Cowboyundindianer

Unsere Prairie war mit Gras bewachsen, mit einem dicken, moosigen Gras, das der Sommer nur ein wenig bleichen konnte, nur ein wenig hell und zäh ...

Unsere Prairie war mit Gras bewachsen, mit einem dicken, moosigen Gras, das der Sommer nur ein wenig bleichen konnte, nur ein wenig hell und zäh machen konnte unter unseren Sandalen. Es gab nur wenig Deckung in unserer Prairie, ganze drei Apfelbäume, hinter denen man sich im mörderischen Kampf mehr schlecht als recht verstecken konnte. Deshalb war das Haus ja so wichtig. Das Haus war das Fort, der Wald, die Bergkette, der Ort, hinter dem man nicht gesehen werden konnte. Denn darauf kam es ja an: nicht gesehen zu werden. Wer nicht gesehen wird, kann den großen Treck mit den Viehherden belauern, er kann das Indianerlager mit den Tipis beschleichen. Und überraschend zuschlagen. Unsere Gefechte dauerten niemals lange. Wer eine günstige Stellung hatte, kontrollierte nur noch mal schnell, ob die Streifen mit den Zündpatronen auch richtig im Colt saßen, sprang dann aus seinem Versteck hinter der Hausecke und ballerte. Der Schnellere war immer der Sieger. Nach 15 Sekunden stand der Tote wieder auf und verschwand hinter dem Haus für eine neue Runde im nachmittäglichen Kampf um die Vorherrschaft im Wilden Westen.

Am meisten an diesem Spiel fasziniert mich heute der Mangel an Feinheiten. Wir brauchten keine Verkleidung, wir brauchten keine Verabredung, manchmal brauchten wir nicht einmal Waffen, sondern nur zwei knorrige Äste und das Peng Peng Peng aus unseren Kindermäulern. Und genauso fasziniert mich, dass es in diesem Spiel völlig gleichgültig war, wer Cowboy war und wer Indianer.

Hartmut Pospiech ist Spoken Word Performer, Literaturaktivist. Er liest regelmäßig auf eigenen Veranstaltungen, hat Solo- und Gastauftritte in ganz Deutschland, der Schweiz und den USA.


00:00 07.05.2004

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