Der Pinguin: Von Batman bis zu Carla Bruni

A-Z Im Film darf er nicht rauchen, als Detektiv kommt er in Kinderbücher und vermeintliche Herren kopieren den Frack. Ein Lexikon über den Pinguin
Der Pinguin: Von Batman bis zu Carla Bruni

Foto: Imago Images

A

Anton Zwei Äste am Kopf und er würde ein Hirsch? Oder eine Giraffe, wenn er auf Stelzen geht und sich ein geflecktes Tuch umhängt? Am witzigsten aber ist, wenn Anton ein Elefant sein will. Wie er sich einen grün karierten Strumpf über den Schnabel zieht und zwei Tennisschläger hinter die Ohren klemmt, bringt meine kleine Enkelin immer wieder zum Lachen. Dabei ist das Bilderbuch Passt das? von Meike Teichmann nur eines von vielen, in denen Pinguine vorkommen. 10 lustige Pinguine von Nastja Holtfreter gibt es schon für Kinder ab zwei. Mit Trau dich, kleiner Pinguin will Steve Smallman Vierjährigen Mut machen. Für Acht- bis Zehnjährige wird Mr. Pinguin von Alex T. Smith zum Detektiv. Warum Pinguine in der Kinderliteratur so beliebt sind? Weil sie sich gut zeichnen lassen ( Picasso) und wie wir aufrecht auf zwei Beinen gehen. Mühsam watschelnd – wie tapfer sie doch sind. Irmtraud Gutschke

C

Carla Bruni Ein Spottlied auf Präsident Hollande? Im Jahr 2013 besang Carla Bruni-Sarkozy den Pinguin, ein zwar drolliges, aber ungeschicktes und unbeholfenes Tier. Und viele Franzosen und Französinnen mussten dabei an den damaligen Präsidenten François Hollande denken, Nachfolger ihres Mannes Nicolas Sarkozy. Im Text heißt es: „Er setzt seine Herrscher-Miene auf, aber ich, ich kenne ihn, den Pinguin, er hat nicht die Manieren eines Schlossherren. He, Pinguin, wenn du mir eines Tages wieder über den Weg läufst, werde ich dir beibringen, Pinguin, wie man mir die Hand küsst …“ Weder hässlich sei er noch schön, weder groß noch klein, weder kalt noch heiß, weder Ja noch Nein – ein solches Geschöpf tauge jedenfalls keineswegs zum Staatschef. Der Song, von dem Bruni behauptet, er hätte keinerlei politischen Hintergedanken ( Néstor Kirchner), erfindet den französischen Chanson-Folk-Pop zwar nicht neu, aber er ist hübsch, ein Little French Song ebenein kleines französisches Lied. Marc Peschke

E

Erfolg Der Eisberg ist in Gefahr, er schmilzt und mit ihm die Lebensgrundlage der Pinguinkolonie. Was tun? Zuerst muss die Mehrheit der Bewohner von der Dringlichkeit überzeugt werden. Also bedient sich der Wissenschaftler, der die Katastrophe zuerst entdeckt hat, eines ausgeklügelten Plans, um die Aufmerksamkeit des Pinguin-Rats zu erhaschen. Mit einem Machertyp stellt er ein Kernteam zusammen. Letztlich baut dessen Strategie darauf, einen Kumpeltyp als Sprecher zu gewinnen: Er genießt hohes Ansehen, weshalb alle im Rat ihm vertrauen und glauben. Mit einer gemeinsamen Kraftanstrengung schließlich wird der Eisberg gerettet. So in etwa erzählt der Harvard-Professor und Coach John Kotter die Geschichte, die sein Pinguin-Prinzip (2017) für Erfolg illustriert. Das enthält – wie jedes Führungs-Prinzip – sämtliche Geheimnisse fürs Gelingen. „Mit Veränderung“ zum Gipfel lautet das unterschwellige Motto, das man mit „Scheitern als Chance“ übersetzen kann. Laut Amazon erwarben Käufer des Pinguin-Prinzips auch die Sachbücher Das Erdmännchen-Prinzip: Aus Krisen als Gewinner hervorgehen und Die Mäusestrategie für Manager: Veränderungen erfolgreich begegnen. Das Verfassen von Ratgeberprinzipien mit Tiernamen – big chance. Tobias Prüwer

