So viel Unrecht

Reservat „Winter Counts“ von David Heska Wanbli Weiden ist viel mehr als ein Krimi. Das Buch erzählt eindrücklich und humorvoll vom Alltag der Lakota in South Dakota
Tipis, die Zelte der Oglala-Lakota Indianer in South Dakota, USA
Tipis, die Zelte der Oglala-Lakota Indianer in South Dakota, USA

Foto: imagebroker/IMAGO

Wenn das Rechtssystem versagte, kamen die Leute zu mir. Für ein paar Hundert Dollar übte ich in ihrem Namen zumindest ansatzweise Rache (...)“. So nüchtern und lakonisch erklärt der Ich-Erzähler und Auftragsschläger Virgil Wounded Horse sein Broteinkommen im Rosebud-Indian-Reservat in South Dakota. Er wird in der Regel nach abgeschlagenen Zähnen bezahlt. Tatsächlich gibt es unterschiedliche Zuständigkeiten, wenn ein Verbrechen im Reservat geschieht. Für kleinere Verbrechen ist die unterbesetzte Tribal Police zuständig, für Kapitalverbrechen, wie Mord oder Vergewaltigung, etwa das FBI. Aber weil nicht immer alle Verbrechan „adäquat“ geahndet werden, kommen Auftragsschläger wie Virgil ins Spiel. Das ist die Grundkonstellation in diesem prämierten Debütkrimi Winter Counts des Schriftstellers, Rechtsanwalts und Professors für Native American Studies und Politikwissenschaften David Heska Wanbli Weiden. Der Autor, Jahrgang 1963 und Bürger der Sicangu Lakota Nation, hat bisher Erzählungen und Kurzgeschichten in Literaturzeitschriften veröffentlicht, wo bereits die Figur Virgil Wounded Horse auftauchte. Winter Counts ist nun der Auftakt einer Krimireihe rund um den eigenwilligen Protagonisten.

Kein Vollblutindianer

Doch nun zum aufregenden Plot: Virgil Wounded Horse wird von Ben Short Bear, Mitglied des Tribal Council, beauftragt, dem Dealer Rick Crow eine Lektion zu verpassen. Denn dieser soll Heroin an der Highschool verkaufen. Dass Gras im Reservat vertickt wird, ist Virgil geläufig – aber Heroin und das noch an Schulen? Im Übrigen hat er seit seiner Schulzeit mit Rick noch eine Rechnung offen. Damals hat er ihn gemobbt und geschlagen, nur weil Virgil kein Vollblutindianer ist. Der Auftragsschläger bittet um Bedenkzeit, um abzuchecken, ob Rick wirklich Heroin an Schulen verkauft. In Abwesenheit von Rick – er soll in Denver sein – durchsucht Virgil dessen Trailer. Dabei findet er „eine Tüte mit kleinen Luftballons, wie man sie zum Verpacken von Heroin benutzt (...)“.

Drogen, Alkohol, Diabetes

Doch das beweist noch nicht, dass Rick damit handelt. Virgil fragt seinen 14-jährigen Neffen Nathan, der bei ihm lebt, ob Heroin in der Highschool verkauft wird. Doch dieser verneint. Allerdings findet Virgil Nathan am darauffolgenden Tag reglos auf dem Bett: „Sein Gesicht und die Lippen waren grau, nahezu blau. Mein Blick wanderte zum Boden. Dort lagen ein leerer Ballon, ein Feuerzeug und zerknitterte Alufolie. In der Luft ein beißender Geruch.“ Nathan wird ins Krankenhaus gebracht und gerettet. Aber der Hass auf Rick steigert sich. Virgils Ex-Freundin Marie ruft an, um sich zu erkundigen, was mit Nathan passiert sei. Nachdem der sich einigermaßen erholt hat, informiert er Virgil, dass einer der drei Dealer Loco heißt. Steckt etwa eines der mexikanischen Drogenkartelle hinter dem Drogenhandel und ist Rick der Verbindungsmann im Reservat? Virgil und Marie fahren nach Denver, Rick aufzusuchen, doch sie können ihn nirgendwo finden. Die Suche muss unterbrochen werden, als Virgil die Nachricht erhält, dass Nathan verhaftet ist. In seinem Schulspind sind Drogen gefunden worden und man beschuldigt ihn des Dealens. Zunächst ist Virgil sauer auf seinen Neffen, doch dieser beteuert, dass er weder Pillen genommen noch gedealt hat. Die Drogen seien ihm untergejubelt worden. Virgil glaubt ihm. Doch wer hat ein Interesse, Nathan zu beschädigen? Oder soll diese Message gar nicht ihn treffen, sondern Virgil? Hat irgendjemand mitbekommen, dass er nach Rick sucht? Hat das Drogenkartell etwa Wind davon bekommen? Zudem wird Nathan für eine Strafmilderung ein Deal angeboten, der es in sich hat.

