Das Land unter dem Regenschirm

Kino Zwischen melancholisch-humorvoller Familiengeschichte und Groteske: Agnès Jaoui neuer Film "Erzähl mir vom Regen" handelt von Menschen, die es nicht besser können

Diesem Film eilt ein gewisser Ruf voraus. Wenn Sie jemanden treffen, der ihn schon gesehen hat, weil ihm frühere Filme von Agnès Jaoui, Lust auf anderes und Schau mich an, gefallen haben, so wird dessen Urteil zum neuen Werk lauten: Der neue Film macht nichts, was die anderen nicht besser können. Was kein Grund sein muss, sich Erzähl mir was vom Regen nicht anzuschauen. Handelt er doch genau davon: von Menschen, die es nicht besser können. Jaoui selbst verkörpert noch die erfolgreichste unter lauter Figuren, die über ihre Fehler und Verfehlungen charakterisiert werden. Sie spielt Agathe Villanova, eine bekannte feministische Autorin, die gerade dabei ist, in die Politik zu gehen. Zusammen mit ihrem Lebensgefährten fährt sie zum alten Landhaus der Familie, in dem bereits ihre Schwester mit Mann und zwei Kindern residiert. Wie bei viel beschäftigten Menschen üblich, verfolgt Agathe dabei eine doppelte Agenda: Zum einen soll sie in der nahegelegenen Provinzstadt bei einer politischen Versammlung auftreten, zum anderen will sie mit der Schwester die familiären Hinterlassenschaften entrümpeln. Mit der Voraussage, dass beide Vorhaben misslingen, ist im Grunde nichts über die Handlung verraten, denn die Kunst von Jaouis Filmen bestand schon immer darin, das Scheitern als zwangsläufiges Vorankommen im Leben zu schildern.

Vor dem Hintergrund eines verregneten Sommers, der willkommenen Anlass bietet, Missstimmungen zu zeigen, beobachtet der Film seine Figuren bei all den alltäglichen Schäbigkeiten, die das Markenzeichen von Jaoui sind: Agathe selbst lässt, weil es ihr mit dem Besetzen des reservierten Zugabteils nicht schnell genug gehen kann, ihren Lebensgefährten auf dem Bahnsteig stehen. Ihre Schwester erweist sich als untreue Ehefrau, die auf kitschige Weise davon träumt, „frei zu sein“. Ihr Mann ist ein auftrumpfender Besserwisser, der aber ohne die Ehefrau an der Seite nicht einschlafen kann. Liebhaber Michel – gespielt von Jean-Pierre Bacri – gibt sich als weltläufiger Fernsehjournalist und verdient sein Geld mit dem Abfilmen von Familienfeiern. Abgerundet wird das Ensemble von der aus Algerien stammenden ehemaligen Kinderfrau der Schwestern, Mimouna, und ihrem Sohn Jamal. Letzterer leitet eine Pension, träumt aber davon, Dokumentarfilmer zu sein. Zusammen mit Michel hat er das Projekt ausgeheckt, ein Feature über Agathe zu machen.

Wegen dieses Film-im-Film-Projekts zerfällt Erzähl mir was vom Regen in zwei Teile, die nie so recht zusammenkommen wollen. Da ist die melancholisch-humorvolle Familiengeschichte, in der zwei Schwestern ihr Verhältnis untereinander und zu ihren Männern klären. Und da sind die Dreharbeiten von Jamal und Michel, die sich zum Slapstick ausweiten und durch ihren grotesken Humor die Melancholie überdecken. Stets geht etwas schief, mal ist ein Palmzweig im Weg, mal ist die Kamera nicht eingeschaltet, und wenn alles ideal scheint, dann blökt irgendwo ein Schaf.

Im Zentrum dieser Groteske beweist Jean-Pierre Bacri ein weiteres Mal seine unübertroffene Meisterschaft in der Darstellung unsympathischer Charaktere: Sein Michel ist ein Ausbund an kleinlicher Eitelkeit, einer, der skrupellos selbst Freunde und Familie hintergeht – und doch vermag keine andere Figur so sehr zu rühren wie er. Wenn am Ende die großen Vorhaben wesentlich an seinen Unzulänglichkeiten scheitern, ist man als Zuschauer sogar froh, dass er es nicht allzu schwer nimmt.

Der Film startet in Deutschland am 30.07.2009

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15:45 29.07.2009

Ausgabe 39/2020

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