Denken mit der Magengegend

World Press Photo 2018 Zum ersten Mal in der Geschichte des Preises wurden die Finalisten vorab präsentiert. Die Auswahl aber beschränkt sich wieder mal auf „harte“ Bilder
Florian Sturm | Ausgabe 14/2018 3
Denken mit der Magengegend
Krisen, Kriege, Katastrophen sind die dominierenden Motive. Das zu ändern wäre innovativ

Foto: Zuma Press/Imago

Erstmals seit Gründung des prestigeträchtigen World Press Photo Award, in dessen Rahmen seit 1955 das „Pressefoto des Jahres“ gekürt wird, folgt die Preisvergabe einem neuen Prozedere. Statt lediglich die Erst-, Zweit- und Drittplatzierten zu verkünden, präsentierte die ausrichtende World Press Photo Foundation (WPPF) dieses Mal zwei Monate zuvor die Finalisten einer jeden Kategorie. Die Preisträger werden am 12. April bekanntgegeben. Dadurch wolle man, so die diesjährige Juryvorsitzende Magdalena Herrera, das Scheinwerferlicht nicht ausschließlich auf die Sieger richten, sondern die Aufmerksamkeit auf mehrere Fotografen verteilen.

Dass so mehr Transparenz hergestellt wird, kann aber auch als ein – durchaus legitimer – Versuch angesehen werden, manipulierte Aufnahmen künftig früh aus dem Verkehr zu ziehen. Wenn die potenziellen Siegerbilder vorab einem Millionenpublikum zugänglich sind, vergrößert sich die Chance, ein Debakel wie 2013 zu verhindern. Wochenlang wurde damals nach der Verleihung diskutiert, wie stark das von Paul Hansen aufgenommene Foto Gaza Burial verändert worden war. Zahlreiche Bildforensiker untersuchten die RAW-Datei und stellten fest, dass Photoshop tatsächlich eine Rolle gespielt hatte. Damit hatte Hansen eines der Grundprinzipien des Wettbewerbs – und auch der Pressefotografie allgemein – verletzt.

Weitaus wichtiger wäre jedoch eine andere Innovation gewesen. Seit der Erstauflage des Wettbewerbs 1955 ist die Bildsprache der prämierten Aufnahmen nahezu unverändert. Krisen, Kriege, Katastrophen sind die dominierenden Motive. Zwar lockern Kategorien wie Natur, Sport und – erstmals in diesem Jahr – Umwelt den Gesamteindruck etwas auf. In der Königsdisziplin bekommen die größte Aufmerksamkeit jedoch nach wie vor die „harten Bilder“.

Genau das wird immer häufiger auch von den Besuchern der weltweiten Wanderausstellungen moniert. Jurymitglied Jérôme Huffer, Chef der Fotoabteilung des französischen Magazins Paris Match, formuliert seine Erwartung an das Pressefoto des Jahres so: Es müsse „die Grundzüge des Fotojournalismus [mit] einer neuen Art des Storytelling“ kombinieren. Recht hat Huffer, nur genügt keines der sechs für die Hauptkategorie nominierten Bilder diesen Ansprüchen. So bedeutsam die Motive sind – sie zeigen Opfer von Attentaten (London), ethnischer Säuberung (Myanmar), Krieg (Mossul) und Polizeigewalt (Caracas) –, so klassisch sind die Aufnahmen; neue kompositorische Elemente oder andere Narrative sucht man vergeblich.

Huffers Jurykollege Thomas Borberg meint gar, man müsse das Pressefoto des Jahres „in der Magengegend spüren“. Genau dieses Credo ist das Problem. Denn die Gesellschaft ist daran gewöhnt, vor allem dann hinzuschauen, wenn es knallt, wenn es brennt und wenn es blutet. Fred Ritchin, Dekan der Fotoschule am renommierten International Center of Photography in New York, sieht die WPPF daher in der Pflicht: „Wir sollten Fotografie proaktiv und nicht nur reaktiv verwenden. Warum gibt es unzählige Bildbände über Kriegs-, jedoch fast keinen über Friedensfotografie?“ Jeder wisse, sagt er, dass die Welt immer mehr aus den Fugen gerate – doch anstatt mit Bildern dagegenzuwirken, wären wir damit zufrieden, unseren eigenen Untergang regelmäßig mit der Kamera festzuhalten.

Wirklich innovativ wäre deshalb nicht ein neuer Preisvergabemodus, sondern eine vielfältigere Auswahl in der Hauptkategorie.

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