F

Frack Ein Pinguin trägt Herz, manches Mal, saisonbedingt, ein menschliches – wenn das Hemd eine Piquébrust ziert und der Kummerbund die Fastfoodzone umschmeichelt. Der Frack ist die Endstufe der feierlichen Abendgarderobe für den distinguierten Herren der frühermals oberen Gesellschaftsschicht. Da wehen Arthur-Schnitzler-Vibes aus Petra Hartliebs Wien-Romanen durch die Luft. Schon mit dem Hemd fühlt man sich im Batmanlook ( Zigarettenverbot). Wenn dann noch der Frackrock (vulgo: Jacke) übergezogen wird, nimmt das Gefühl Achterbahnkurven. Der Look ist komplettiert, wenn sich an die Füße mit den kniehohen schwarzen Socken perfekt polierte Lackschuhe schmiegen. Die Jacke wird stets offen getragen, die Hose nur mit Hosenträgern. Verpönt ist übrigens das Distinktionsmerkmal der stilarmen Neureichen: jedwede Uhr. Jan C. Behmann

K

Kaiser Die Größe ist eine Bezugssache. Und eine Erwartungshaltung. So denkt man bei einem Pinguin an ein rund ein Meter hohes Wesen. Etwas patschelig, ziemlich süß und eigentlich ein Kuscheltier, was durch Zufall unter die Lebewesen gefallen ist. Nun hat man die fossilen Überreste eines nur 35 Zentimeter großen Exemplars gefunden. Wenige Jahre zuvor gab es sogar ein zwei Meter zwanzig großes Exemplar. Der heute lebende Kaiserpinguin wird 100 bis 130 Zentimeter groß. Tierpfleger, packen Sie ihn mir bitte zum Schmusen ein. Jan C. Behmann

M

Marke Ein kleiner Pinguin auf dem Cover steht für den Penguin Verlag. 2015 in München gegründet, bietet er Belletristik und Sachbücher, gehört zu Random House, hat aber viel ältere Wurzeln. Schon seit 1935 gibt es die britischen „Penguin Books“. Solche Taschenbücher meist mit orangem Einband fanden sich in der Bibliothek des Anglistischen Instituts in Jena. Gerade die Krimis habe ich geliebt. Agatha Christie und Dorothy L. Sayers las ich rauf und runter. Für das Logo soll übrigens ein Pinguin im Londoner Zoo Modell gestanden haben. Die Marke „Penguin“ steht allerdings auch für eine US-amerikanische Bekleidungsfirma. Die zaubert Pinguine auf die Männerbrust ( Frack). Pinguin-Hausschuhe gibt es übrigens für jedes Alter. Irmtraud Gutschke

N

Néstor Kirchner In Argentinien, wo Politik fast so leidenschaftlich wie Fußball diskutiert wird, ist die Vergabe unfreundlicher Spitznamen für Mächtige nicht unüblich. Néstor Kirchner, Präsident von 2003 bis 2007, bekam die Bezeichnung „Pingüino“ verpasst ( Carla Bruni). Anlass waren – je nach Interpretation – die Herkunft Kirchners im patagonischen Santa Cruz oder sein Schielen. Der Schmähname hatte den Vorteil, dass er den meisten Argentiniern weniger Probleme beim Buchstabieren bereitet haben dürfte als das deutsche „Kirchner“, und er wandelte sich zusehends zum Kosenamen. Im Jahr 2004 sagte er selbst, lieber sei er ein Pinguin als ein Vampir – womit er seine neoliberalen Vorgänger meinte. Als der inzwischen sehr populäre Kirchner im Oktober 2010 starb, brach das vielen das Herz – und im Internet häuften sich Pinguin-Videos als Hommage an den Präsidenten. Die Strömung innerhalb des Peronismus, die auf ihn zurückgeht, heißt jedoch Kirchnerismus, nicht Pinguinismus. Leander F. Badura

P

Picasso Titan der Kunst, niemals müde, im Streifen-Pulli. Gar nicht so einfach, über Picasso zu schreiben und nicht in Klischees zu verfallen. Neben seinem malerischen Werk begeistert vor allem sein Schaffen als Grafiker und Zeichner. Picassos grafische Arbeiten fassen die großen Themen zusammen: die Liebe zur Kunst der Antike, zum Theater, zum Zirkus und Stierkampf, zu den Schöpfungen der Kunst Afrikas oder den alten Meistern. Picasso verwebt sie mit seinem Lebensthema: Erotik.

