Das gefährliche Spiel mit dem Eigenkapital

Das eine Prozent Große Risikopolster sind gut für die Sicherheit des Bankensystem, glauben viele. So ist es aber nicht immer, wie ein Blick auf den Markt für US-Staatsanleihen zeigt
Jens Korte | Ausgabe 48/2014 7
Das gefährliche Spiel mit dem Eigenkapital
Eine Panik am US-Bondmarkt ist viel gefährlicher als ein Crash am Aktienmarkt
Foto: Andrew Burton/Getty Images

Glaubt man den Freunden der Regulierung, dann wird die Welt bald sicherer. Wenn nämlich das Financial Stability Board, ein internationales Gremium aus Zentralbankern, Aufsehern und G20-Vertretern mit Sitz in Basel, seinen jüngsten Vorschlag durchsetzt: Es will Banken zwingen, ihre Positionen je nach Risiko mit bis zu 20 Prozent an Eigenkapital zu hinterlegen.

Das wäre ein Vielfaches der bisherigen Sätze für Risikopolster in Europa und sogar den in dieser Hinsicht strikteren USA. Strengere Eigenkapitalregeln sind bei Politikern beliebt geworden – nach der Krise, die diese Verantwortlichen kolossal verschlafen haben. Die Regeln sind für viele Wähler noch am einfachsten nachzuvollziehen: Kapital in der Bank ist gut, mehr Kapital besser. Und sicherer. Oder? Kurz gesagt: nein.

Fast gleichzeitig mit dem Baseler Vorschlag gab es am US-Anleihemarkt einen Crash. In der Tagesschau war davon nichts zu sehen. Der Auslöser war die eigentlich alltägliche Veröffentlichung von US-Einzelhandelszahlen; sie waren erstmals seit Januar wieder gefallen. An sich kein Drama. Doch den Marktteilnehmern kamen plötzlich Zweifel, ob die US-Notenbank tatsächlich 2015 die Zinsen anheben wird.

Der Stimmungsumschwung traf viele Investoren unvorbereitet. Sie versuchten, sich blitzartig mit US-Staatsanleihen einzudecken. Wenn die Kurse für Bonds steigen, sinken die Renditen. Bis hierher war alles normal, aber dann sackten innerhalb weniger Minuten die Renditen am Markt für zehnjährige Anleihen um Bruchteile eines Prozentpunktes weg. Ein enormer Ausschlag für den Bondmarkt, Panik brach aus.

Eine Panik am US-Bondmarkt ist viel gefährlicher als ein Crash am Aktienmarkt. Denn die US-Staatsanleihen sind Zufluchtsstätte für Investoren weltweit. Ob Russland die Krim besetzt, EU-Länder kollabieren oder Islamisten den Nahen Osten überrennen: Dort bringen Investoren ihr Geld in Sicherheit. In dem 12 Billionen Dollar schweren Markt fanden sich immer Käufer und Verkäufer, man musste keine Angst vor plötzlichen Preisschwankungen haben. Dafür sorgten die Banken – sie waren ständige Anbieter und Nachfrager auf dem Markt und konnten einem Fondsmanager auch mal einen Posten Bonds abnehmen, der zu riskant für dessen Portfolio geworden war, um die Papiere später weiterzuverkaufen. Damit wirkten sie wie Stoßdämpfer für das System. Allein das Wissen um diesen Stoßdämpfer beruhigte die Marktteilnehmer weltweit.

Doch die Banken haben ihre Aktivitäten am Bondmarkt drastisch runtergefahren. Denn sie müssen auch für Bondkäufe entsprechend Kapital zurücklegen. Kapital, das knapp ist. In die Lücke sind Hedgefonds und Hochfrequenzhändler gestoßen.

Ihnen hat die Welt etwa den Flash Crash am Aktienmarkt zu verdanken. Solange die Märkte in geordneten Bahnen laufen, ist ihre Präsenz nicht dramatisch. Aber bei Turbulenzen ziehen sie sich blitzartig zurück. Er habe wegen der Panik buchstäblich den Stecker gezogen, gestand ein Schnellfeuerhändler. Wird der Bondmarkt künftig regelmäßig von solchen Episoden heimgesucht, hat das Finanzsystem den einzig sicheren Hafen verloren.

Jens Korte lebt in New York und berichtet vor allem aus dem Epizentrum der Finanzwelt

06:00 10.12.2014

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