Das Wasser bis zum Hals

Gastkommentar Ende des Jahrhunderts könnte die Pazifikrepublik Kiribati im Ozean verschwunden sein

Ganz bestimmt hätten wir eine völlig andere Stimmung gegen die globale Erwärmung, wenn ein steigender Meeresspiegel dazu zwingen würde, das Weiße Haus in Washington D. C. zu evakuieren. Genau das passierte kürzlich in Kiribati mit meiner Präsidenten-Residenz, die an einen höheren und vorerst noch sicheren Ort verlegt werden musste.

Für die Menschen dieses pazifischen Inselstaates, dessen Territorium sich über 33 Atolle erstreckt und knapp 105.400 Einwohner zählt, sorgt das mit dem Klimawandel verbundene Ansteigen des Meeresspiegels für eine drastische Gefährdung, die in existenzielle Not münden kann. Wir müssen darauf gefasst sein, zu einem bestimmten Zeitpunkt - vielleicht noch vor Ende des 21. Jahrhunderts - vollständig umgesiedelt zu werden. Das Regionale Umweltprogramm Süd-Pazifik hat bereits dokumentiert, wie Tebua Tarawa und Abanuea - zwei unbewohnte Kiribati-Inseln - vor acht Jahren im Wasser verschwunden und seither verloren sind.

Wasser - oder besser gesagt dessen Mangel, wenn es um Süßwasser geht - ist einer der großen Herausforderungen für etliche Inselstaaten in dieser Erdregion, die keine Flusssysteme haben und deren Grundwasserreserven - das ist typisch für Atolle - extrem anfällig sind. Ich meine neben Kiribati besonders Palau, die Marshall- und Cook-Inseln, Tuvalu, Nauru und Niue.

Die Kiribati-Inseln sind sehr schmal und haben nicht genug Land, um große Wasserdepots zu halten, so dass wir von unterirdischen Wasserläufen abhängig sind. Da die Küsten erodieren und das Land immer schmaler wird, geht zunehmend mehr Grundwasser verloren. Wir driften einem Zustand entgegen, der es uns eines Tages verbieten wird, die Bevölkerung und eine lokale Ökonomie mit Frischwasser zu versorgen.

Schon jetzt sind wir mit längeren Trockenperioden und mit Einbrüchen von Salzwasser in das Grundwasser konfrontiert. Dessen Reservoire zu konservieren, wird zu einer Frage des Überlebens, wenn zudem poröse Korallenböden die Wasserläufe gegenüber Umweltgiften und Verschmutzung immer empfindlicher machen. Die Bevölkerung in den urbanen Zentren Kiribatis - Mikronesier, Polynesier und Europäer - expandiert und vermindert die ökologischen Lasten keineswegs. Unser Leben spielt sich praktisch über den Trinkwasservorräten ab, was vielen Inselbewohnern nicht und nur unzureichend bewusst ist. Starker politischer Wille und Tatkraft sind nötig, um ausreichende und ausreichend nutzbare Vorräte an Trinkwasser überall auf Kiribati zu garantieren.

Aber alle Energie, Ausdauer und Beharrlichkeit wären verschenkt, gäbe es keine Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen, vorzugsweise mit dem UN-Entwicklungsprogramm (UNDP) und dem Kinderhilfswerk UNICEF. Über eigene Kapazitäten verfügen wir wegen der versiegenden Kräfte unserer Inselrepublik nur in beschränktem Maße - ohne fremde Hilfe würden wir der Unausweichlichkeit des Untergangs mit Schrecken, aber ergeben entgegen sehen.

Selbstverständlich wird und muss es Sache unserer eigenen Administration sein, den auferlegten Herausforderungen selbst zu begegnen und nicht nur auf die Intervention von außen zu hoffen. Es erscheint mir daher sehr wichtig, dass die Aktionspläne, die Anfang Dezember beim Asien-Pazifik-Wasser-Gipfel in Japan Gestalt annahmen, diskutiert, verfeinert und als Vorlage nationaler Strategien angenommen werden. Was wir jetzt versäumen, wird uns der Klimawandel - das wird uns der Pazifik - nicht schenken. Die Zeit läuft unwiderruflich ab, es muss gehandelt werden.

Anote Tong ist Präsident der Republik Kiribati.

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