Der gemeinste Sumpf

Florida Bei James Carlos Blake sieht man, wie ein Western als Krimi funktioniert

Von der Landkarte der Krimiliteratur ist Florida nicht wegzudenken. Noir gleißt hier im Sonnenlicht, das haben uns Charles Willeford, Elmore Leonard und Vicky Hendricks demonstriert. Im Schutz des hellichten Tages taufte James W. Hall 1987 seinen Debütroman, Carl Hiaasen begann seine Krimikarriere mit der Jagd auf lästige Touristen (Miami Terror, 1986). Manches in Florida sei so irrsinnig, gab er einmal zu Protokoll, dass er es in seinen Romanen nicht unterbringen könne. Miamis Bürger zum Beispiel müssten Angst haben, von aus Flugzeugen abgeworfenen Kokainpaketen erschlagen zu werden.

Florida war schon früh dabei: Die Kriminalerzählung Don Balasco of Key West stammt aus dem Jahre 1896, Autor ein gewisser Archibald Gunter. Bessie Marchants Pulp-Story The Secret of the Everglades datiert von 1902, Brett Halliday ließ ab 1939 seinen Detektiv Mike Shayne in mehr als 70 Romanen durch Florida streifen, John D. MacDonald fand 21 Farbschattierungen für die Titel seiner Romane mit Travis McGee, einer sonnengebräunten Wiedergeburt von Chandlers Marlowe.

James Carlos Blake, Jahrgang 1947, geht dorthin, wo es besonders schwarz und sumpfig ist. Er ist ein Schatzgräber, wühlt wie kaum ein anderer zeitgenössischer amerikanischer Autor im Wurzelwerk dieser auf Blut, Raub und Gewalt gebauten Nation – deren rücksichtslose Barone gerade wieder ungeniert ihr Haupt erheben. „We may be through with the past, but the past ain’t through with us“, lautet ein Motto in Blakes noch unübersetztem Country of the Bad Wolfes (2012). Wir mögen die Vergangenheit für erledigt halten, aber fertig ist sie mit uns noch nicht.

Großzügig mit den Fakten

Der Verlag Liebeskind unternimmt es, diesen wichtigen Autor ins Deutsche zu bringen – mit übrigens hervorragenden Übersetzungen. Red Grass River aus dem Jahr 1998 ist nach dem grandiosen Das Böse im Blut und nach Pistolero nun das dritte bei uns erschienene Werk. Sieben weitere als „history noir“ zu klassifizierende Romane stehen noch aus, in denen es zurück in die Depressionszeit, ja bis in den amerikanischen Bürgerkrieg und die mexikanische Revolution geht. Blakes Protagonisten sind die Verdammten, die Abenteurer und Outlaws – und ihre nicht viel besseren Gegenparts. Geradezu idealtypisch arrangiert er das in seinem Florida-Roman, in dem sich Sheriff Bobby Baker und der Bankräuber, Schnapsbrenner, Ausbrecher und Volksheld John Ashley gegenüberstehen. Beide sind historisch verbürgte Figuren. Blake, der in Florida studierte und dort an der gleichen Uni lehrte wie vor ihm Willeford und James Lee Burke, erzählt ihre Geschichte als Legende. So steht es auch als Untertitel auf der US-Ausgabe.

Den Ton des Buches setzt ein „Liars Club“ mit einem Prolog, der sich wie ein griechischer Chor quer durch den Roman weiterspinnt: „Eine Geschichte, die hier und da ein wenig großzügig mit den Fakten umgeht, kann so viel Wahrheit enthalten, wie man sich nur wünschen kann.“

Bei Blake lässt sich schön nachverfolgen, wie der Western und seine Topoi in den Kriminalroman münden. Nicht wenige bedeutende Autoren haben ja in beiden Genres gearbeitet, Elmore Leonard und John Harvey gar ihre Karriere mit Westernstorys begonnen. Bei James Lee Burke verschränkt sich das bis heute. Statt auf die Prärie führt James Carlos Blake uns in den „größten und gemeinsten Sumpf, den Sie je zu sehen bekommen – größer als so mancher Staat der USA. Falls sich der Teufel je einen Garten angelegt hat, dann die Everglades.“ Der Roman spielt zwischen 1911 und 1924, man begegnet darin einer Winchesterpatrone als Botschaft und einem fast mythischen Glasauge. Man kann Miami wachsen sehen, Truthahngeier sitzen auf Dachkanten, es riecht nach ausgebaggertem Schlamm und schnellem Geld.

Am Ende – einem schönen Ende übrigens – bleibt etwas da draußen im verregneten Dunkel, das auf immer wild ist und ungezähmt. Das schwarze Herz unserer Zivilisation.

Info

Red Grass River James Carlos Blake Stefan Lux (Übers.), Liebeskind 2018. 528 S., 24 €

06:00 17.04.2018

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