Als Sohn eines Tiermalers interessierten ihn auch andere Wesen. Sein kleiner Pinguin aus dem Jahr 1907 stammt aus einer Reihe von Tierbildern und machte als Poster oder Massen-Edition Karriere: Rasch, mit einem einzigen Strich zu Papier gebracht, zeigt Picasso hier, was für ein minimalistischer Zauberer er sein konnte. Le Pingouin ist eine seiner bekanntesten Zeichnungen, andere Tierbilder zeigen den Hund „Lumpi“ oder eine Eule. Picassos persönlichen Bezug zum Pinguin konnte die Kunstgeschichte bisher noch nicht belegen. Marc Peschke

T

Trickfilm Ein vorlauter Pinguin gibt damit an, die fettesten Fische zu fangen. Und dann stibitzt er den anderen noch ihre Beute. Dieses Bully-Verhalten nervt Seehund und Eisbären – und das junge Publikum. Eisfischen heißt der Trickfilm, mit dem in Schulen Kinder über Angeberei, Solidarität und Respekt aufgeklärt werden. Dass sich die Frackfritzen als witzige Figuren eignen, haben auch andere erkannt. So flimmerte Pingu seit 1986 über die Bildschirme, die Kinderserie mit Knetfiguren wurde nach ihrem Einstellen 2006 vielfach wiederholt. Die Serie trägt den Untertitel Der kleine Pinguin, der ebenfalls für Bauzi gewählt wurde, einen Animationsfilm, in dem der aufwachsende Held seine Welt entdeckt. Abendfüllend und sogar in 3-D ist der Leinwandschlager Die Pinguine aus Madagascar gestaltet. Der Trickfilm schließt an die gleichnamige Fernsehserie an. Eine Pingu-Bande bricht in Fort Knox ein, um dort Käseflips aus einem Snackautomaten zu stehlen, die nirgends sonst mehr verkauft werden. Natürlich wird es turbulent, wenn die Bande loswackelt.

Sehr erfolgreich und schon dem Titel nach originell ist Happy Feet. Der Computeranimationsfilm handelt von einem steppenden Außenseiter, der aufgrund eines Geburtsunfalls nicht singen kann. Dafür hat er die Fähigkeit, alle Herzen zu rühren. Er bringt die Menschheit im Film dazu, die Überfischung einzustellen. Auch das Publikum überzeugte er: Happy Feet (2006) verdrängte Crocodile Dundee als erfolgreichster australischer Film. Tobias Prüwer

V

Verwirrt Werner Herzogs Dokumentarfilm Begegnungen am Ende der Welt von 2007 ist eine viel gelobte Erkundung des Lebens in der Antarktis. Eine Szene wurde besonderes berühmt. Im Gespräch mit dem Biologen David Anley über eine Pinguinkolonie fragt Herzog, ob es „Irrsinn“ unter Pinguinen gebe: „Können sie verrückt werden, weil sie genug haben von ihrer Kolonie?“ Anley erklärt daraufhin, dass Pinguine manchmal die Orientierung verlieren und sich von ihrer Kolonie entfernen. Unterlegt von sphärischen Klängen zeigt die nächste Einstellung genau das: einen Pinguin, der, wie Herzog erklärt, nicht zu den Futterstellen und nicht zur Kolonie geht – sondern schnurstracks in Richtung der endlosen Weite des Kontinents. Ihn einzufangen und zurückzubringen würde keinen Unterschied machen, er würde umdrehen und in dieselbe Richtung gehen. Während man einem vor den antarktischen Bergen winzig wirkenden Pinguin zusieht, der in den sicheren Tod watschelt, stellt Herzog die Frage: „Aber warum?“ Leander F. Badura

Z

Zigarettenverbot Als Raucher*innen haben wir uns daran gewöhnt, dass wir vor die Tür müssen und auch dort argwöhnisch beäugt werden, wenn wir uns eine anzünden. Von einem Zigaretten(-halte)verbot, wie es Colin Farrell als Penguin im neuen Batman-Film auferlegt worden ist, hab ich noch nie gehört. Zum Bösewicht-Dasein im Film gehört das Rauchen so wie das gruselige Auftreten, fand Mr. Farrell und bat die Produktion, in seiner Penguin-Rolle wenigstens die Zigarette halten zu dürfen. Die Antwort können Sie sich denken. Wen schützt Hollywood eigentlich mit dem absoluten Zigarettenverbot? Wer verfällt beim Anblick eines rauchenden Stars dem Tabak, aber nicht Drogen oder Alkohol? Clara von Rauch

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