen – da kommt so ein Virus, fliegt unter jedem Radar hindurch und reagiert nicht auf Abschreckung. Es wird gerade so vieles ad absurdum geführt, dass man nur hoffen kann, dass junge Leute die Zeit zum Aufwachen nutzen. Vielleicht mithilfe des Freitag.

Warum ist es so schwierig, mit den Thesen, die Sie etwa zur deutschen Einheit vertreten, öffentlich durchzudringen?

Der US-Analytiker Noam Chomsky hat in seinem Buch Die Konsensfabrik versichert, man könne sich darauf verlassen, dass der Mainstream derart dominant ist, dass nur gelegentlich erhobene Gegenargumente darin versinken. Auf die permanente Wiederholung der erwünschten Botschaft kommt es an. Auch ein kleines Blatt wie der Freitag steht den großen Medien mit ihrer offensichtlichen Treue zur NATO und ihrem weiter neoliberalen Denken als einer Übermacht gegenüber. Da fällt es wirklich schwer, sich mit alternativem Denken so bemerkbar zu machen, dass es in Erinnerung bleibt. Es sind Nischen, in denen man sich austoben kann, solange sich dadurch nichts wirklich ändert.

Woher rührt die Schärfe des Urteils in Ihren letzten Büchern „Der Schnee von gestern ist die Sintflut von heute“ und „Tamtam und Tabu“?

Scharf heißt zielgenau. Wichtig ist mir, dass die Schlüsse aus gut belegten Fakten gewonnen werden. Die Schärfe ist auch eine Reaktion auf die Unschärfe der etablierten Geschichtsschreibung.

Ist der Preis dafür die Ignoranz der Großmedien?

Deren Nichtbeachtung isoliert mich nicht – mein Buch Der Schnee von gestern hat in acht Monaten fünf Auflagen erfahren. Von Tamtam wird nach vier Wochen ein Nachdruck vorbereitet. Bis zum Lockdown habe ich in meist überfüllten Räumen gelesen. In diesem Diskurs zu taktieren, wäre mir auch zu anstrengend. Das kostet zu viel Psychoenergie. Einfach meine Meinung zu sagen, ist der Luxus, den ich mir leiste.

Der britische Publizist Timothy Garton Ash hat gerade angemerkt, die Deutschen sollten sich mehr freuen. So gut, wie es ihnen in den zurückliegenden 30 Jahren ging, werde es ihnen in den nächsten drei Jahrzehnten nicht mehr gehen. Waren diese 30 Jahre unterm Strich vielleicht gar nicht so schlecht?

Deutschland ist ein Land, in dem viele gern leben würden. Dass es einer Mehrheit bei uns gut geht, hängt auch damit zusammen, wie wir den Rest der Welt behandeln. Deutschland kann es auf Dauer nur gut gehen, wenn es allen besser geht. Das zu begreifen, wurde in den letzten 30 Jahren vor lauter Siegestaumel versäumt. Vertane Jahre sind keine guten Jahre.

Und was wird mit dem „Freitag“ in 30 Jahren sein?

Mehr als Hoffnung, denn als Prognose formuliert: Der Freitag ist zum „Zentralorgan“ der wirkmächtigen Fridays for Future geworden und wird mehr gehört. Er hat geholfen, die Befürchtungen zu widerlegen, dass der Kampf gegen den Klimawandel schon verloren sei und aus der Pandemie-Krise nichts gelernt werde. Und er hat gute Argumente, wie die zerstörerische, kapitalistische Funktionslogik zu durchbrechen ist und somit für alle ein lebenswertes Dasein ermöglicht werden kann.

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06:00 10.11.2020

Ausgabe 24/2021

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