Autor David Heska Wanbli Weiden hat einen äußerst fesselnden, mutigen als auch erkenntnisreichen Krimi geschrieben. Zwar ist der rote Faden die Suche nach Rick Crow und seinen Hintermännern, doch ebenso spannend sind die beschriebenen Verhältnisse im Reservat, die abseits jeglicher Winnetou-Romantik sind. Und das deckt sich in vielem mit dem, was Thomas Jeier, renommierter Autor von vielen Sachbüchern über die Geschichte der Ureinwohner Nordamerikas, in seinem Nachwort schreibt: Es herrsche im Reservat eine achtzigprozentige Arbeitslosigkeit, über siebzig Prozent der Bevölkerung des Rosebud-Indian-Reservats seien alkohol- oder drogenabhängig und die Suizidrate soll bei 400 Prozent über dem Landesdurchschnitt liegen. Letzteres wird in diesem Krimi deutlich, da in einem Monat mehrere Jugendliche Selbstmord begehen. Die Verbrechensrate liegt zudem weit über dem Durchschnitt und die mexikanischen Drogenkartelle haben sich in verschiedenen Reservaten längst breitgemacht. Ein weiteres Problem, auf das Weiden zusätzlich aufmerksam macht, sind Vetternwirtschaft und Korruption in Reservatsverwaltung und -politik. Virgil muss sich deshalb nicht zuletzt seinen eigenen Dämonen stellen.

Aber nicht nur die Probleme beschreibt der Autor, sondern auch die positiven Seiten, etwa den Zusammenhalt und die Großzügigkeit der Menschen in den Reservaten, wie auch die Versuche, aus der Misere auszutreten. Da versucht der Koch Lackland indigene Rezepte zu kochen, sprich mit Zutaten, die es vor dem Auftreten der Europäer gab. Er ist davon überzeugt, dass etwa Diabetes (circa zwei Drittel der Ureinwohner sind davon betroffen) allein durch diese Nahrungsumstellung reduziert werden kann. Dafür braucht es engagierte Menschen, die aus den Fördertöpfen diese Lebensmittel kaufen, wie es Marie im Krimi macht. Ein Kuriosum in diesem Zusammenhang: Büffel werden wohl in Reservaten mit Cannabis beruhigt, bevor sie geschlachtet werden. Damit sie weniger leiden.

Eine weitere Besonderheit: Weiden erinnert an historische Ungerechtigkeiten gegenüber den amerikanischen Indianern, etwa die gebrochenen Zusagen und Verträge der US-Regierungen im 19. Jahrhundert gegenüber den Ureinwohnern. Die Black Hills mit dem bekannten Mount Rushmore und den Konterfeis von vier US-Präsidenten waren im Besitz der Ureinwohner, bis dann in der Gegend Gold gefunden wurde. Die Black Hills sind für Lakota und Cheyenne heilige Orte. Als 1980 der Oberste Gerichtshof der USA feststellt, dass die US-Regierung 105 Millionen Dollar als Entschädigung zu zahlen hat, lehnten und lehnen bis heute die Natives dieses Geld als zu wenig ab. Und sie wollen die Berge zurück in ihren Besitz. Das Geld lagert seitdem auf einem Konto und vermehrt sich durch den Zinseszins auf heute weit über eine Milliarde Dollar. Ein weiterer historischer Bezug ist das Massaker bei Wounded Knee 1890, wo mehr als dreihundert Natives, darunter viele Kinder und Frauen, von der US-Kavallerie umgebracht wurden. An diesem Gedenkort im Nachbarreservat Pine Ridge findet der Showdown des Krimis statt.

Fazit: Weiden hat einen gut erzählten, teils humorvollen und eindrücklichen Krimi geschrieben, der die Lebensverhältnisse der Lakota würdevoll, unverblümt und mehrschichtig einfängt. Er gibt ihnen mit diesem wichtigen Buch eine Sichtbarkeit.

Info

Winter Counts David Heska Wanbli Weiden Harriet Fricke (Übers.) Polar Verlag 2022, 464 S., 16 €

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